ich rauf mir die haare, wegen der vergebenen chance, in bern ein stadtfest zu feiern, das geschichte vermitteln und die gegenwart spiegeln könnte.

259718795_06841ea3dbwichtigstes symbolbild für die stadt bern im jahre 1513, was der berner stadtrat an seiner letzten sitzung mangels festlaune so misslich interpretierte.

der stadtrat von bern sersenkte vorgestern einen auftrag, der er sich selber gegeben hatte. es ging um eine grosses stadtfest, das 2013 als 500-Jahr-Jubiläum zu „1513“ hätte gefeiert werden sollen. die äussere linke konnte dem datum nichts abgewinnen, und die rechts fand, das sei unnütz eingesetztes geld. die unheilige allianz führte zu einer klaren ablehnung des festvorschlages.

„leider!“ füge ich an. das datum habe ich auf dem „stadtwanderer“ vielfach behandelt. denn es gehört aus meiner sicht unzweifelbar zu dem dutzend momente in der stadtberner geschichte, die geläufig sein sollten. sicher, vorgründig geht es um den schlachtensieg der eidgenossen in novara. es geht auch um die belagerung dijons durch berner truppen. mit dem jahr bringt man auch den bären in verbindung, der erstmals einen bärengraben bekommt. und schliesslich: 1513 rebellierte die die könizer jugend gegen die berner oberschicht.

„1513“ ist nicht nur ein symbol in der berner geschichte. es ist auch die wende von den spätmittelalterlichen träumen einer nach aussen gericheteten grossmacht hinzu zur frühneuzeitlichen realität eines stadtstaates, der sich mehr und mehr nach innen orientierte. das ist meine these für heute.

„1513“ beginnt 1476. der schlachtensieg in murten, den die eidgenossen, angeführt von der stadt bern, gegen den karl den kühnen, herzog von burgund, und seine verbündeten erfochten hatte, veränderte die eigenossen. man war jetzt wer. die söldner waren reihum gefragt. die jungs auf dem lande konnte geld verdienen, und die söhne der städter karriere machen, wenn sie bei der rekrutierung und führung der söldner in fremden diensten halfen. dem eidgenössischen kriegsrat, der tagsatzung, entglitt die sache beinahe. denn untereinander stritt man nach verteilregeln der beute, während die anwerbungsveranstaltung an den heerführeren vorbei zu gleiten drohten. erst 1481 fand man einen kompromiss, der in das stanser verkommnis als führer verfassung der eidgenossenschaft mündete.
in bern hatte der schlachtensieg gefühle hoheit über sich selber ausgelöst. der deutschorden als kirchliche oberhoheit wurde abgelöst, wann wollte einen eigene weg zum papst. 1494 begann das (vorübergehende) engagement der berner in neapel auf französischer seite. 1499 kämpften die eidgenossen gegen könig maximilian I. und errangen dank ihres sieges im schwabenkrieg autonomie vor der angekündigten reichsreform. 1506 schliesslich nahm auch papst julius Ii die dienste der eidgenossen als seine garde in anspruch und förderte er matthäus schiner, den walliser bischof, den er zu kardninal in rom erhob.
die situation wurde 1511 brenzlig, als der papst die französische expansion in italien, die sich auch auf mailand erstreckte, militärisch zu bekämpfen begann und dabei unter anderem auf die eidgenössischen söldner setzte. 1512 siegten die franzosen und lockten venedig auf ihre seite, scheiterten aber ein jahr danach in der schlacht bei novara gegen die eidgenossen, die so zu statthaltern über mailand wurden.
der überdimensionierte bär neben dem zytgloggenturm in der berner altstadt symbolisiert das prächte bern von 1513. die berner söldner kehren siegreich aus novara zurück, ihre trophäe auf vier beinen stolz zeigend, ebenso mit einem banner, das abschied genommen hatte vom traditionellen bären und eine neues zeitalter ankündigte. bern nutzt in diesem jahr die schwäche ludwigs xii., des französischen königs. man belagerte die stadt dijon, nicht zuletzt um die herrschaftsansprüche geltend zu machen, die man als neue herren der pässe über alpen und jura anmeldete. denn die aarestadt war in diesem moment auf dem weg, einen macht zu werden, die nicht nur schlachten gewinnen konnte, sondern auch den handel über die berge kontrollierte und den weg der franzosen nach italien erfolgreich unterbinden konnte.
françois I., der neue französische könig, analysierte die lage genau so – und griff zur tat. er lockte die eidgenossen mit geldzahlungen. die berner stadtherren stiegen auf das angebot ein. sie wechselten die seite. sie zogen sich aus italien zurück, ebenso aus dem burgund. die söhne der könizer familien merkten es als erste und begehrten bei der kirchweih in diesem jahr auf. denn sie sahen einen teil ihrer einnahmequellen beschnitten, während sie von den pensionen des franzosenkönigs nichts hatten. hart blieben die zürcher, und mit ihnen die innerschweizer, die in mailand verblieben und auf die gekaufte rückgabe der ennetbirgischen vogteien auf dem weg dorthin verzichtete. man weiss es, wie das endete: mit der niederlage der verbliebene eidgenossen in marignano, was das ende des italienengagements auf päpstlicher seite einleitete, bis auf die schweizer garde, die später mehr mit symbolischen aufgaben betraut, bleiben durfte.
der knatsch unter den eidgenossen nach 1513/15 war erheblich. bern drängte die tagsatzung, mit könig franz paris einen soldvertrag einzugehen. die entscheidung stand 1516 auf der kippe, als sich bern durchzusetzen schien. denn man votierte für den vertrag – bis auf zürich.
der leutpriester der stadtzürcher wetterte dagegen. er war selber in italien gewesen. er hatte das leid auf den schlachtfeldern gesehen. und wollte nicht, dass sich die eidgenossen unter berns führung an frankreich anlehnen soweit anlehnen würde, dass sich das alles wiederholen sollte.
der zürcher leutpriester war kein geringerer als huldrich zwingli. er argumentierte theologisch, hatte aber politische wirkung. er sagte: gott sei immer auf der seite der herrschenden gestanden. das seien überall die könige und adligen gewesen. ausser in der eidgenossenschaft, wo die bauern und bürger von gott auserwählt wurden. gott habe ihnen in allen schlachten nach morgarten geholfen, weshalb sie stets siegreich gewesen seien. doch mit dem soldwesen in frankreich und italien habe sich gott von den einfachen eidgenossen abgewendet, weshalb sie in marginano auch verloren hätten. es brauche eine grosse reform des geistes, damit man gott wieder gefalle.
das alles bereitete die reformation vor, die sich in einer generation von zürich aus auf schaffhausen, bern und basel, dann auf lausanne und genf ausbreitete, um zur führenden religion der städten zu werden, die heute der schweiz eines ihrer relevanten gepräge geben.

