unser heutiger besuch galt dem loppis von tingsjö – dem trödlermarkt am alten versammlungsort am see, wie man das ganze auf deutsch nennen würde.

der loppis von tingsjö ist fast schon legendär. einer der abwechslungsreichsten, eine vielfalt an möglichkeiten und ein bijou an gefühlen, sagt ich nur. letztlich ist er auch eine reichhaltige informationsquelle über die konstanz und den wandel des schwedischen familienlebens.

der raum zum handeln ist nicht gross, vielleicht misst er fünf mal sechs meter. in der mitte ist ein grosser tisch, rund herum hat kleine ausstellungsbänke und -gestelle. die beiden fenster auf den seiten und die ausgangstüre am ende geben ein wenig licht in den dunklen, dafür umso spannenderen raum.

meine höchste aufmerksamkeit geniesst die werbung aus den 50er jahren des 20. jahrhunderts in der hinteren ecke rechts. email-plaketten, wie sie auf dem land so typisch waren, verkünden den lebensstils der frühen nachkriegszeit. es dominiert das aufkeimende freiheitsgefühl der amis im schwedischen bauernsozialismus. ein leicht vergilbter zeitungsartikel über das neueste bei chrylser und dodge bringt einen in stimmung. dann geht es um vespas und mopeds, um jünglinge, die bei ihrer verehrten vorfahren, um geburtstagsgeschenke, vielleicht zur volljährigkeit, die den staunenden jungfrauen überreicht werden. den etwas gereifteren frauen empfiehlt man, in septischen tönen, lange, elegante abendroben, wie man sie in schweden auf dem land kaum gesehen haben dürfte. da passt das prächtige schild für den väterlichen herrn zu neuartige jagdpatronen deutlicher besser in die landschaft. nicht vergessen wurden die kinder von damals, für die cacao aus übersee angeboten wurde.

die praktiker unter den besuchern verweilen in der ecke hinten links, wo sich gerätschaften aller art findet. hammer, klein und gross, zangen für jeden zweck, aber auch harte sachen wie schwere beile oder holzklemmen bekommt man hier. mehr fürs feine sind die holzschnitzer fürs birkenholz oder die pinsel zum lackieren. was dann fertig ist, kam vielleicht in einen der kupferkessel oder wurde auf der messinggplatte mit stolz gezeigt.

wäre da nicht das alte radio, würde man sich in der steinzeit wähnen. denn in dieser ecke bekommt man den eindruck, dass sie eigentlich nie etwas geändert hat. das radio mit seinen hunderten von vorprogrammierten stationen setzte dem ein ende. jetzt konnte man modern sein, die nachrichten aus halb europa hören, oder aber traditionell bleiben, und auf einen schwatz in die küche gehen, die im loppis von tingsjö in der ecke vorne links repräsentiert wird.

da überragen die gewürztöpfe alles. der für kardamom steht thronend zuoberst. es folgen im zweiten tablar die für schwarz-, weiss- und kräuterpfeffer. nicht fehlen dürfen diverse behälter für nüsse, muskat und nelken im dritten rang. die getränkeauswahl erschliesst sich einem aus den sets daneben. ohne zweifel kostete man bereits viel tee, aber auch kaffee gab es. der bierkrug wiederum, ein wenig germanisch wirkend, ist in seiner form unverkennbar, während in den einfachen gläsern saft, wohl aus waldbeeren, gereicht wurde. die kleinen gläser mit ständer und umgekehrtem zylinder präsentierten den aquavit mit sicherheit gleich wunderbar wie heute. und wer gut gegessen und getrunken hatte, der rauchte wohl noch eine selbstgedrehte zigarette, deren tabak man in einer der reich verzierten dose aufbewahrte.

der tisch in der mitte ist eine welt für sich. über allem eine kleine, wohlgeformte lampe – wer weiss, vielleicht aus glas, das man in venedig geformt hatte. sicher ist, dass das grosse gschirrset aus china kommt. da können figuren aus allen herren länder nicht fehlen. ein elephant aus schwarzem holz findet sich, genauso wie ein elegantes pferd aus glas, zwischen allem. und es sieht dich ein bittender neger wie in der sonntagsschule an, während die balettänzerin aus porzellan vor dir durch die lüfte zu schweben scheintt. leichtigkeit vermitteln auch die schüsseln aus grünem glas, das bemalte teeset und die blumenvase, die in die höhe schiesst wie langstilige rosen.

zu guter letzt ist man in der rechten vorderen ecke angelangt, wo man zahlen kann. irgend etwas zwischen 20 und 200 kronen wird der einkauf schon kosten. das sind dann 3 oder 30 schweizer franken. was man dafür bekommt, ist auf jeden fall mehr wert. denn im loppis zählen nicht nur die erstandenen gegenstände, es sind die lebenswelten und –stile, die man hier genauso mitnimmt wie vergessen geglaubte erinnerung und melancholische gefühle.

für realitäten sorgen die beiden damen zum schluss. sie könnten mutter und tochter sein, so sind ihre gesichter ähnlich. nur, dass die ältere viel sanfter wirkt, die jüngere viel härter. die zeigt dir schon mal die kalte schulter mit dem tattou, wenn sie einpackt. wärmer wirkt ihr tiefer ausschnitt, denn er gibt ihren busen mit dem feuerzeug in der mitte frei, während sie leicht gebeugt das gewünschte in zeitungspapier rollt, in eine blaue tüte steckt und mit einem coolen lächeln überreicht. fürs schlicht pekuniäre ist die schicke dame im landlichen lock vergangener tage zuständig, welche die geldscheine fast schon streichelt, bevor sie sie in die kasse versorgt.

so ändern sich generationen, denke ich mir beim hinaustreten – und sage: beybey whiskeyglas, tschüss ambos, au revoir waschbrett und hejda loppis.

stadtwanderer


Comments

Name (required)

Email (required)

Website

Speak your mind