gemeinhin bringt man geschichte mit zeit in verbindung. denn die geschichte ist sowohl das geschehene, wie auch die erzählung darüber. alles erzählte hat einen ort, an dem etwas geschah, an das man sich erinnert. orte, kann man sagen, haben geschichte, sind ausdruck von beziehungen und stiften identität. wer den stadtwanderer kennt, weiss um genau diese zusammenhänge.

9783406605680_largemarc augé, ein führender ethnologe in frankreich, entdeckte die nicht-orte. flughäfen, supermärkte, flüchtlingslager sind für ihn orte des ortlosen. ihnen gemeinsam ist der übergang. weder wird man an nicht-orten heimisch, indem man sich niederlässt, wohnt und privatheit entwickelt. noch sind sie orte des öffentlichen lebens im eigentlichen sinne, weil man nur auf durchreise ist, sich mit waren eindeckt, die man mitnimmt, oder mit eben diesen versorgt wird, ohne dass man bleiben will.

nicht-orte schaffen keine gemeinsamkeit, schrieb augé vor knapp 20 jahren in seinem buch über non-lieu. denn an den nicht-orten herrscht einsamkeit vor. sie entstehen mit der modernisierung der lebens, der globalisierung der welt. denn mit ihnen wächst die entwurzelung, nimmt die mobilität und urbanität, lösen sich geschichte und ort auf.

an nicht-orten wimmelt es an menschen, die sich kreuzen, ohne sich füreinander zu interessieren. sie haben es gelernt, sich auszuweichen, statt sich im andern zu spiegeln. sie stellen keine fragen, weil sie gar keine antworten erwarten. sie leben nicht wirklich; sie funktionieren nur.

so treffend die idee von marc augé war, um die veränderungen in den städten der gegenwart zu diagnostizieren, so fragwürdig bleibt seine pauschalisierung. denn heute wird kein einkaufszentrum mehr gebaut, das nicht auch als treffpunkt dient, mit erlebnisparks für kinder, kinos für jugendliche und restaurants für erwachsene. so flüchtig das leben da auch sein mag, immer wieder finden sich auch an orten des ortlosen orte des treffens. flughäfen wiederum sind orte des wiedersehens und der freude, der trennung und des schmerzes, der liebe, die neue beziehungen und identitäten schafft. das alles gilt gerade auch für das flüchlingslager, dem chaos der individuellen geschichten, aus dem sehr wohl ein ort neuer kollektiver identitäten entstehen.

eines stimmt schon, wenn man sich durch die neu aufgelegten gedanken von augé liesst: der dichteste ort in bern, ist die altstadt. nicht wegen ihrer architektonischen enge. sondern wegen dem, was in ihr alles geschah, wie es repräsentiert wird und damit ein raum der gegenwart und vergangenheit ist. da kann das westside nicht mit halten. nicht nur weil es neu ist. eher weil es nicht zum bleiben einlädt, höchstens zum verweilen. so dürfte es ein ort unendlicher vieler geschichten werden, nicht aber der geschichte. und erstaunt es nicht, dass ich auf 100 wanderungen, die ich mache, vielleicht eine in die neue kunstwelt am rande des geschehens mache.

stadtwanderer


Comments

3 Comments so far

  1. The Pedestrian on Dezember 12, 2010 22:40

    Das Schöne an Neuauflagen von älteren Texten ist ja, dass sie zeitgleich (wieder-)gelesen werden. Und Augés Text ist für Flaneure, Spaziergänger, Stadtwanderer und andere Fussgänger durchaus anregend. Aus diesem Blickwinkel habe ich ihn gelesen.

    In einem Punkt habe ich den Text anders gelesen als der STADTWANDERER: Die Begriffe Ort und Nicht-Ort sind Idealtypen. Für Augé existieren Orte wie Nicht-Orte niemals in reiner Gestalt (S. 83). «In der konkreten Realität der Welt von heute überschneiden und durchdringen Orte und Räume, Orte und Nicht-Orte sich gegenseitig» (S. 107). «Das Paar Ort/Nicht-Ort dient als Maßstab für den sozialen oder symbolischen Charakter eines Raumes» (S. 124).

    Langer Rede kurzer Sinn: Ich freue mich drauf, auf Spaziergängen (auf Spaziergängen übrigens, die des öfteren durch eher nicht-örtliche Räume führen) die Gedanken Augés mit dem Vorgefundenen zu verknüpfen. Und schauen, obs was wird …

  2. rittiner & gomez on Dezember 13, 2010 07:40

    irgendwie mögen wir nicht orte, gerade weil sie noch nicht mit geschichte belastet sind und somit hier noch alles geschehen kann.

  3. Ate on Dezember 15, 2010 01:03

    Flughäfen und Einkaufszentren mögen zwar schon ein Ort der Durchreisenden sein, aber dennoch gibt es an diesen Orten eine Verbindung der Zurückgebliebenen, das wären die Angestellten, die sich tagtäglich sehen, sich kennenlernen und jahrelang neben- und miteinander herleben.
    Doch das ist nicht das Thema.
    Marc Augé sieht die Insassen der Flüchtlingslager als Ortlose. Mit der Zeit wird auch ein Nichtort zum Ort. Aber ich seh die Verbindung nicht, denn der eine ist mobil, der andere gezwungenermassen sesshaft, aber ein Ort ist immer vorhanden.

    Dem mit dem Supermarkt mag ich widersprechen, oder meiner war vielleicht eine Ausnahme.
    Man traf sich täglich, eben an einem Ort der eigentlich kein Ort war. Jeder kannte in der Zwischenzeit jeden. Vermutlich wurde da, im Supermarkt mehr geredet als zu Hause in der Familie.
    Nein, in diesem Supermarkt holte man sich nicht nur Waren aus den Regalen, nein, man tat das was selbstverständlich sein sollte: Man sah den Ort nicht als Ort des Vorbeigehens.

    Auch wenn ich verstehe, was Marc Augé ausdrücken will, ists doch der Mensch der aus einem Nicht-Ort einen Ort machen könnte, ob der Ort nun hektisch ist, oder frustriert in einem Flüchtlingslager.

    Und nun meine Kehrtwende, da sei das Flüchtligslager ausgeschlossen, da es in diesen Katalog nicht reinpasst: Warum züchtet man Menschen jahrelang in ein Schema von Hektik und Stress rein und stellt sich schlussendlich die Frage, warum der Mensch an gewissen Orten keinen Ort mehr hat?

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