nom de dieu!

September 1, 2010 | 1 Comment

„adolf muschg. sax. buchvernissage. leben. politik. tod. gott. nom de dieu!“, steht auf meinem spickzettel zum bericht des heutigen besuchs in zürich.

9783406605178_coveran diesem abend im kaufleuten werden erinnerungen wach. am 6. dezember 1992 scheiterte der ewr-beitritt der schweiz in der volksabstimmung. erst 1995 nahmen die schweiz und die eu wieder verhandlungen auf, um mit den bilateralen einen ausweg zu suchen. im jahr 2000 wurde das erste paket dieses vertragswerkes in einer volksabstimmung gutgeheissen.

während den 90er jahren diskutierten im schweizer ableger des ceps, des centers for european policy studies, einer denkfabrik in brüssel, ausgewählte bankiers, unternehmer, politiker, intellektuelle und medienschaffende unter ausschluss der öffentlichkeit über mögliche strategien der schweiz in europa. dabei waren so unterschiedliche grössen der zeitgeschichte wie hans-rudolf dörig, mario corti, christoph blocher und adolf muschg, alle moderiert von roger de weck, denen ich als junger politologe jeweils mit einigem staunen zuhörte. wortgewaltig waren sie alle, mächtig auf ihre art auch und gescheit ebenso. doch zogen sie an den verschiedensten stricken: direkt in die eu wollten die einen, eine neuauflage der ewr-entscheidung die anderen. schliesslich gab es die überzeugten des helvetsichen alleingangs – bis sich schrittweise der weg der bilateralen herausbildete, auf dem immer mehr wanderten, während wenige auf distanz dazu blieben.

sax, das ist ein adelsgeschlecht aus dem rheintal, das im 12. jahrhundert im gefolge der passpolitik, welche die stauffer als kaiser des heiligen römischen reiches betrieben, mitmachten und dabei gross wurden, sodass sie kaiserliche güter und ämter im st. gallischen und im bündnerland anhäufen konnten. „sax“ heisst auch der neue roman von muschg, durch den die mumie eines der freiherren von hohensax, an der die tödliche schädelwunde bis heute sichtbar ist, ebenso geistert wie seine mitgift, die berühmteste minnehandschrift des mittelalters. und das, obwohl alles in der gegenwart spielt! denn das erzählte leben wird hier vom tod her gedacht, und so endet der roman im jahre 2013, und beginnt er 1970, – just der zeit, in der der autor professor für deutsche literatur an der eth zürich, präsident der akademie der künste in berlin und darum herum erfolgreicher schriftsteller war und es wohl auch noch eine weile bleiben wird.

adolf muschg las an der buchvernissage nur gerade die erste halbe seite seines jüngsten werkes vor, um sein thema spielerisch zu lancieren: den spuk. eingeführt wurden dabei der nebel an der nordsee, die nächtlichen friedhofbesuche, die seancen in gespensterhäusern mit tischen an der decke. all das waren grenzerfahrungen, die einen schon früh auf den tod vorbereiten, meinte muschg. was für ein leben auch immer man geführt habe, dem tod entrinne man nicht, und deshalb sei er, der tod – ganz wie philosoph ernst bloch es gesagt habe – das letzte der erlebnis, das ultimative abenteuer, das jede und jeder noch vor sich habe.

der 76jährige schriftsteller erzählte an diesem abend offensichtlich aus seinem leben, zitierte auffällig häufig literaturgott goethe. er berichtete auch aus seinen roman, um sich über einige der figuren wie thomas schinz, dem privatbankier, dr. fanny moser, der geisterforscherin, dem anwaltskollektiv mit büro in einer dachwohnung und herrn schiess, dem bundesrat, auszulassen. den künftigen leserInnen von „sax“ versprach er, in diesem roman von karriereplanungen bis liebesgeschichten vieles mitzuerleben und dabei die dünne wand zwischen leben und tod zu durchbrechen, was der klappentext zum buch aus dem c.h.beck verlag ein einladung nennt, mehr über ungelebtes leben und den gelebten tod zu erfahren.

roger de weck, der auch heute die veranstaltung moderierte, in der ich, etwas gealtert zwar, wiederum staunender gast war, versuchte hartneckig, das politische in muschgs leben und romanen zu umreissen. so sprach man von blocher (alias bundesrat schiess), den muschg ein wenig auf die schippe nahm, weil jeder mensch einen anker brauche, aber nicht jeder davon überzeugt sein, notfalls sälber id hose steigen zu müssen. sein urteil über den kontrahenten von damals fiel aber einiges milder aus, als man es erwartet hatte. letztlich war auch das ein lob auf die zweideutigkeit oder ambivalenz, die alle stoffe des lebens, so auch blocher, interessanter mache, als die einsilbigkeit oder reduktion der medialen berichte darüber. dabei frotzelte muschg, sei in seiner jugend – ganz anders als heute – ein medium ein frau mit verbindungen ins jenseits gewesen. das wiederum sei nicht sein ziel in seinem nächsten medium, konterte der designierte srg-generaldirektor auf der bühne.

animator roger de weck reizte an diesem abend nebst der politik auch das thema gott. denn adolf muschg war in den 70er jahren mitglied der furgler-kommission gewesen, dem 40köpfigen gremium, das vorschläge für eine neue bundesverfassung macht und auch eine neue präambel dazu diskutierte. man weiss es, die schweiz gehört mit irland und spanien bis heute zu den einzigen, die sich im vorwort zum grundgesetz auf gott berufen, was muschg, der damals für verschlankung dieser ganzen symbolik aus dem 19. jahrhundert plädierte, heute weniger stört als auch schon. immerhin, sein „sax“ endet mit dem wortspiel „In Gottes Namen, fügte Hubert bei. Nom de dieu, vollendete Jacques.“

vielleicht weiss ich nach der lektüre, ob das das politische vermächtnis des schriftstellers ist!

stadtwanderer


Comments

1 Comment so far

  1. cal on September 8, 2010 15:38

    nom d’une pipe!, sagen die schwarz-weiss-maler, wenn die farbdifferenzierung eingeführt wird:
    http://www.bernerzeitung.ch/kultur/fernsehen/TVKritik-Muschg-und-Koeppel-auf-Schmusekurs/story/11360133

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