die unendliche ruhe im schwedischen wald fand heute morgen ihr jähes ende. seekalken gegen den saueren regen war angesagt.

P7300048punkt sieben uhr gingen ein paar autotüren. durch das offene schlaf- zimmerfenster waren kurz ein paar männerstimmen zu hören. dann zischte eine maschinenzündung. ein greller ton zerschnitt die morgendliche ruhe. es setzte das tiefe brummen eines motors ein. hörbar wurde, wie erste wellen gegen ein schiff schlugen.

heute ist in unserer gegend sjökalkning, seekalken, angesagt. drei männer aus der gegend kamen gestern abend schon mit einem grossen laster und anhänger hierher. darauf waren zwei schiffe, kleinen u-booten gleich, geladen. länglich, gedrungen, mit einem grossen bauch und einem kleinen aufsatz als führerkabine. platziert wurden sie in den regnerischen abendstunden links und rechts des dammes, die nacht hindurch warteten sie auf das signal zum angriff.

heute morgen wurde die aktion gestartet. gerichtet ist sie gegen das seesterben durch algen und schlamm. schuld an allem ist der saure regen, der die vegetation im wasser überschnell wachsen lässt. gemunkelt wird, das alles seien nachwirkungen des reaktorumfalls in tschernobyl. damals kippten die schwedischen seen serienweise hinüber.

unter lautem stöhnen stösst ein lastwagen mit grossen zisternen den geladenen kalk übe r ein langes rohr aus. fixiert ist dieses an den booten, deren grosser bauch abwechslungsweise gefüllt wird, bis sie fast ganz im wasser versinken. dann tuckern sie kampfeslustig auf den see hinaus und sprühen den kalk kanonenartig über das wasser. nach einer knappen halben stunde kommen sie wieder zum damm, um geladen zu werden. einmal ist man links davon aktiv, dann wieder rechts, sodass keine zeit ungenutzt vergeht. schliesslich hat schweden 90000 seen.

jedes zweite oder dritte jahr werden die stillstehenden und damit gefährdeten gewässer so behandelt. die effekte bemerkt man gern; wir beispielsweise haben wieder seerosen in sichtweite des ufers.

das vorspiel dazu ist indessen schrecklich. die ersten vorboten sind zu sehen, wenn sich an ausweichstellen plötzlich kalkberge zu türmen beginnen. dann nimmt der lastwagenverkehr den tag hindurch hörbar zu – und plötzlich ist auch dein see an der reihe. einen tag dauert die übung, während der es faucht und spukt, dampft und nebelt, lärmt und kracht.

der mann auf dem damm nimmt seinen ohrenschutz ab, und tritt zum verwunderten frühaufsteher, der ich soeben geworden bin. er ist stolz darauf, was da unter seiner leitung abgeht. ich bin vor allem erstaunt, wie jäh die ruhe hier gebrochen wurde.

die kreuzung am ende des damms heisst im volksmund „lebensgefährlich“. Erzählt wird, zwei waldfinnen aus der gegend, die in früheren zeiten je ein stück wald bewirtschafteten, seien hier unfreundlich aufeinandern gestossen. dann habe hat es wohl auch gekracht.

mein seekalker meint zu mir: jetzt wisse ich, warum die stelle „lebensgefährlich“ heisse. weil maschinen die naturidylle zerstören, oder sonst der sauere regen das tut, denke ich mir. Als ich auf der veranda stehe, dem treiben aus der ferne zusehe und an meinem kaffee schlürfe, sage ich mir: jetzt weißt du, wie moderne legenden entstehen.

stadtwanderer


Comments

1 Comment so far

  1. Marcel Castaldi on Januar 20, 2011 18:20

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