tina war überschwänglich. die slovenische fernsehfrau empfing mich am treffpunkt im zürcher hb und kam gleich zur sache. sie wolle ein interview von mir, vom sieg der eidgenossen über die habsburger bis hin zum nicht-eu-beitritt der schweiz in der gegenwart.

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die schweiz dem slovenischen fernsehen erklären – das notizbuch der vorbereitung und durchführung.

während die kamera in grossen halle installiert wurde, fragte mich die slovenische journalistin, ob es stimme, dass ich keinen doktor habe und dennoch an der uni unterrichte. ich antwortete ihr, so ungefähr sei das. sie wollte wissen, ob das nicht unmöglich sei. ich nickte, was sie erstaunte: sind sie also unmöglich? – nein, nein, ich bin einfach erfahren antworte ich.

hier die thesen, die ich als hintergrund für das gespräch mit dem slovenischen fernsehen vorbereitet habe:

erstens, das ist zuerst der ausgeprägte regionalismus mit einem dutzend städte und länder, die durch ihre kooperation untereinander im zerfallenden kaiserreich realtiv hohe autonomie erlangten. ursprünglich ging es um die hoheit über transitstrassen und kirchen. später war man vor allem ein militärbündnis. das angebot war attraktiv, weshalb das bündnis namentich zwischen mitte 14. und mitte 16. jahrhundert wuchs.

zweitens, die entwicklung einer übergeordneten staatlichen struktur wurde namentlich durch die reformation verhindert. das wachstum des bündnisses aus dem mittelalter wurde so gestoppt, die aussen- durch die binnenorientierung abgelöst. gespalten wurde auch die einheit von stadt und land, denn vor allem die städter wandten sich der neuen lehre zu, blieben aber lange in der minderheit. geformt wurde dadurch der reformierte stadtstaat in der katholischen umgebung.

drittens, am ende des ancien regimes, also vor der eroberung durch frankreich, kann man von einer staatlichen organisation sprechen, in der republikanische gedanke verwirklicht wurde. dank beteiligung am europäischen handel kam man zu reichtum, die konfessionelle spaltung wurde überwunden, die herrschaft über das militär war gegeben. die entscheidungsprozesse waren jedoch schwerfällig, die vielfalt der voraussetzung in der patrizischen, zünftischen und landsgemeindeorte blieb gross. eine nation war die schweiz im ancien regime eindeutig nicht, ein kleinstaat im werden der europäischen nationalstaaten schon.

viertens, mit der modernisierung des staates unter einfluss frankreichs und österreichsr enstanden die voraussetzungen für die schweizerische eidgenossenschaft: der föderalismus und die direkte demokratie zeigen die grössen wirkungen und sind dauerhaft von bedeutung. geblieben ist auch die republikanischen tradition. hinzu kommt eine verwaltungstradition, welche den bündnischarakter der staats ablöst. patriotische, liberale, radikale, demkratische und soziale bewegungen entwickel(te)n nicht nur die gesellschaft; sie prägen schrittweise das erneuerte schweizerische staatsverständnis, das dadurch bis heute einem patchwork mit einflüssen aus frankreich, den usa, deutschland und italien gleicht.

fünftens, der heutige staat ist ein kompromiss aus wirtschaftlichen erfordernissen der einheit und kulturellen grenzen aus der vielheit. die schweiz ist ein bundesstaat, der auf integration der regionen, konfessionen, sprachen und schichten ausgerichtet ist. die demokratisierung der politik trug mit ihrem mobilisierenden element einiges zur verbreiterung der basis bei, selbst wenn schwächen bei frauen und jungen lange bliebe oder anhalten. die konkordanz entwickelt sich zum vorherrschenden strukturmuster der politischen kultur, die auf verhandlungen zur konfliktlösung setzt. das wirkt sich auf die regierungsbildung aus, gelingt unter wirtschaftlichen guten bedingungen besser.

sechstens, mit dem ende des kalten krieges ende des 20. jahrhunderts verschwindet der zauber des schweizerischen staatswesens. der antikommunismus als einigende klammer fällt weg. die globalisierung von wirtschaft und kommunikation, die internationalen firmen und das internet bringen neue dynamiken ins land, das durch eine scharfe polarisierung der politik, der ökonomie und der gesellschaft erfasst wird. die anhänger einer rückwärts gewandten, traditionellen schweiz, und einer vorwärtsgewandten, modernen schweiz stehen sich schroff gegenüber.

siebtens, politisch sind heute die traditionalisten im vorteil, obwohl sie nur eine minderheit ausmachen, doch ist diese in einer nationalkonservativen partei geeint. derweil streiten die sich die vertreter des bürgerlichen zentrums und der rotgrünen linken darum, wer die vorherrschaft haben so, wie die modernisierung des schweizerischen staates im 21. jahrhundert aussehen soll.

ob die schweiz unter diesen bedingungen der eu-betreten werden, wollte tina am ende wissen. diese antwort konnte ich ihre locker schuldig bleiben …

stadtwanderer

ps. das inti erscheint am do im slovenischen fernsehen, werde eine link besorgen.


Comments

1 Comment so far

  1. Giorgio Girardet on Juni 23, 2011 06:15

    Für das Lexikon des Künstler-Duos „Com&Com“ habe ich vor zwei Jahren folgende Synthese gegeben:
    http://willensnation.blogspot.com/2010/07/schweiz-ii-aus-com.html
    Das semantische Feld des süddeutschen Wortes „uerte“ (norddt. „Zeche“) ist der Urgrund der „swissness“. Siehe auch:
    http://facts.ch/articles/315676-wiege-der-swissness
    Letztendlich ist aber die „uerte“ nur aus dem christlichen Abendmahlverständnis zu erklären, weshalb die Schweiz – und dies müsste man den Slovenen klar machen – in ihrem innersten Selbstverständnis ein „christlicher Gottesstaat“ ist, in dem die Gleichheitsidee der Abendmahlsgemeinschaft als „Bruderschaft in Christo“ mit der genossenschaflichen Selbsthilfe und Selbstverwaltungsstrukturen in kargen Bergtälern eine unentwirrbare Verbindung eingegangen ist. Daher griff die Reform nur in den Stadtrepubliken des Mittellandes, wo der Ressourcen-Abfluss nach Rom von den regimentsfähigen Familien gestoppt werden wollte. Durch den Machtwillen Berns (W-Expansion) bekam Calvin 1540 – 1564 die Chance, die Reformation Zwinglis in Genf zu einem Modell mit welthistorischer Ausstrahlung wachsen zu lassen.
    Wichtigstes Dokument zum Verständnis der Schweiz ist das „Zweite Helvetische Bekenntnis“ von Bullinger 1566, das den „gemilderten Calvinismus“ als christliche demokratische Vernunft-Confession festhält.

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