freude herrschte!

September 25, 2010 | Leave a Comment

die macht des bildes wird durch das lächeln bestimmt. eine geschichtliche betrachtung zu drei phasen schweizer bundesratsbilder.

bundesraete_teaserFullPicture_1_7673878_1285331437quelle: nzz (alle fotos im original an- sehen)

vor genau fünfzig jahren duellierten mit richard nixon und john f. kennedy zwei amerikanische präsidentschaftskandidaten erstmals live im fernsehen. zahlreiche mythen ranken um diesen sendung, denn in der wahl obsiegt der demokrat kennedy vor dem republikaner nixon. zu diesen gehört, nixon habe die wahlen nur wegen des tv-auftritts verloren.

was auch immer: politik wurde damit zum ereignis – zur medial verdichteten handlungsabfolge, von der man erwartet, dass sie eine konsequenz haben würde. mit der handlungsabfolge verlagerte sich die beurteilung von der sache zum bild, vom verbalen zum non-verbalen und vom inhalt zur form. damit stieg die bedeutung der person als kommunikator, ihr visuelles profil begann das politische zu konkurrenzieren.

es waren schon damals die printmedien, die das ganz verstärkten, die im nachgang zu fernsehduelle von den usa bis zum leutschenbach beschäftigt sich der boulevard vor allem mit dem äusserlichen: dem fahlen nixon gegenüber den sunnyboy kennedy, dem gepudertem gegenüber dem geschminkten und dem unrasierten gegenüber dem rasierten. und immer gewann der demokrat über den den republikaner.

seither die macht des bildes selbst in der so textlastigen nzz gelegentlich ein thema. denn wir reagieren anders auf politische botschafter als auf politische botschaften. heute ist man sich einig, dass die personalisierung der politik bei wahlen entscheidend ist. die person steht aber nicht einfach für sich. deshalb wählen wir nicht nur politikerInnen, die dem gegenwärtigen schönheitsideal entsprechen. man schaue nur in die parlamente. vielmehr vermittelt die person die glaubwürdigkeit des inhalts. sie wird zur vermittlerin der werte hinter den inhalten, denn diese vergessen wir oft zu schnell, während uns das gesicht mit der lebenswelt des menschen, den images von kandidatInnen und den idealen oder ideologien ihrer parteien bleiben.

denn männer mit brille erinnern uns nicht an die gleichen hintergründe wie männer mit schnauz. ihr blick verrät etwas über ihren geisteszustand, ihre frisur aber etwas über ihre vorbilder. das alles wird verstärkt durch durch kleidungsstücke, weil uniformen, anzüge, halsbinden, krawatten und fliegen trägt man nicht ohne, dass man etwas stilisieren will. und sei es nur schon, dass man damit seine ländliche verbundenheit oder urbane kultur zur schau tragen will. das alles wird durch das geschlecht der politikerInnen verstärkt. nicht nur, weil männer anders auf frauen reagieren als frauen – und umgekehrt. nein, immer auch, weil ihr geschlecht eine botschaft über den sozialen wandel und dessen verarbeitung in einer partei ist.

mehr als 1000 worte sagt schliesslich das lachen auf bildern. die bundesräte in der gründungszeit des bundesstaates, die noch kaum abgebildet wurden, bemühten sich, mit einer strengen miene ernsthaftigkeit mitzuteilen. mit ihrer medialisierung vor 50 jahren entstand eine zweite generation von politikerInnen. denn nichtlachen wurde jetzt zur langeweile. die gesichter müssen seit mehr ausdrücken, aufmerksamkeit erheischen, gewinnend im wahrsten sinne des wortes werden. friedrich traugott wahlen, einer der sieben in der ersten zauberformel-regierung von ende 1959, wusste das am besten. der populäre agronom, der erfinder der anbauschlacht, war schon vor seiner zeit als politiker zur legende geworden, denn der professor stand wie kein anderer für durchhaltewillen im zweiten weltkrieg, der es uns erlaubte, mit vorteilen in die nachkriegszeit aufzubrechen. die so gewonnene zuversicht drückte sich in einem verheissungsvollen lächeln auf dem offizielle bundesratsfoto aus, das ihn als ersten so klar von der griesgrämigkeit seiner vorgänger abhob. ruedi gnägi, dem die soldaten das einzig positiv stimmende kleidungsstücke unter den armeeuniformbestandteilen, den olivfarbenen rollkragenpullover („gnägi-liibl“) verdanken, war der erste, der fröhlichkeit zur hauptbotschaft seiner visuellen kommunikation machte, während die kunst des lachens als bestandteil der politischen kommunikation mit micheline calmy-rey ihren höhepunkt erreichte. einigen vor und nach ihr missriet der hochgezogene mundwinkel auf dem staatsmännerbild gründlich. zum beispiel georges-andré chevallaz, der bis heute leicht angeheitert wirkt, oder hans-rudolf merz, der schon damit zur kultfigur des comics avancierte.

doch könnte aus dem freude herrscht von adolf ogi, dem medienbundesrat à la kennedy par excellence, ein freude herrschte geworden sein. denn es scheint so, dass wir heute eine dritte generation von politikerInnen vor uns. das mindestens kann man vermuten, wenn man sich die drei jüngst gewählten bundesrätInnen per fotoo ansieht. nach der hypermedialisierung im bundesratswahlkampf scheint das lachen didier burkhalter, simonetta sommaruga und johann schneider-ammann abhanden gekommen zu sein. das ist schon bald unser halber jetziger bundesrat, sodass ich gespannt bin, was wir dereinst daraus über die genannten, ihre politik und unsere zeit lernen.

stadtwanderer


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