der erstmals gemeinsam vom stadt und kanton verliehene berner literaturpreis ging diese woche an lukas hartmann, schriftsteller aus köniz. in seiner dankesrede sprach er ausgiebig über oschwand, einem unbekannten ort in der nähe von herzogenbuchsee, in dem sich die halbe europäische geschichte spiegle. das sei typisch für bern, auch, dass man das nicht wisse.

hartmann_3neuer berner literaturpreisträger lukas hartmann

„Im Blick auf diesen kleinen Ort könnte ich von Uranvorkommen erzählen, von schwarzen Perlen, von einer Hühnerrupfmaschine, vom Erdbeermareili, von milionenteuren Bildern, von der Waffen-SS, vom Berliner Theatertreffen, vom polnischen Krakau.“

denn in oschwand unterrichtete vor 40 jahren nicht nur der junge lehrer hans-rudolf lehmann alias lukas hartmann. hier begegnete er auch verschiedenartigsten menschen direkt oder indirekt, die einen bleibenden eindruck hinterliessen.

zum beispiel ein nicht namentlich genannter lehrerkollege, der 1940 wegen hitler ausriss, um als freiwilliger in der waffen-ss zu dienen; nach ostfronterfahrungen und amerikanische gefangenschaft kehrte er in die heimat zurück, um die jugend zu unterrichten.
zum beispiel cuno amiet, der bekannte solothurner maler, der 60 jahre lang in der oschwand sein atelier hatte, götti von alberto giacometti, maler aus stampa war und auch bruno hesse, dem sohn von bekannten hermann, die malerei beibrachte.
zum beispiel städter paul nizon, der gemäss seinen eigenen tagebüchern in der oschwand seinen landdienst verbrachte, und da die kraft des landlebens kennen lernte.
zum beispiel lina bögli, die hauptfigur in christoph marthalers gleichnamigem theaterstück, die schliesslich in kraukau landet, aber aus der oschwand war.
zum beispiel albert bitzius, pfarrvikar in herzogenbuchsee, der regelmässig in der gegend spazierte, um als jeremias gotthelf sein erdbeermareili im tschaggeneigraben entstehen zu lassen, der mit dem mutzgraben in oschwand identisch ist.
zum beispiel ernst glanzmann, dem wunderdoktor aus der oschwand, der daselbst sowohl seltsame schwarze perlen entdeckte, die sich als ausscheidungen von prähistorischen seeigeln entpuppten, als auch mit einem selber gebastelten geigerzähler uran auf dem gemeindebann aufspürte, und, hätte der kanton nicht interveniert, am liebsten eine kleine atomexplosion auf dem gemeindebann ausgelöst hätte.

der frühere journalist lehmann kommentierte das im berner progr so: „Sie sehen, zu welchen Abenteuern eine gründliche Recherche führt. So werden Schichten freigelegt, die zur Ge-Schichte werden, so ergeben sich Zusammenhänge, überall, und genau das ist mein Stoff – es ist der komplexe Stoff des Lebens.“ genau das ist es, was der ausgezeichnete als schriftsteller macht: recherche und intuition verbinden, oder in seinen worten: „Ich finde und er-finde.“

stadtwander


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