der abend begann stimmungsvoll auf der terasse des alten tramdepots mit einem bier. die sonne verschwand hinter der stadt, zauberte noch ein wenig licht in den himmel, vor dem wenige wolkenschwaden gemächlich tanzten. nur das berner münster stand gerade in der landschaft, schon ganz dunkel, sodass keine details ersichtlich wurden.

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helles münster in dunkler stadt, die in allen farben den morgigen wahltag für den bundesrat erwartet

weniger schön war die aussicht im bellevue. zwar hatten sich viele leute zur vorwahlparty eingefunden. die parteipräsidenten waren da, das fernsehen, die radioreporter, die chefredaktoren der sonntagszeitungen, lobbyisten aus allen verbänden, soviele politologen wie noch nie, und unzählige politikerInnen aller couleur. doch auf die frage, was morgen geschieht, wusste niemand eine verbindliche antwort zu geben.

die cvp-frauen stritten darüber, welches die richtige strategie gewesen wäre. auf einen wahlsieg 2011 zu hoffen, erneut mit einem kandidaten anzutreten, oder der svp zu einem zweien bundesrat zu verhelfen? der konjunktiv verweis darauf, dass man sich nicht einig geworden war. nicht einmal urs altermatt, der grosse regierungsexperte der schweiz, der cvp nahe stehend, wusste diesmal rat. besser hatte es da hans grunder von der bdp. man sei für die beiden berner, sagte er wohlwissend, dass der rosstall, den er dafür in ordnung bringen musste, noch kein nationales gestüt ausmacht. „glauben sie wirklich“, dass das parlament zwei berner wählen wird, gab doris fiala von der zürcher fdp zu bedenken. mein einwurf, morgen hätten wir entweder 3 welsche, 2 berner, 2 züricher oder 5 frauen im bundesrat, erstaunte sie. so habe sie sich das noch nie überlegt, sagte sie und machte klar, dass sie für karin keller-sutter als wahllokomotive der fdp sei. die wiederum war ein der wenigen kandidatInnen im epizentrum der symbolischen politik des heutigen abends. elegant und eloquent wie immer stand sie radio und fernsehen in allen sprachen red und antwort. ganz anders als jean-françois rime, ihr möglicher herausforderer von morgen, der bekannte, ein echter welschfribourger zu sein. wenn er auf deutsch etwas nicht verstehe, habe das aber nichts mit der sprache zu tun, sondern mit der mentalität. von mentalität sprach man auf der linken seite nicht, eher vom wandel. denn bei den sozis war man sich sicher, eine der beiden kandidatinnen ins ziel zu bringen. selbst wenn man leise präferenzen für die eine oder andere hatte, fast alle beschworen die parteieintracht, wonach es wichtig sei, als gleichstellungspartei morgen für die erste frauenmehrheit im bundesrat besorgt zu sein. bei den grünen gab man sich etwas kleinlauter. man wähle wyss solange frau könne, bekundete jo lang, und wenn sie scheitere, sei vieles offen wie bei alec von graffenried. der sei einen tag für und eine gegen schneider-ammann, und dasselbe auch bei sommaruga. da war bastien girod ehrlicher, als er sagte, er könne sich auch rime als bundesrat mit grünen stimmen vorstellen.

ich war den ganzen abend mit blogger mark balsiger uf dr gass. es musste den coolen prognostiker der morgigen wahl permanent geschüttelt haben, soviel unanalytisches aufnehmen zu müssen. und so schwört er weiterhin auf seine 17 faktoren, die eine person zur bundesrätin oder zum bundesrat machen würde. konkret setzt er auf fehr und schneider-ammann. das ist, wie ich an diesem abend unschwer erkannte, die eine der häufigen prognosen für morgen. die andere lautet schön komplementär sommaruga und keller-sutter. selber wurde ich den eindruck nicht los, dass heute abend niemend wirklich den überblick hatte, weil die wichtigste partei die katze nicht aus dem sack liess: die svp will erst am mittwoch morgen um viertel nach sieben entscheiden, was sie macht, wenn ihr kandidat, der freiburger nationalrat rime ausscheiden sollte. gehen die 66 stimmen der grössten fraktion unter der bundeskuppel auf geschlossen eine der sp-frauen oder der fdp-kandidatInnen, dann ist diese person sicher gewählt. wenn nicht, gehen die wahlpräferenzen quer durch alle fraktionen hindurch, sodass der einzige sichere tipp für morgen ist: gewählt ist simonetta-jacqueline schneider-sutter.

