im dritten und vierten teil seiner übersicht über die berner (wirtschafts)geschichte geht historiker und journalist stefan von bergen auf den aufstieg und niedergang der berner ökonomie – und der rolle von politik und unternehmern hierbei.

StaldenChocolaitsinnbild für die traditionsreiche, aber nicht zukunftsträchtige berner wirtschaft: die unvergessliche stalden-crème

als eigentlicher einschnitt mit dem selbstverständnis, schweizerische spitze zu sein, bezeichnet der autor den 1968 erstellten bericht der volkswirtschaftsprofessoren paul stocker und paul risch. ihre röntgenaufnahme, unter dem titel einkommenslage und wirtschaftsstruktur des kantons bern dem regierungsrat vorgelegt, ist alarmierend.

hauptbefund: der ertrag aus der wehrsteuer liegt unter dem schweizerischen schnitt – tendenz ungebremst sinkend. begründet wird dies im übermässigen agrarsektor, der die entstehung von industrie und dienstleistungen behindere. uhren- und schoggifabriken prägen die wirtschaft; sie bauen auf vielen kleinbetrieben mit wenig rationalisierung und tiefen löhnen, die weder günstig für den konsum sind, noch im internationalen wettbewerb bestehen können.

dabei hatte alles gar nicht so schlecht begonnen. von bergen nennt die zeit zwischen 1890 und 1920 die berner belle epoque. gebaut werden alpenbahnen, die den weltweiten vergleich nicht scheuen müssen, es kommt mit der bkw ein stromnetz auf, das in europa führend ist, und eisenbahnen wie elektrizität befördern den tourismus aus dem ausland, namentlich im berner oberland. zwischen 1920 und 1980 gerät bern nach von bergen jedoch in eine abwärtsspirale.

symptomatisch dafür ist die entwicklung der milchverarbeitung. die berühmte stalden-creme, der stolz der berner nahrungsmittelherstellung, wird durch den kühlschrank in den 50er jahren ausrangiert. kondensmilch wird überflüssig, denn die milch wird haltbar. die nachfahren der firmengründer sind keine wirklichen pioniere mehr. und so kommt es zur übernahmewelle. nestlé hatte das angebot diversifiziert und sich internationalisiert. der multi lief den berner firmen im milchgeschäft den rang ab. in den 70er jahren traf es auch toblerone und ovomaltine. die auslandnachfrage entwickelte sich – jedoch an den klassikern aus bern vorbei! 1967 wurdr die wander von der basler sandoz übernommen, später an associated british foods veräussert, die produktion konzentrierte man in neuenegg. 1970 fusionierten suchard mit tobler, die 1991 in der philipp-morris-gruppe aufging, und heute in bern-brünnen arbeitet.

von bergen hat zwei thesen: die eine betrifft die altlasten mit der übernahme des jura. die anderen den politischen wandel. letztere gefällt mir besser, denn mit den wahlen 1919 wurde die freisinnige vorherrschaft gebrochen, die wirtschaftlich auf industrialisierung und freihandel gesetzt hatte. auf anhieb eroberte die neue bgb, die bauern-, gewerbe- und bürgerpartei von ruedi minger, die hälfte der nationalratssitze, und auch im grossen rat war sie schnell vergleichbar stark,. zuerst regierte sie alleine, dann sicherte sie mit hilfe der freisinnigen die konservative politik ab. auf dem land bleibt sie unangefochten die politische macht. ihre lokalfürsten schauten, dass die subventionen in alle ecken und ränder des kantons verteilt wurden, und man dafür lückenlos die stimmen einsammeln konnte.

den befund der wirtschaftskollegen von 1968 spitze der berner wirtschaftshistoriker christian pfister nachträglich noch zu: „Ab 1920 fällt die Berner Wirtschaft unter der BGB-Aegide in den alten Trott zurück und begnügt sich fortan mit dem gemütlichern Charme von Käse, Bergen, Uhren und Schokolade.“meinerseits füge ich bei, die ursache liege vermutlich tiefer als im fehlverhalten der staatspartei: denn das schicksal der modernisierung berns liegt im verhältnis von stadt und land, das seit der bürgerlichen Revolution der 1830er jahren ungeklärt bliebt. sein selbstverständnis entwickelte der kanton stets in abgrenzung zur hauptstadt, und er verstärkte die problematik zwischen ruralem und urbanem kanton mit der konservativen wende um 1920 nochmals, sodass der einstmals führende stand der eidgenossenschaft man von den internationalen entwicklungen überrumpelt im nationalen mittelfeld und globalen abseits landete.

stadtwanderer

mein kommentar zu teil 2
mein kommentar zu teil 1
die serie im original


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