bern, münster, gegeben wird das stück „die schlacht von murten“. publikum: roger der weck mit seinem team in der srg-generaldirektion. musik: maurice ravel, regie: der stadtwanderer

IMGP2223während meiner stadtwanderung von gestern wurde es zunehmend heiss. umso mehr freuten sich alle auf den abschluss der tournee mit dem besuch des münsters. auch meine burgundergeschichte sollte dort zum ende kommen. mit der schlacht von murten – die alles, was die berühmten herzöge von burgund in 200 jahren aufgebaut hatten, innert einem halben jahr danach zum einsturz brachte.

ich heisse meine gäste in der von diesbach-kapelle im seitenschiff des münsters platz zu nehmen. roger de weck macht den flügelmann links in der erste reihe, rechts davon und dahinter verteilen sich seine kollegInnen aus der generaldirektion der srg. auch natalie wappler, die kulturchefin von srf, ist dabei, als ich zum tatort des geschehens überleite.

doch da überrascht mich die münster-orgel. unvermittelt setzt musik ein. schon nach den ersten klängen ist mir klar, was hier gespielt werden wird. boléro, von maurice ravel.

du meine güte! komme ich da mit meiner stimme an. auch wenn die trommeln der originalversion fehlen, das ist dramatik pur. so mache ich mir mut, denn ich weiss, es folgen 15 minuten mit einem einmaligen musikalischen spannungsaufbau.

das lasse ich mir nicht entgehen. besser kann die entscheidung im burgunderreich – das 443 in der sapaudia zwischen alpen, jura und aare begann, sich über das rhone-, saone- und doubstal ausdehnte, um in viele einzelteile zu zerfallen, die sich schliesslich gegenseitig bekämpften – nicht in szene setzen.

noch ist die melodie leise. die variantion des themas wird am anfang aa genannt.

auch ich rede leise, spreche über niklaus von diesbach, dem tuchhändler aus bern, der 1450 in die stadtpolitik einstieg. sein geld steckte er in den münsterbau; die pension zum leben bezahlte der franzosenkönig. wer zum neureichen hielt, bekam von ihm die steuren bezahlt. das sicherte bei jeder entscheidung eine stattliche klientel.

die lautstärke der orgel nimmt zu, jetzt kommen die bb-variationen des boléro.

von diesbachs gegenspieler war adrian von bubenberg, der abkömmling der traditionsreichsten junkerfamilie in der stadt. wer ihm etwas verkaufte, musste damit rechnen, dass der edelmann anschreiben liess, mit seinem namen bürgte, aber nie bezahlte. das sorgte für feinde. die mobilisierten die landschaft gegen den schultheissen.

erneut ein cresendo – und wieder er tönt die aa-variation.

jeanne de la sarraz, bubenbergs frau, liebte extravagante kleidung. auch lange schnabelschuhe, den high heels der damaligen zeit. dazu trug sie körperbetonte roben, geschmückt mit hüten mit lange scherpen. das stadtgericht verurteilte sie wegen unsittlichem auftreten.

jetzt wird es schon mächtig laut im münster, denn ein anschwellendes bb-motiv erfüllte den raum. ich redete lauter und (noch) schneller.

die weiber im sack geifern auf berns strassen gegen die frau des schulheissen. doch die lässt sich nicht beeindrucken. demonstrativ marschiert sie mit ihresgleichen in der verurteilen montur im berner münster ein. die provokation ist gewaltig.
die weiber im sack geifern auf den strassen berns.
es folgt eine intrige gegen den schultheiss. zuerst wird er abgewählt, dann aus dem kleinrat ausgeschlossen. er darf keine politik mehr betreiben.

ich muss mich sputen, denn die aa-/bb-variantionen in der musik im münster werden immer kürzer. und die stimmung immer heftiger.

es schlägt die stunde für die familie von diesbachs. sie übernehmen das stadtregiment. sie regeln die grenzstreitigkeiten mit den habsburgern. und sie erklären dem herzog von burgund den krieg. sofort zieht man auf land hinaus, zerstört man den burgundischen besitz in der waadt, und rückt man über den jura richtung beaune vor. in hericourt bahnt sich eine schlacht an. im zeltlager der berner ist man nervös. ein pferd schlägt aus und trifft niklaus von diesbach. er verstirbt im lazaret von pruntrut.

bern ist führungslos. und das im selbstgewählten krieg.

der herzog von burgund sammelt truppen, rückt seinerseits bei pontarlier über den jura vor. in grandson kommt es zum ersten treffen. die berner, verstärkt durch die eidgenossen, stürmen gröllend aus den wäldern. die ritter erschrecken, ergreifen die flucht. 1 zu 0. karl der zu kühne weicht nach morges aus, um sich und seine leute neu zu versammeln. der zweite angriff gilt murten.

die stadt bern gerät in panik, denn von murten aus wäre es nur noch unweit bis zum stolzen zentrum an der aare. eine delegation des kleinrats eilt nach spiez. von bubenberg bittend, sich an die spitze der bern truppen zu stellen. der zögert, den karl, der herzog von burgund, was sein jugendfreund. dann sagt er zu, seine besitzungen in der waadt scheinen ihm gefährdet.

adrian besetzt murten, bevor die burgunder es einnehmen können. das zwingt diese zur anstrengenden belagerung der befestigten stadt, was wiederum dem entsatzheer der eidgenossen die möglichkeit gibt, die burgunder von hinten anzugreifen. die zürcher kommen hinzu, die anderen verbündeten auch.

es ist sommer heiss, aber es regnet in strömen, als sich am 22. juni 1476 mehrere 10000 mann am grünhag unterhalb salvanach gegenüberstehen. die kampf ist heftig. die burgunder und ihre verbündeten verlieren ihn. 2 zu 0.

der herzog flieht erneut, verzweifelt sucht er vor der stadt nancy die entscheidung zu erzwingen. mitten im winter. erneut unterliegen sein mann. 3:0. der prächtige kommt ums leben, zerfetzt von einem wolf wird sein leichnam geborgen.

ich bin erleichtert, die orgel hat voll mitgespielt. 16 variationen des gleichen themas klingen in unseren ohren nach, als ich zum ausblick überleite.

die eidgenossen wurden in diesem jahr nicht nur reich. überall schreit man jetzt nach ihnen, das schnelle geld der franzosen und des papstes lockt.
bubenberg wird in bern nochmals schultheiss, doch sein einfluss schwindet. die jungen männer, die sich in den schlachten bewährt hatten, sind begehrt. es lockt das schnelle geld der franzosen und des papstes. dem söldnertum steht die blüte erst bevor.

… noch einmal das a-thema.

als adrian stirbt, wird er in der schultheissengruft des münsters beigesetzt. seine familie plagen geldsorgen. eine generation später verschwinden ihre spuren in der stadt. adrians leichnam wird exhumiert, niemand weiss, wo er heute begraben liegt.

…. und das finale b.

die kaufleute übernehmen die stadt bern. unter ihnen ist der lombarde von may. er war mit dem zitronenhandel nach bern gekommen. jetzt lockt er die berner jungs gen süden. süss-bittere zeiten folgen

für uns heisst es aber: das mittelalter ist aus, die bolero musik verstummt, genauso wie ich ruhig werde. nur mein herz schlägt noch schnell, vor freude, als das publium klatscht …

stadtwanderer


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