wenigstens an der bellevue bar, fasse ich meine erkenntnisse zusammen, als ich heraustrete und die ganz eingedunkelte stadt sehe, die sich schlafen legt. nur der münsterturm ist erhellt, doch schweigt der, denn er hat morgen nichts zu sagen …

stadtwanderer


Comments

3 Comments so far

  1. Röstigraber on September 22, 2010 13:36

    Während Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer noch die Hommage an ihren Parteikollegen Moritz Leuenberger verliesst, verdichten sich in der Wandelhalle des Bundeshauses und im Ratssaal die letzten Diskussion und Gerüchte aus der «Nacht der langen Messer» zu einer Art kollektiver Prognose: Johann Schneider-Ammann und Jacqueline Fehr würden gewählt – so lautet die Überzeugung der meisten Beobachter.
    Dies war heute morgen u.a. auch bei der NZZ nachzulesen.
    Offensichtlich war es schon dunkel und die Sicht getrübt, als diese ominösen Beobachter ihre Arbeit zu Ende führten, nach dem motto: im dunkeln lernt mann/frau munkeln bzw. wer im trüben fischt, zieht häufig einen Schuh heraus.

  2. stadtwanderer on September 22, 2010 14:02

    Nun, fast richtig lag diejenige Analyse, die am fremdesten wirkte, nämlich diejenige der SOZ mittels Bevölkerungsumfrage. Sie zeigte Sommaruga für die erste Wahl und Schneider-Ammann für die zweite vorne. Unterschätzt wurde das Potenzial von Rime.

    Die Prognose von Mark Balsiger war bei Schneider-Ammann richtig, bei Sommaruga aber falsch. Ueberschätzt wurde das Potenzial von Fehr, wiederum unterschätzt wurde Rime.
    Die Medienprognosen, vor allem vom Blick waren gleich richtig oder falsch wie die Berechnung von Balsiger.

    Die Prognose der Wahlbörse war an sich richtig, schwankte aber bis zum letzten Tag erheblich, und Schneider-Ammann war erst nach der Bevölkerungsumfrage top. Zudem wurde hier nicht zwischen den zwei Wahlen unterschieden, was ein Mangel war.

    Die Stimmungsmessungen vor Ort brachten nichts, denn die Winkelzüge der PolitikerInnen dauerten bis in den letzten Moment. Das habe ich ja selber erfahren, und auch so festgehalten.
    Das liess sich die NZZ täuschen, wie überhaupt die (Züricher) Medien Fehr über- und Sommaruga unterschätzten.
    Loben will ich im Gegenzug die BaslerZeitung, welche die Richtung Mischung aus Riecher und Analyse hatte, und die Wahl heute auf der Fronsteite genau vorweg nahm.

    Generell bin ich der Meinung, das Vorgehen von Balsiger hat das grösste Potenzial für die Zukunft. Es sollte systematisiert und regelmässig verwendet werden.

    mehr dazu unter: http://www.zoonpoliticon.ch/blog/10635/wer-wird-neuer-bundesratin/

  3. Reto Müller on September 22, 2010 22:23

    Es kam so, wie ich es mir wünschte. Wenn ich auf meine Prognosen angesprochen wurde, blieb ich aber still. Das Ergebnis war für mich überraschend deutlich. Jeweils vom 1. Wahlgang an. Die Stärke Rimes war auch erstaunlich. Wer hat ihn gewählt (nebst den 66 SVPlern?). Grüne Protestwählende? CVP? Item. Aus Berner Sicht: Doppelsieg! Auf alle Fälle habe ich den Tag im Bundeshaus heute genossen, auch wenn es zeitweise einem Bienenstock glich.

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