das alles wäre anlass genug, ein stadtfest zu feiern. zum aufstieg der stadt bern. zur bedeutung des schnellen geldes als verführer der oberschichten. zur abhängigkeit der landsöhne vom entstehenden arbeitsmarkt. zur zerstrittenheit der eidgenossen, die sich auf alle seite verkauften. und zur schwäche der politik, die mit der militärisch-wirtschaftlichen macht, die nach der schlacht von murten aus den eidgenössischen orten geworden war, nicht mithalten konnte. nicht vergebens feiern wird das jahr 1513 als das jahr des beitritt der appenzells zur 13örtigen eidgenossenschaft, die danach keine festen bündnispartern mehr aufnahme, bis napoléon das ancien régime 1798 resp. 1803 neu organisierte. konkret heisst das auch, dass die eidgenossenschaft, die sich im 14. jahrhundert mit „sempach“ geformt hatte, zum stillstand gekommen war, ihre optik nach aussen mit dem focus nach innen ersetzte, und ein gleichgewicht unter unterschiedlichen verbündeten zu etablieren sucht.

ein fest zur 1513 in bern scheint passé. zur wende, die in der folge ausgelöst wurde, könnte es aber immer noch entstehen. ich rufe deshalb die stadt bern auf, ein fest 1516 zu planen. dem jahr, als man begann, sich eines besseren zu besinnen, als ein nur dem schnellen reichtum nachzurennen. das gäbe nicht nur genügend zeit, um den stoff von 1513 jenseits der banalitäten, die vorgestern im stadtrat vorgetragen wurden, um den kredit zubdigen, durch einen grossen erzähler vom format eines lukas hartmann (aus köniz) bekannt zu machen. es würden sich auch hinreichende parallelen zu heute finden, wo das streben nach dem schnelle geld in der globalisierung gewisse teile der schweiz soweit verführt hat, dass man sich gelegentlich eine reformation der reformation wünscht.

stadtwanderer


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