eigentlich ist es archäologe. in den letzten 10 jahre leitete er grosse unternehmen, die vergangenheit durch ausgrabungen sichtbar machten. das hat den vorteil, dass man sich nicht durch einzelne ereignisse oder personen blenden lässt, dafür muster der entwicklungen erkennt und so ein auge für langfristige veränderungen entwickelt.

wer_regiert_die_weltetwas reisserischer buchtitel: wer steht an der spitze der zivilisation, wäre eindeutig angemessener gewesen

mit genau diesem blick hat ian morris, britischer geschichtsprofessor an der top-universität im kalifornischen stanford, ein buch über die geschichte der menschheit seit der letzten eiszeit geschrieben. analysiert werden darin 16’000 jahre. nachgespürt wird informationen zu vier zentralen determinanten der gesellschaftlichen entwicklungen: der energieverbrauch, der verstädterung, den informationstechnologien und der fähigkeit zur kriegsführung. daraus ergibt sich für den historiker ein zeiträumlicher indexwert, der zu bestimmung des standes von kulturen dient.

unterschieden werden zwei geografische regionen, die auf dauer miteinander im wettstreit seien: der westen und der osten. das sind jedoch nur bezeichnungen für gesellschaftliche zentren, die über die zeit hinweg wandern. der westen begann in mesopotamien, dehnte sich auf ägypten und griechenland aus, und er erlebte mit dem römischen reich seinen ersten höhepunkt. die führung in der sozialen entwicklung ging danach aber an den osten, bis sich der westen durch die expansion über den atlantik neu aufstellte und ab mitte des 18. jahrhundert erneut zur weltspitze avancierte. zuerst lag das am british empire, dann an den vereinigten staaten von amerika.

morris sprach dieser tage in zürich, und der nzz von heute gewährte er ein ganzseitiges interview. das tönt das so: „Westeuropa war lange ein langweiliger Platz an der Peripherie. Doch vor 500 Jahren kam es zu einer Explosion des Wissens. Die Menschen lernten, grössere Schiffe zu bauen, die Ozeane zu überqueren, und kolonisierten Amerika. Damit veränderten sie den Ort, an dem sie leben. Es war plötzlich ein Vorteil, in Westeuropa zu sein. Die ehemalige Periperie wurde zum Zentrum“, liesst man da beispielsweise.

massgeblich für morris sind innovationen. entdecker interessieren ihn indessen nicht, denn kaum einer der grossen erfinder war der einzige und erste, der das menschliche wissen vorantrieb, das man ihm zuschreibt, kontert er die erzählungen über die grossen erfinder. vielmehr geht es dem historiker darum, wo sich auf begrenztem raum eine kritische masse der erneuerung ergibt. dabei verändert sich gegenwärtig selbst der begriff des ortes, analysiert er, denn heute schrumpft nicht nur der atlantik, es schrumpft der ganze globus.

historiker, die das neueste buch von morris: „Wer regiert die Welt?“ lesen, mögen zuerst irritiert sein. denn er geht nicht geisteswissenschaftlich vor, wie man das kennt. vielmehr orientiert er sich an geografie, biologie und soziologie. die quantitative analyse der evolution beschäftigt ihn zuerst, dann werden grosse trends modelliert, evaluiert und festgelegt, um allgemeine schlüsse aufzuzeigen. erst dann beginnt die narration. doch auch sie ergibt sich nicht aus sicher selbst heraus, vielmehr steht die finalität der bisherigen entwicklungen schon imvoraus fest.

wir müssten aus der geschichte lernen, um die langfristigen entwicklungschancen einer gesellschaft richtig einstufen zu können, fordert der historiker. „In den letzten 15000 Jahren nahm der Index um 900 Punkte zu, für die nächsten 100 Jahre erwarte ich eine Zunahme von 4000 Punkten.“

ob das ein goldenes zeitalter ist, lässt er offen. denn ein anhänger des linearen fortschrittsdenkens, wie es im 19. jahrhundert verbreitung fand und die geschichtsphilosophie so nachhaltig prägte, ist ian morris nicht. mit dem kommenden entwicklungsschritt wächst seiner auffassung nach auch die wahrscheinlichkeit eines sozialen kollaps, was fast schon nach posthistorie tönt. auch wenn ihn das nicht gross kümmert, und er lieber schreibt: „Das Imperium Romanum brachte einen grossen Entwicklungsschub, schuf aber auch die Voraussetzung für seinen Untergang. Europa benötigte dann fast ein Jahrtausend, um diesen Rückschlag zu überwinden.“ der nächste kollaps werde aber gravierender sei, den in der globalen welt von heute seien alle gesellschaften miteinander verhängt.

auch ohne das geht ian morris, wie zahlreich futurologen davon aus, dass das östliche zentrum heute besser aufgestellt ist als das westliche, fukushima zum trotz. mit einem raschen wechsel in der führung der gesellschaftlichen entwicklung rechnet der 50jährige wissenschafter jedoch nicht. „2103“ nennt er symbolhaft als schaltjahr, bei dem „new york“ von „tokio“ überholt wird. den usa gibt er noch 30 jahre vormachtstellung, während denen die fragmentierung der herrschaft jedoch zunehmen und die zahl der konflikte wieder wachsen werde.

