in meiner kindszeit spielte ich gerne indianer und cowboy. klar, wir hatten unsere helden, winnetou oder robin hood. doch wussten wir schon früh, dass sie nicht wirklich, nur erdacht waren. später, im gymnasium, waren wirkliche vorbilder wichtiger: mahatma gandhi, che guevarra, ho chi minh oder mutter theresa, die sich alle für eine bessere welt eingesetzt hatten.

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peter von matt, germanist, buchautor und zeitdiagnostiker äussert sich über schweizergeschichte in der postheroischen kultur der gegenwart

da erschienen die schweizer helden, die sich in alten schlachten hervorgetan hatten, irgendwie komisch. spätens nach der rekrutenschule war einem auch klar: was auch immer da einmal gewesen sein mag, davon ist heute nichts mehr übrig geblieben. deshalb glaubte man auch kaum, dass der zweite weltkrieg wegen unserer armee an der schweiz vorbeigezogen war. entsprechend fiel das urteil über die feiern der veteranen aus.

der berliner politikwissenschafter herfried münkler, hat das in drei begriffe gefasst: präheroische, heroische und postheroische gesellschaften unterschied er. die ersten leben von schlägerbanden ohne historisch-politisches bewusstsein. die zweiten haben ihre helden, die aus kriegen hervorgegangen sind und pflege die erinnerung an sie, während die dritten mit forderungen nach opferbereitschaft und ehrgefühl zugunsten neuer herausforderungen kaum mehr etwas anfangen können.

im grossen interview mit der nzz am sonntag nimmt peter von matt diese vorstellung mit bezug auf die schweiz auf, ohne von einer abfolge der gesellschaftsformen auszugehen, mehr, um das gleichzeitige des ungleichzeitigen in uns aufzuzeigen.

auch er sei in einer heroischen umgebung aufgewachsen, sagt der luzern. einmal sei er zeuge gewesen, wie sich ein besoffener aufgerappelt habe, um den alten eidgenossen keine schande anzutun. dabei sei es schon nachkriegszeit gewesen – dem grossen bruch mit den vermeintlichen heroen, welche europa in die bisher grösste katastrophe gestürzt hatten. das habe die schweiz mit verzögerung nachvollzogen, etwa mit der kritik an den diamantfeiern 1991. das können man auch an den vorstellungen der schweiz an der expo nachvollziehen: 1964 war der pavillon der armee ein gewaltiger igel. 2002 habe die armee gar nicht mehr stattgefunden, dafür sei man, etwas ratlos, an einer wellness-chilbi teilgenommen.

nun ist peter von matt dafür bekannt, dass er auch in postheroischen zeiten an die bedeutung der geschichte glaubt. denn jeder mensch ohne erinnerung lebe im leeren, sagt er, um beizufügen, das das eigentlich niemand wolle: „Und deshalb gibt es einen stillen, aber entschlossenen Aufbruch in das verlorene Eigene.“ da gehe es nicht mehr um idole. aber um die eigene, tatsächliche geschichte. produktionsweisen, lebensformen und alltagskulturen interessierten dafür, weil es zu uns gehört, und uns niemand nehmen kann, angesichts der zusammengebrochenen ideologien nach 1989.

den neuen aufbruch sieht von matt zwischenzeitlich auch in der wissenschaft. dass geschichtsbücher wie das von thomas maissen geschrieben würden, sei ein gutes zeichen. denn es sei nicht positionslos verfasst, aber auch nicht aus der warte des richters, der den gang der weltgeschichte besser als alles andern kennen würde. in rückkehr begriffen sei auch die erzählung, die nicht einfach ursachen und folgen aufzeige, sondern auf der suche nach sinn sei.

dabei geizt der emeritierte literaturprofessor nicht mit seitenhieben: die svp versuche, direkt zur heroischen geschichtsschreibung zurückzukehren. das schienbare ende der 68er erlaube, geschichte wieder so zu sehen, wie sie schon immer gewesen sei. doch das sei bloss restauration der alten ideologie. von matt mag aber die hype von heidi in der konsumwelt nicht. weil bald jeder käse und sirup so heisse, möge er gar nicht mehr einkaufen gehen.

am liebsten wäre peter von matt, wir würden uns mit den wirklichen aufbrüchen in der schweizer geschichte beschäftigen. zum beispiel mit 1830, einem der europäischen revolutionsjahr, das in der schweiz gezündet habe wie kein anderes. entstanden sei damals die schweiz der gemeinden, der kleinen netzwerke, die sich selbst verwalten wollten, aber auch die moderne schweiz, die sich wirtschaftlich entwickeln wollte, offen für industrialisierung und modernisierung gewesen sei, und schliesslich auch die politische schweiz, die über handels- und gewerbefreiheiten hinaus an der vision einer direkten demokratie der bürger (später auch der bürgerinnen) gearbeitet habe.

leider höre man darüber fast niemanden reden, beklagt sich der literaturpapst. dabei stimmt das wirklich nicht! ich werde ihm eine stadtwanderung anbieten – nicht um neue heroen zu schaffen, denen auch ich kritisch gegenüber bleibe, aber um die geschichten zu erzählen, die zu uns gehören, und von denen andere auch erfahren sollten.

stadtwanderer


Comments

1 Comment so far

  1. Giorgio Girardet on November 26, 2010 23:30

    Schön nimmt sich einer des von Mattschen Bedürfnisses an. Ich melde mich hiermit auch an diese Stadtwanderung an. Vielleicht entsteht ja auch in der „Willensnation“ etwas dazu, denn 1830 gehört ausdrücklich in die „Sattelzeit“ (1750 – 1850) in welcher der moderne Bundesstaat Gestalt annahm. Ich denke von Matt hat recht, denn ich höre Joe Lang und die anderen „vernunftbesoffenen“ Utopisten immer nur von den genialischen Pfundskerlen von 1848 brambasieren, aber ohne 1830 kein 1848. Und diese Epoche hat gerade von sehr grossen Schweizern (Gotthelf, Burckhardt) eine sehr skeptische Bewertung erfahren.

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