langsam, aber sicher bewegen sich schnecken. das schneckentempo passt als sinnbild für die entwicklung der politischen rechte für frauen in der schweiz. und dient als leitmotiv für ein comic, der verein gendering zuerst auf französisch und nun auch auf deutsch herausgegeben hat.

gender

neuseeland 1893, finnland 1906, russland und england 1918, deutschland 1919, ecuador 1929, frankreich 1944, senegal und togo 1945 und italien 1946. das sind die vorbilder, wenn um die einführung des frauenwahlrechts in zeitgenössischen demokratien geht. in der schweiz warteten die frauen bis am 7. februar 1971, um mit den männern der schweiz und vielen frauen der welt gleichziehen zu können.

warum so spät?, fragt der comic „langsam, aber sicher“, der diesen sommer in der deutschen übersetzung in den buchhandel gekommen ist. herausgegeben wurde er vom verein gendering.

drei gründe sehen die autorinnen des bilderbuchs, damit mit volkspädagogischer absicht gemacht wurde: erstens, die direkte demokratie, die zementierten geschlechterrollen, und drittens die strategie der frauenbewegungen in der schweiz.

damit tritt der comic mitten ins selbstverständnis der herausgeberinnen. ihre organisation ist als folge der gender studies an schweizer universitäten entstanden und verfolgt das ziel, das wissen, das so erarbeitet wird, für die praxis ausserhalb von forschung und lehre relevant werden zu lassen. damit spricht man eine jüngere generation an, welche den kampf der frauen für gleiche rechte und gleichstellung nicht miterlebt hat, das alles für selbstverständnis hält oder ignorant ist gegenüber aktuellen trends zum backlash.

so wird an eigenheiten des politischen systems der schweiz erinnert, insbesondere an den mehrwert der volksrechte. aufgezeigt wird, welche vorteile damals unter heute gegenüber frauen in der politik existieren. kritisch diskutiert werden aber auch die überzeugungen der ersten generation von frauenbewegungen, wie die strategie der kleinen schritte, die unterschiedlichen interessen der verschiedenen bewegungen und die divergierende wertvorstellungen im hinblick auf die beziehungen zwischen den geschlechtern.

der comic wird da zum geschichtsbuch, präsentiert grosse momente der frauenemanzipation wie der internationale frauenkongress zur weltausstellung von 1893, der internationale frauentag vom 8. märz, zentrale figuren der frauengeschichte wie dr. emilie kempin-spyri, aber auch der alltag der frauen, die sich beispielsweise im bund schweizer frauenvereine oder im schweizerischen verband für frauenstimmrecht engagierten.
die saffa, die erste ausstellung über die arbeit der frauen in der schweiz, die 1928 in bern stattfand, brachte das symbol der schnecke hervor. die botschaft war klar: behutsam und beharrlich will frau vorankommen.

wirtschaftskrise, faschismus und weltkrieg entschleunigen die bewegung, die in der nachkriegszeit wieder an fahrt gewinnt. am 20. dezember 1920 wird das postulat von roten im nationalrat angenommen, dass eine verfassungsrevision verlangt, um diskriminierungen der frauen aufzuheben, erste volksbefragungen in den kantonen finden statt, bis es am 1. februar 1959 zur ersten grossen volksabstimmung kommt, die allerdings negativ ausgeht. „wir haben eine schlacht verloren, aber nicht den krieg …“ lautete die losung damals, die zum zweiten anlauf 1971 , der den durchbruch brachte.

sicher, zu eben diesem thema kann mann und frau auch die bücher beispielsweise der historikerin beatrix mesmer lesen. die stärke des comic ist, schnell einen überblick über akteure, stationen, be- und entschleunigungen der entwicklungen zu erhalten, die über die knappen texte den verstand ansprechen, mit den bildern aber auch das gemüt aktivieren.

vielleicht ist das sogar noch wichtiger: denn das weltbild des homo helveticus ist in den letzten 40 jahren in den hintergrund gerückt, jedoch bei weitem nicht aus dem selbstverständnis verschwunden. genau da setzt aber auch meine kritische bemerkung beim neuen geschichtsbuch für praxis an: 1971 ist nicht das ende der entwicklung, eher so etwas wie der erfolgreiche anfang. was danach geschah, zum beispiel mit dem gleichstellungsartikel im schweizerischen recht, mit dem neuen ehe- und erbrecht im alltag, mit der frauenförderung bei wahlen und abstimmungen liesse auch ein weiteres sinnbild entstehen, denn im internationalen vergleich ist die gleichstellung der frauen gerade in der politik spät gestartet, hat aber in ein bis zwei generationen den rückstand auf viele andere länder wettgemacht. die frauenmehrheit im bundesrat seit 2010 ist das wohl beredetste beispiel für die veränderungen in den politischen rechten der schweiz.

unabhängig davon: es ist ein anregendes buch, informativ gemacht und witzig gestaltet, das man als politisch interessierte mit gewinn vor den anstehenden parlamentswahlen lesen sollte!

stadtwanderer


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