meine seifen aus aloe für die hautpflege und vanille für die erfrischung des geistes sind aus dem kühlen norden. das duschmittel „wein&rosen“ stammt aus dem warmen süden. die lektüre für die ruhezeiten zwischen zwei saunagängen ist aus der schweiz. peter bichsels gedanken über gott und die welt fordern mich bei der (fast) täglichen schwitzkur im schwedischen holzhausen.

P8020217da glaubte man diesen peter bichsel einigermassen einordnen zu können. der „milchmann“ hatte aus dem primarlehrer einen schriftsteller gemacht. der gründete mit wesensverwandten wortkünstlern den progressiven berufsverband „gruppe olten“. dank der auseinandersetzung mit willy ritschard, dem sp-bundesrat, wurde bichsel gar zum politischen sprecher. seit sein freund aus der politik tot ist, hörte man mehr öffentliches lamento vom solothurner erzähler, das nicht selten aus kneipengesprächen schöpft.

und dann wird peter bichsel 2004 ehrendoktor der theologie an der universität basel. die laudatio rühmt weniger seinen beitrag zur erneuerung der religiösen wahrheit, dafür umso mehr, dass er schreibt, wo die leute lesen, und das man versteht, was er textet. ganz so, wie es die reformierten pfarrherren auf der kanzel auch tun sollten.

der bündner theologe andreas mauz gab sich damit noch nicht zufrieden. er wollte genauer wissen, wie das verhältnis von peter bichsel zur religion ist. aus seiner textsammlung, an der er die frage prüfte, entstand das buch „Ueber Gott und die Welt“, das der suhrkamp-verlag kurz vor bichsels 75. geburtstag erstmals druckte.

erhellend sind vor allem die biografischen anmerkungen. peter wächst in einer pietistisch geprägten familie auf. die eltern sind nicht fromm, schicken den sohn aber in die sonntagsschule. der findet gefallen daran und will unbedingt missionar werden, um gottes botschaft weiter zu geben.

der feldprediger im militär verärgert ihn aber gründlich. bichsel findet es eine anmassung, wenn eine person zum krieg treiben darf und dann den verwundeten den letzten segen spenden will. aus der kirche tritt er dennoch nicht aus.

sein verhältnis zu gott begründet bichsel existenziell. damit, das was ist, nicht alles ist, brauche es gott. jesus nennt er einen verwandten. zwar sei er, bichsel, kein guter cousin, aber stolz, jesus christus zu seiner verwandtschaft zählen zu dürfen.

das privileg der christen sei es, genauso wie jesus anders zu sein. da könne man predigen, was man wolle. anders als die sp, die ihre ursprünge vergessen gemacht habe, kommen die christlichen kirchen an jesus nicht vorbei, schreibt bichsel und kichert mit genugtuung.

über das so aufschimmernde, mehrschichtige verhältnis bichsels zu religion, christentum und theologie gibt der sammelband vertieft auskunft. fünf teile hat er: zuerst die laienpredigten des schriftstellers, dann die geschichte, die kolumnen und die essays zur religion; schliesslich die niederschrift eines längeren gesprächs mit der deutschen theologin dorothee sölle, die jesus christus als anderen begründete.

beim lesen kommt es, wie es kommen muss. bei den geschichten offenbart sich bichsels nähe und distanz zu gott und die welt am besten. geschichten sind sie, weil sie uns an geschichten erinnern, die wir weitergeben wollen. am liebsten erinnert sich bichsel an weihnachtsgeschichten, von denen er selber einige erzählt und geschrieben hat.

das bedürfnis zu erzählen, gehöre zum christentum, ohne jedoch ein privileg dieser religion zu sein. vielmehr sei es ein genuin menschliches bedürfnis, schreibt bichsel. wer nicht reden könne, beginne zu erzählen, weiss er. und die erzählung sei ein mittel gegen die verzweiflung, tröste auch ihn.

doch anders als die geschichten der theologen, die geschlossene lehren beinhalten, sind bichsels geschichten jedoch offen – so, dass sie von anderen weiter erzählt werden. das unterscheidet ihn und seine erzählungen von der theologie deutlich.

wir wissen es: bichsel ist nicht missionar geworden und nach afrika gegangen. seine reise ging bis ins solothurnische bellach, und schriftsteller zu sein, wurde sein beruf. mit religion hat er sich immer wieder befasst, aber mehr als soziologe, der sich interessiert, was mit ihr geschieht, wenn man sie den menschen bringt, denn als theologe, der an gottes botschaft glaubt. denn nicht diese gibt der schriftsteller weiter, sondern die buchstaben, dem grössten geheimnis unserer kultur.

so wirkt die these des herausgebers, in diesem buch dem religiösen bichsel zu begegnen, wie etwas hoch gegriffen. peter bichsel ist weniger religionskritisch, als man denken könnte. das stimmt, und das macht die lektüre zur überraschung. er ist aber auch weniger gläubig, als die theologen mit ehrungen und büchern glaubhaft machen wollen. damit müssen sich die fakultäten und herausgeber vertieft beschäftigen, wenn sie, meiner meinung nach zu unrecht, aus dem populären schriftsteller einen der ihren machen wollen.

so, nun ist aber genug über gott und die welt sinniert worden. es wird zeit, an die frische luft zu gehen …

stadtwanderer


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