1995 steuerte der streit zwischen verkehrsminister adolph ogi und finanzminister otto stich seinem höhepunkt zu. denn der berner svp-bundesrat warb aus regionalpolitischen überlegung für zwei neat-transversalen, derweil das sp-regierungsmitglied die finanzierung von zwei tunnels für eine schwere belastung für den öffentlichen haushalt hielt.

detailder perfekt inszenierte wechsel von otto stich zu moritz leuenberger im bundesrat bescherte der sp den grössten wählerInnen-zuwachs seit einführung des prozorzwahlrechtes.

am 31. august kam es zur überraschende wende. otto stich kündigte seinen rücktritt aus der bundesregierung an. das war auch gleichzeitig die geburt des event-marketings. denn mit dem ausscheiden eines ihrer bundesräte mitten im nationalratswahlkampf überraschte die sp nicht nur die gesamte politische konkurrenz. die traf, kann hatte sie den ersten hammerschlag getroffen, gleich ein zweiter. die auf alles bestens vorbereitete sp-präsident peter bodenmann präsentierte in der folge7 denkbare nachfolger für otto stich, mit denen man sich hinfort medial auseinandersetzen musste, womit man unfreiwillig deren wahlkampf und den der sp oben drein betrieb.

man weiss es: nie gewann die sp seit einführung des proporzwahlrechtes für den nationalrat einen so grossen wählerInnen-anteil hinzu wie 1995. und die plus 3,3 prozentpunkte sind bis heute der sp-rekord geblieben.

das hat das szenario „bundesratsrücktritt im wahlkampf“ berühmt gemacht. 1999 kopierte es die cvp und rette so die vorläufig letzte erfolgreich doppelvertretung im bundesrat. doch löste diese nachahmung auch politische gegenreaktionen aus. bundesratsrücktritt im wahljahr sind seither verpönt. die cleverste schlussfolgerung hat die svp darauf gezogen: sie setzt seither auf den wahlsieg, der sie im bundesrat stärken oder ihre vertretung sichern soll. 2003 brachte diese christoph blocher in die bundesregierung, 2007 täuschte sich seine partei nach dem wahlsieg jedoch, den sitz ihres stars mit dem wahlergebnis gesichert zu haben.

wie überraschend das perfekt vorbereitete neue momentum im wahlkampf 1995 war, lässt sich aus folgender remineszenz ableiten: radio drs vermeldet am 31. august in den 14 uhr nachrichten den rücktritt von otto stich als primeur. als die zuständige redaktorin die info, die sie kurz davor erhalten hatte, durch die bundeskanzlei verifizieren liess, dementierte diese zuerst. man sei eben noch in der bundesratssitzung vertreten gewesen; keine spuren von rücktrittsdiskussion seien erkennbar gewesen. nur wenig später kam dann die überraschende bestätigung aus dem bundeshaus. stich habe ganz am ende der sitzung sein rücktrittsschreiben verlesen – womit alles seinen lauf nahm.

seither nennt man das ereignismanagement. ausgangspunkt ist eine stark verdichtete handlungsabfolge, die medialisiert eine erwartungshaltung kreiiert, dass jetzt etwas entscheidendes geschieht. weil medien solche situationen lieben, gibt es spin-doctors (in parteien, in pr-agenturen, aber auch in medien selber), die solche geschichten drehen, damit kontinuierliche aufmerksamkeit erheischen und aber einer gewissen dauer ihrer kampagne meinungsbildend wirken.

überigens: die neat wurde gebaut, stichs nachfolger moritz leuenberger musste allerdings viele zusätzliche mittel auftreiben, um beide ogi-röhren finanzieren zu können. und im wahlkampf 2011 spekuliert man wieder, die viel kritisierte bundespräsidentin micheline calmy-rey könnte im september 2011 zurücktreten, um den sp-wahlkampf zu beflügeln. damals hatt die partei die 18.5 prozent wählerInnen-anteil aufzupolieren; diesmal wären es die 19,5 aus der letzten wahl!

stadtwanderer

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