ich habe mich auf dem bundesplatz mitten ins svp-familienfest gewagt. ich bin erleichtert, dass es zu keine ausschreitungen kam, wie bei der wahlveranstaltung vor vier jahren. dazu beigetragen haben der neue termin, der neuen ablauf, aber auch die entspanntere atmosphäre unter den parteikämpen, die kamen.

HBogDwNu_Pxgen_r_900x621„Massenein- wanderung stoppen“ steht auf den plakaten rund herum. gemeint sind die ausländer und ausländerinnen, die in die schweiz kommen können, die löhne tief und die sozialkosten hoch halten. das jedenfall ist die gängige leseweise der svp, die heute auf dem bundesplatz ihr familienfest abhielt.

die stimmung vor dem bundesraus war demonstrativ fröhlich. es dominierten ballone mit schweizer kreuen, fahren aus obwalden, und plakat mit dem sünneli der svp. die festoffiziellen zeigt sich im traditionellen kleid, geschmückt mit kuhglocken oder alphorn. gekommen waren zwar auch manne u froue, junge und alte, aber ebenso väter mit kinder, mütter mit liebhaber, jungverliebte und treugebliebene. wer meinte, an einem svp-fest nur der traditionellen familie zu begegnen, wurde enttäuscht. denn der wandel der individuellen identitäten hat auch an der grenze zur grössten partei der schweiz nicht halt gemacht. umso wichtiger schien es, ist es, die kollektive identität der regierung- und oppositionspartei 6 wochen vor den wahlen noch einmal auf den grössmöglichen gemeinsamen nenner zu bringen.

bundesrat ueli maurer, sechsfacher familienvater, erzählte einmärchen. des kaisers neue kleider von hans-christian andersen. er begann, wie alle märchen beginnen: „Es war einmal …“, und er endete ebenso, wie man es kennt: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch“, rief er von der bühne, um mit einem blick auf das bundeshaus zu sagen: er, der viele jahre dort ein- und ausgegangen sei, wisse: diejenigen, die dem herdentrieb folgten, sich von blendern von ihrem eigenen erleben ablenken liessen, um schliesslich das unwahre dem wahren den vorrang zu geben. seien gerade in der politik nicht ausgestorben.

mehr applaus als maurer hatte jedoch sein ernte sein vorgänger im bundesrat. christoph blocher erzählte einmal mehr sein lebenswerk. gedanklich liess er den ewr an den gekommenen vorbeiziehen, quasi als auftakt zum grossen fehler der schweizer politik, der dank der svp verhindert werden konnte. wenn die svp am die wahlen gewinne, werde sie weitere fehler, die man im freiesten land der welt begehen wollte zu verhindern wissen. als garanten gegen die drohende auflösung der schweiz in der europäischen gesellschaft empfahl der die familie, wo demokratie gelernt werde, und die gemeinde, wo der bürger das sagen habe. überhaupt, das volk regiere in der schweiz, dank den volksrechten über das parlament, und dank den wahlen bestimme es die wähler der regierung. als er aus dem bundesrat angewählt worden sei, habe er deshalb von der dritten auf die erste stufe des staates wechseln dürfen.

unter den zuhörerInnen hatte es allerdings zahlreiche, die möglichst auf der zweiten stufe verweilen möchten. denn wer am 23. oktober 2011 (wieder) ins parlament gewählt werden will, war heute nachmittag auch gekommen, um sich dem parteivolk zu zeigen: thomas müller, beispielsweise, der neo-svpler aus st. gallen, der vor vier jahren noch für die cvp kandidierte, oder thomas fuchs, der den einzug um knappe 70 stimmen verpasst. der erste beteuerte mir, er bedauer seinen partei wechsel keinen moment, und der zweite widersprach mir, in bern immer wieder falsch zu parkieren. cool blieb da adrian amstutz, der neo-ständerat aus dem kanton bern, der die blicke der vielen bewunderer für den schönsten parlamentarier an seiner glänzen sonnenbrille abblitzen liess.

da sprach mich ein mann junger mann aus dem aargau an. „Wenn Sie hier eine Umfrage machen würden, was käme da heraus?“, wollte er wissen. „Wohl gegen 100 Prozent überzeugte SVP-Mitglieder“, orakelte ich, und für einmal würde ich sogar kein plus/minus nachschieben müssen. dass man auch hier differenzieren muss, wurde ich von einem ältern mann ebenso aus dem aargau, der sich als parteimitglied seit 1974 outete, indessen nicht immer einverstanden sei mit der parteidoktrin. deshalb blieb er auch ausserhalb der abschrankungen, quasi als distanzierter zuschauer seiner eigenen politischen heimat.

die war am heutigen tag durch verschiedenste sicherheitsringe der bernen polizei und zahlreichen zugewandten einheiten fast schon hermetisch von den passantInnen in der stadt abgeriegelt. hauptgrund waren die bewohner der reitschule, die aufgerufen hatten, heute „ganz Fest gegen Rassismus“ sein zu. leute hatte es auf der schützenmatte sehr wohl, bis zum ende der veranstaltung zeigten sie sich im regierungsviertel aber nicht.

reto nause, berns sicherheitsdirektor, der an der bar im eclips am handy stand, um die lage von minute für minute zu bewerten, war jedenfalls erleichtert. vor der veranstaltung sagte er mir, es wäre übertrieben zu sagen, er sei nicht nervös. denn die erinnerung an 10/6, als es damals zu den krawallen zwischen dem schwarzen block und den svp-marschierern am rande der berner altstadt und mittel auf dem bundesplatz kam, leutet das ende der politischen karriere seine vorgängers ein.

überhaupt, demonierten die unterschiede zwischen 2007 und 2011. damals soll 8000 überzeugte svp-ler gespannt an- und frustiert abgereist sein. diesmal schwankten die schätzungen für die beteiligung auf dem bundesplatz 3, vielleicht 4000 teilnehmerInnen. „Keine Masseneinanderung in Bern“, bilanzierte ein zuschauer, als ich erleichert nach hause ging. immerhin, auf dem weg dorthin fiel mir auf, wieviele parteisymbole in form von plakaten der partei und seiner kandidatInnen runter gerissen waren.

stadtwanderer


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