nicht schlecht, was da der archäologe aus seinen computeranalysen über vergangenheit, gegenwart und zukunft herausgräbt. grosse linien erkennt man auf jeden fall, materialreich sind seine schriften auch, und anregend bleiben seine spekulationen, was das alles für ferne zeiten heisst. die noch soweit vor uns liegen, dass wohl keiner meiner leserInnen sie je wird überprüfen können.

stadtwanderer


Comments

11 Comments so far

  1. Hannah on Mai 1, 2011 11:05

    EIn ziemnlich schräges wWeldbild, das der Angelsachse da entwickelt: Hochkulturell ist man, wenn man Städte hat, viel Energie verbraucht, dank dem Compi herrscht, und im Notfall auch Flugzeuge in Krisengebiete schicken kann. Das erinnert verdammt nach USA als Weltpolizist.
    Mir fehlt das schlicht die spirituelle Dimension, die geistige Weltbereicherung, die nicht nur die Menschheit zahlreicher macht, dafür die Menschen wachsen lässt.

  2. stadtwanderer on Mai 1, 2011 19:35

    das mag in der aktuellen situation auch so sein, doch lässt morris das ja gerade offen.
    von einem epochalen kollaps kann man, aus historischer sicht wohl (noch) nicht sprechen, was da in japan geschehen ist.
    was daraus wird, werden wir noch sehen.
    mich fasziniert, dass ein geschichtsforscher hin gegangen ist, und über 15000 jahre in zwei grossregionen der welt systematisch daten gesammelt und sie in einen grossen analytischen zusammenhang gestellt hat.
    die vier determinanten stehen wohl für andere, wie zum beispiel das bevölkerungswachstum und ähnliches.
    mich hat natürlich gefreut, dass der urbanisierungsgrad ein kriterium der globalen sozialsentwicklung ist!
    übrigens: mehr details zu seinen indikatoren gibt es hier: http://www.ianmorris.org/docs/social-development.pdf

  3. stadtwanderer on Mai 1, 2011 19:37

    ach, was mich auch freut: das ist der meistgelesene beitrag in der schweizer blogosphäre der letzten 24 stunden!

  4. raffnix on Mai 3, 2011 22:23

    Tatsache ist doch, dass Blocher die PFZ einführte ….

  5. raffnix on Mai 3, 2011 22:24

    ups..hier falsch ..

  6. Ate on Mai 5, 2011 16:51

    @ Raffnix
    Wie das nun wieder tönt! Komm, ich besuche Dich auch schnell im Nebengebäude.

  7. stadtwanderer on Mai 16, 2011 07:49

    das magzin vom wochenende berichtet über das neueste buch von niall ferguson, dem schottischen tausendsassa unter den (konservativen) historikern (buchbesprechung hier:
    http://www.zoonpoliticon.ch/blog/9910/niall-fergusons-evolution-des-geldes/ )

    er wagt keine extrapolation. vielleicht ist sie aus seiner sicht auch nicht so wichtig. denn er ist überzeugt, dass der westen führt.
    6 killer-applikationen hat er bestimmt, um die führung des westens (euorpa, britisch empire, usa) zu bestimmen, wie sie sich seit dem 16. jahrhundert ergeben hat.

    1. die wissenschaft: mit der neuzeit setzt sich das experiment in der wissensentwicklung durch
    2. der wettbewerb: mit der politischen fragmentierung hat niemand ein monopol
    3. die demokratie: mit der aufklärung setzen sich demokratie und eigentum durch.
    4. die medizin: danke der modernen medizin verlängert sich das leben.
    5. der konsum: danke dem konsum wird die wirtschaft nicht nur angebots-, sondern auch nachfrageseitig getrieben.
    6. das arbeitsethos: kapitalismus und reformation sind eine weitreichende symbiose eingegagnen.

    natürlich kann man sich fragen, ob das alles noch stimmt. im bezug auf den punkt 6 ist sich ferguson gerade bei europa nicht mehr sicher. das ist denn auch der hauptgrund für den niedergang des westens in europa.

  8. raffnix on Mai 18, 2011 21:45

    Was ist schlimmes am überholen?
    Die Haupsache ist, man ist zuerst am Ziel!

    Und der Weg zum Ziel kann auch locker oder eben anstrengend und energieraubend sein.

    Also?

  9. stadtwanderer on Mai 19, 2011 06:59

    wann ist man am ziel?
    bei einem rennen ist das klar. doch ist die zeit kein rennen, und die zukunft hat kein ziel.

  10. raffnix on Mai 19, 2011 23:43

    So wie ich die Menschen kenne, wird nicht langfristig gedacht.
    Also spielt es keine Rolle, wer wen überholt, sondern wie der Weg ist. Der Weg als Ziel also!

  11. stadtwanderer on Mai 20, 2011 00:03

    eine gutschweizerische antwort ist das: von allen blumen, die ich am wegrand finde, nehme ich je eine mit. mein strauss sagt mir dann, wo ich bin, und wo ich durch ging.

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