erinnern ist das geschäft der historiker. christian meier, einer der renommiertesten geschichtsprofessoren deutschlands hält neuerdings dagegen und spricht vom gebot des vergessens. in einem gleichzeitig grundsätzlichen wie auch oberflächlichen gespräch, das romain leick und henryk m. broder für den spiegel mit meier führten, standen mir die haare zu berge!

pam_011provoziert gerne: pensionär christian meier, weiland professor für antike geschichte in münchen, hält das vergessen schlimmer vergangenheiten für angebracht.

geschichte ist sowohl das geschehene in der vergangenheit, wie auch der bericht darüber in der gegenwart. wo diese unproblematisch ist, verschwindet das interesse an geschichte bisweilen. doch wo sie reich an konflikten ist, ist auch die historie gefragt. genau deshalb ist auch geschichte konfliktreich.

christian maier, emeritierter professor für die antike, einer der bekanntesten historiker deutschlands, ist dabei nicht mehr wohl. sein jüngstes buch („Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns“) hat er seinem unbehagen gewidmet.

zunächst scheint alles klar. zurecht verweist meier auf die hohe wirkung, die friedensschlüsse auf die geschichtsschreibung haben. denn mit ihnen beginnt, mindestens unter den vertragspartnern, die arbeit der versöhnung. doch an das schliesst nach meier nicht etwa die kritik defür begangenen fehler, sondern direkt das vergessen an.

die heutige erinnerungsarbeit an den zweiten weltkrieg – den nazismus und die gräueltaten – widert meier gar an, wie er freimütig bekennt. zum ritual sei sie verkommen, das die heutige generation nicht mehr erreiche. damit hat er nicht unrecht, wenn auch der 81jährige kaum mehr für die jungen leute sprechen kann.

seine begründung ist scheinbar professioneller natur: keine erinnerungsarbeit habe spätere verbrechen verhindert. denn zwischen dem wunsch, aus der geschichte zu lernen, und dem willen, es zu auch tun, bestehe eine grosse diskrepanz. mehr noch, es lasse sich bezweifeln, dass erinnerungsarbeit über das notwendige hinaus irgendeinen gewinn bringe. vielmehr zeigt er sich überzeugt, dass die erinnerung an schlimmes, dieses erzeugen könne, wenn es zu rache und wiederrache anstiften.

„Erinnern, erinnern und nicht vergessen!“ diesem slogan der aufklärer nach dem zweiten weltkrieg widerspricht christian meier direkt. und die beiden spiegel-redakteure romain leick und henryk m. broder halten kaum dagegen, denn sie freuen sich (wie viele journalisten) am tabubruch des prominenten kritikers.

am heftigste geschüttelt hat es mich während der lektüre bei der aussage, wir unterlägen einem trügerischen focuswechsel, denn statt mit tätern, die vormals zu helden geworden seien, sagt der caesar-biograf meier, beschäftige man sich heute mit den opfern und ihren vorkämpfern, die zu den helden gemacht würden. zurecht!, füge ich an.

meier hingegen sagt wörtlich, vergessen könne zwar eine zweite verletzung und damit eine demütigung sein, aber es gäbe fälle, wo man ihnen das zumuten müsse. das halte ich für den grössten stuss, den ich zum thema geschichte je gelesen habe.

so halte ich es mit tacitus, dem römische historiker über die germanen: zum moralischen kern des geschäfts mit der vergangenheit schrieb er, der historiker müsse zwischen gut und böse unterscheiden können, dürfe nicht zum positionslosen chronisten verkommen. politiker sind da allenfalls pragmatischer. politisierende historiker offensichtlich auch!

stadtwanderer


Comments

3 Comments so far

  1. hofnarr on August 3, 2010 19:19

    Klingt eher danach, dass der Esoschmarrn eines Bert Hellinger von der „kleinsten Zelle“ der Familie auf Gruppen, Ethnien, Volksgruppen oder ganze Völker übertragen würde. Schleichende Verblödung halt. Macht kaum mehr vor jemandem halt. (Dass Broder da nicht entgegen hält, wundert kaum)

    Ein Hofnarr würde das so formuliern: Täter (meist im MOb) sind erbärmliche Schwächlinge. – Immer¨- Fällt das „Ding“ in sich zusammen, zb. das dritte Reich, dann soll man sofort vergessen. – Oder die Opfer haben sich bei den Schwächlingen zu entschuldigen.- Logisch irgendwie: Von Schwächlingen darf keiner erwarten, dass sie plötzlich keine mehr sind und Verantwortung für ihr Tun übernehmen. Dort liegt der Hase begraben. Dafür hat Hellinger seine Theorie entwickelt. Und diese findet nun überall Einzug, wo sich Schwächlinge tummeln. Also überall! . Oder so 😉

  2. Röstigraber on August 6, 2010 14:31

    Die Menschheitsgeschichte ein „random walk“. Gedenken wir der armen Täter und vergessen wir die schuldigen Opfer. Da vergesse ich doch lieber eine solche „Altersweisheit“

  3. cal on August 13, 2010 16:27

    schlimm, unter dem titel „erinnerungswut“ darf christian meier seine tirade nun auch im tagesanzeiger wiederholen.
    zudem, die fragen, die ihm gestellt wurden, sind weitgehend identisch mit denen im spiegel.
    von einer kritischen hinterfragung dessen, was henrik broder im spiegel lanciert hat, ist in der kulturredaktion im tagi nicht zu spüren.
    siehe selbst:
    http://www.bernerzeitung.ch/kultur/buecher/Es-herrscht-Erinnerungswut-/story/16337016

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