niemand mehr, der oder die das 19. jahrhundert selber erlebt hat, ist heute noch auf der welt. das saeculum ist stück für stück von der erfahrung in die erinnerung gewandert. doch selbst das änderte sich mit dem 19. jahrhundert historisch. denn kein jahrhundert zuvor ist schon zu seiner zeit medial so verewigt worden wie eben das 19.

die-verwandlung-der-welt-id4600019jürgen osterhammels buch „Die Verwandlung der Welt“ ist seit dem erscheinen 2009 in den allerhöchsten tönen gelobt worden. als meilenstein der deutschsprachigen geschichtsschreibung hat man es gefeiert, und es dauerte kein jahr, da gab es für den konstanzer historiker preise und ehrungen zuhauf.

zu osterhammels originellen beiträgen über das 19. jahrhundert zählen seine ausführungen zur selbstbeobachtung und gedächtnis, die sich zwischen französischer revolution und erstem weltkrieg geändert haben.

zahlreiche städte aus dem mittelalter wurden im 19. jahrhundert drastisch verändert. es fielen die stadtmauern mit ihren toren, hinzu kamen eisenbahnschienen, bahnhöfe sowie industrie- und wohnquartiere. das alles kann man heute noch sehen. hören kann man das 19. jahrhundert in der oper. zwar schon früher entstanden, wurden gerade die europäische wie die chinesische oper zur führenden kunstform auf der bühne, die heute noch nachhalt.

zur gleichen zeit wurde das archiv der staaten populär, es entstanden vielerorts die bibliothek und das museum. geboren wurde die weltausstellung als neue form der selbstbeobachtung. mit der industrialisierung und der urbanisierung nahm nicht nur das symbolische, auch das schriftliche zu. die sozialreportage wurde erfunden, es multiplizierten sich die reisebeischreibungen. die literatur wurde realistisch, die welt vermessen und kartiert, und die soziologie als diagnose der gegenwarten entstand in paris.

zahlreiche volkszählungen haben ihren ursprung im häufiger werdenden nationalstaat. mit der demokratisierung der republiken und monarchien entstand die presse, die sich zum informationsmittel der massen und zum nachrichtenwesen rund um den globus entwickelte. last but not least ist das 19. jahrhundert die zeit des bildes. mit viel pomp wird die meschheit mit der fotografie beglückt, und genau zum ende der zeitspanne entsteht mit dem film das bewegte bild. das entfernte kam so ganz nah, und ins reale mischt sich das fiktionale.

vordergründig ist es nur ein sprachspiel, das jürgen osterhammel in sein monumentales werk über die verwandlung der zeit einfügt. demnach hat das 19. jahrhundert nicht mehr nur seine erinnerungsorte. in einem bisher unbekannten masse wird es auch durch erinnerungshorte geprägt. hintergründig trifft die metapher die entwicklung der damaligen zeit genauso wie die schätze, die sich mit der zweiten welt der medien für die historie eröffnen, von denen man für frühere zeiten nur träumen kann.

eine tolle anregung, neu durch bern zu wandern, um das 19. jahrhundert zu hören, zu sehen und zu lesen.

stadtwanderer


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