aegidius tschudi lebte im 16. jahrhundert. der glaner war politiker, wirkte in sargans, rorschach, baden und schliesslich in rapperswil. wo auch immer er ämter inne hatte, suchte er nach alten verträgen und schriftlichen erzählungen. daras entstanden die ersten geschichtswerke zur schweiz, in denen der heutige 8. november im jahre 1307 von grosser bedeutung war.

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schweizer karte von aegidius tschudi aus dem jahre 1538, welche die alte eidgenossenschaft der 13orte zeigt, im moment als die junge gemeinschaft wegen der reformation in zwei bünde zerfiel.

nach ausbruch der reformation verfasste tschudi seine schweizer chronik. dabei behandelte er die geschichten des raumes, der durch die auseinandersetzung mit den haus habsburg zwischen 1393 und 1499 zusammengewachsen war, angesichts der reformation aber in zwei lager zu zerfallen drohte. wilhelm tell kam dabei zu ehren. der bauer aus dem schächtental avancierte so erstmals zu symbolfigur für urtümliche schweiz, auf die man sich auch bei unterschiedlicher konfession und weltanschauung beziehen konnte. und mit wilhelm tell entstand erstmals auch die gründungssage der eidgenossenschaft.

die allem zu grunde liegende verschwörung datierte aegidius tschudi auf mittwoch vor martini. die nachträgliche umrechnung datierte das auf den 8. november 1307. damals sollen sich die innerschweizer zusammengerottet haben, um ihren aufstand gegen das königshaus habsburg zu vereinbaren, das die verbrieften rechte der innerschweizer nicht anerkannen wollte. nur 10 tage lässt tschudi den habsburgische vogt hermann gessler wilhelm tell in der hohlen gasse zum legender apfelschuss auf seinen sohn befehlen. danach soll es in gebrodelt haben rund um den vierwaldstättersee. am neujahrstag sei es dann mit dem grossen burgenbruch in der schweiz losgegangen, bis am 1. mai 1308 könig albrecht i. von habsburg vom verwandten johannes von schwaben und helfershelfern unter den eidgenössischen kleinadeligen umgebracht wurde. erst sein nachfolger, der luxemburger heinrich vii., bestätigte 1308 die freiheitsbriefe der urner, schwyzer und erstmals auch die nachgereichten der unterwaldner.

aegidius tschudi befasst sich nicht nur mit der gründungssage der schweiz, die bis ins 18. jahrhundert nach ihm erzählt wurde, erst dann, angesichts neuer quellen stück für stück umgestaltet wurde, bis sie 1891 die von wilhelm öchsli neu verfasste form erhalten hatten, welche die jahrhundertfeierlichkeiten des damaligen jahres mit dem 1. august als höhepunkte prägte, weil die geschichte von 1307 auf 1291 und von albrecht von habsburg auf seinen vater rudolf von habsburg umprojiziert worden war.

tschudi schrieb bis 1572, seinem todesjahr auch an einer umfassenden geschichte unseres raums, von den anfängen bis in die damalige gegenwart. denn der humanist war dem mittelalterlichen denken, wonach die welt ein ei mit papst und kaiser an der spitze war, entrückt. seit der renaissance war man sich gewahr geworden, dass diese ei nicht anfang und ende der welt, sondern nur eine phase in der entwicklung gewesen war. in der gallia comata, dem gewöhnlichen gallien begründete liess er die burgunder, die alemannen und die langobarden im 5. bis 7. jahrhundert der reihe nach ins gebiet der späteren eidgenossenschaft einwandern und dabei die noch älteren siedler der rätier und gallier überlagern, die vormals unter römische herrschaft geraten waren, bis die von den germanen zerstört worden war.

für die zeitgenossen tschudis war dieses neue, posthum bekannt gemachte bild der schweiz ein hammerschlag. denn der raum, indem wir und indem sie lebten, ist durch verschiedene, zurückliegende einwanderungsweillen demografisch und kulturell geformt worden. die kelten (oder gallier und raetier) bildeten die älteste, identifizierbare grundlagen, aus den nach der römischen herrschaft gallo- und rätoromanen geworden waren, dann von mehr oder minder assimilierbren germanenstämme überrannt wurde, die ihrerseits unter merowingische, karolingische, sächsische, fränkische und schwäbische herrschaft gerieten, dabei teile des (heiligen) römischen reiches im hohen mittelalter bildeten, bis dessen macht im 13. jahrhundert stückweise zerfiel, und die trutzgemeinschaften der eidgenossen an verschiedenen stellen entstanden, auf die wir uns direkt beziehen.

die lehre daraus ist bis heute hart: erstens, jede geschichte eines volkes ist soweit richtig, als sie die geschichte anderer völker, die durch wanderungen und eroberungen vertrieben, unterdrückt oder ausgerottet wurden, mitdenkt. zweitens, unser bedürfnis nach grundungssagen entstand mit der renaissancegeschichtsschreibung à la tschudi, als sich die historiker gewahr wurden, dass die vorfahren, auf dies sich die volksgeschichte bezog, nicht die ersten waren, die da siedelten, sondern nur in einer kette von siedlern rechte beanspruchen konnten. diese zurückversetzung in den zustand der normalität wurde durch die erzählung der spezialität, die aus einer gründung hervorgegangen sei, überhöht.¨

erzählt am 703. jahrestag der ersten vermeintlichen gründung der eidgenossenschaft.

stadtwanderer


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