die andere stichwahl

März 12, 2011 | 3 Comments

geladen hatte der trachtenverein wohlen. gekommen waren 250 personen, die meisten aus meiner wohngemeinde wohlen. es wurde getanzt, gesungen, gegessen und getrunken – und zwischendurch gabs das theater „stichwahl“.

„aerger für herger“ war das motto des volkstheater. matthias herger, berner nationalrat der stadtlandpartei, wollte seit langem kantonalpräsident seiner partei werden. die belastung durch die politik war hoch, das eigene unternehmen lief schlecht. eine eigentlichen durchbruch erwartete der gut 50jährige durch seine wahl – weniger für die partei, mehr für sich! das sah patrizia bichsel, eine dreissig jährige anwältin unter den parteimitgliedern genau umgekehrt. frischer wind durch frische leute sollte der partei neues leben einhauchen – mit ihr als präsidentin.

dramatik kam in die aufführung, als die hintergründe der stichwahl ausgeleuchtet wurden. denn herger war im vorjahr nicht mit seiner parlamentskommission in die ukraine gereist, sondern in seine heimatgemeinde, wo er sich in seinem ferienrustico auf eine liebschaft einliess. überrascht wurde er dabei von seiner erwachsenen tochter, denise, die sich danach entsetzt ins auto stürzte und unter mysteriösen umständen einen schweren unfall baute, der ihre persönlichkeit entstellte. das verhältnis hatte herger ausgerechnet mich bichsel, seiner parteikollegin, die nun gegen ihn antrat.

die wahl fand im tagungszentrum der heimatgemeinde von herger statt, gerade neben dem rustico. mit der ankunft der familie herger rekonstruiert sich die familiengeschichte, die trägödie um ihre tochter und liebschaft des mustergatten, von der nicole, die ehefrau, erst am wahltag erfährt. eilends geht sie ins wahllokal, wo sie mit der nebenbuhlerin anstösst, allerdings mit sekt, den sich vorher mit schlafmittel präpariert hatte.

so kommt es zu einer dramatischen stichwahl. herger gibt sich selbstbewusst, der parteivorstand stützt ihn, ebenso seine ehefrau, und die sonntagspresse, die beeindruckt ist, das in diesem wichtigen moment die familie herger samt tochter vereint anwesend ist. bichsel wiederum taumelt schlaftrunken ans redepult, hat nur eine vergraulte ex-nationalratskandidatin hinter sich, sagt wenig, und als sie ausrasten und die ganze wahrheit auspacken will, setzt man sie in die hinter reihe der parteimitglieder.

dr. fernando plüss, dem parteisekretär, bleibt nur noch, die stichwahl gemäss statuten durchzuführen. doch lässt er nicht die parteimitglieder entscheiden, sondern das publikum. das erhält wahlzettel, wie es sich gehört, bestimmt werden stimmenzählerInnen, wie man das kennt, und dann wird ausgemehrt.

es gewinnt die herausfordererin patrizia bichsel, die dreimal mehr stimmen macht, als der anfängliche favorit, matthais herger.

als der vorhang fällt, wähnt man sich in einem stück realität. unverkennbar gespielt wurde hier die traditionsreiche bernische svp. es mischen fast unzertrennbar das politische und das gesellschaftliche. in diesem gibt es das öffentliche und das private. dieses wiederzum zerfällt in echtes und getäuschtes. all diese ebene verleihen dem geschehen auf der bühne spannung.

regie führte wie jedes jahr bei den aufführungen des wohlener trachtenvereins annemarie schädeli. sie scheint die mentalität der landleute gut zu kennen, ohne ihr milieu mit dem theater zu brüskieren. die fassade, von der man am anfang wenig überrascht kenntnis nimmt, bröckelt mit jedem schritt, mit dem man auf die entscheidung im machtkampf zugeht. das macht das stück, durchwegs von laienschauspielerinnen gespielt, lebensnah.

an ende war ich froh, nur gast im wohlner räberhaus gewesen zu sein. denn die analyse wäre mir nicht leicht gefallen. in der stichwahl habe ich mich nämlich enthalten, nicht weil ich neutral bleiben wollte, sondern weil mich beide protagonistInnen des stücks politisch nicht überzeugten.
die unterhaltung am abend – einem stück begegnung zwischen stadt und land – habe ich dagegen ausgiebig genossen.

stadtwanderer


Comments

3 Comments so far

  1. Ate on März 17, 2011 01:09

    Als ich Deinen obigen Text las, dachte ich, dass Du auch an der Vorführung von Gisela Widmer im Luzerner Theater Freude haben könntest.
    Ist eine Satiere, die auf das Schweigen der Linken vor der Minarettinitiative abschiesst.

    Das Thema ist abgöttisch: Bruder konvertiert zum Islam und steht eines Tages mit gepackten Koffern vor der Türe seines linken Bruders und seiner feministischen Frau.

    Beide tolerant und aufgeschlossen stimmten natürlich für ein NEIN, stell ich mir nun mal vor und da kommt der kovertierte Bruder und bringt ihr Weltbild ins Wanken. Nicht wirklich ihr Weltbild, sondern ihre Blauäugigkeit, stell ich mir nun mal vor.

    Ich hab mir den 20.5. gebucht. Vorstellungen gibt es ansonsten noch am 17.4. und am 21.5.

  2. Ate on März 17, 2011 01:21

    Mein Gott, ich Zwaschperl, nur meinen Hirnströmungen folgend und davon ausgehend, dass die anderen sie auch kennen:

    Biedermanns.umgezogen heisst das Stück.
    Und nun schreib ich mal ab:
    Es ist eine Satire, die lose auf Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ fusst und dabei die innerlinke Debatte über den Islam kritisch beleuchtet.

    Noch ne andere Frage. Warum ist es auf des Stadtwanderers Seite so stumm? Nicht von Deiner Seite her, aber wo bleiben die Kommentare?

  3. stadtwanderer on März 17, 2011 08:07

    gisela widmer moderierte die 50jahrtagung unserer gesellschaft für praktische sozialforschung. eine woche vor der abstimmung übers minarettverbot.
    schon damals war klar, dass sie ja stimmen würde – und das mit einem beträchtlichen protest. ich habe sie allerdings nicht sehr politisch empfunden, in der begründung, eher persönlich, wie viele der linken frauen, die für sich ein zeichen setzen wollten.
    ja, das würde dann wirklich passen zu meiner geschichte über die stichwahl!

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