bald ist es soweit, der stadtwanderer darf im abspann zum literaturclub von sf sein lieblingsbuch an seinem lieblingsort vorstellen. gesendet wird der beitrag am 18. oktober 2011.

trotz tagespolitischer aktualität, habe ich redaktor christian walther vorgeschlagen, eine geschichtsbuch besprechen zu dürfen. und zwar „schweizer geschichte einmal anders“ von joelle kuntz. auf französisch ist es vor knapp 5 jahren erschienen, und es war in der romandie wochenlang auf allen bestsellerlisten. 2008 erschien die erste auflage auf deutsch, ohne dass das buch hier den gleichen erfolg gehabt hätte. umso mehr will ich daran arbeiten.

joelle kuntz ist ausgebildete historikerin. seit jahren arbeitet sie als journalistin, hauptsächlich als leitartiklerin für le temps. ihre sich auf die schweiz ist typisch welsch, könnte man sagen: die geschichte als mythos ist nicht ihr vorrangiges ding. sie weiss um die keltische grundierung unserer kultur, um ihre römische zivilisierung, und sie beschreibt unauffällig die einwanderungen der gemanen. die legenden negiert sie nicht, sie räumt ihnen aber nicht einen vorrangigen platz ein. vielmehr interessiert sie sich, wie im zwischen dem 12. und 14. jahrhundert städte entstehen, sich so orte des wirtschaftens bilden, die dauerhaftigkeit in die entwicklung des landes brachten, bis die industrialisierung aus ihnen die zentralen orte der modernisierung und veränderung des landes machte. entsprechend ist ihr buch ein porträt der städte und ihrer regionen, konkret von genf, lausanne, neuenburg, fribourg, bern, basel, zürich, st.gallen und den tessiner städten.

jedes kapitel ist recht kurz gehalten, kenntnisreich aufgebaut und gut erzählt. was daraus entsteht, ist das kaleidoskop der urbanen schweiz. vielfalt ist ihr wichtig, ohne dass der bezug schweiz, die sich zwischen dem 14. und 19. jahrhundert schrittweise zu einem staat entwickelt.

prominente geistesgrössen der schweiz wie jean-francois bergier, aber auch peter von matt haben sich vorteilhaft zu dem regional-urbanen zugang zur historie der schweiz geäussert, der verkehr und wirtschaft in den vordergrund rückt, und die entwicklung der kultur als folge davon sieht. denn das steht effektiv im gegensatz zu dem, was wir sonst erleben, wonach die schweiz in den alpen entstanden, bei menschen, die nichts zu tun, aber viel zeit hatten, und sich zu allem, was rund um sie herum geschah, quer gelegt haben.

genau das hat mich bewogen das lesenswerte büchlein der welschen historiker auch der deutschsprachigen schweiz näher zu bringen. als ort dafür habe ich – natürlich – die stadt bern ausgesucht, die altstadt genauern, noch präziser die lauben, die mich immer wieder ins café postgasse führen.

stadtwanderer


Comments

1 Comment so far

  1. Giorgio Girardet on Oktober 2, 2011 08:20

    Das kann die „Willensnation“ nur begrüssen. Das ist wohlgetan. Denn das Werk von Joelle Kuntz zeigt dreierlei.
    1. Geschichte lebt von der überraschenden und erhellenden Darstellung. Die akademische Wissenschaft hat sich in soziologischem Erbsenzählen und theoretischen Wolkenschiebereien verirrt.
    2. Die Romands haben ein vitaleres Interesse an der nationalen Historiographie, als die post68er „Mythenzertrümmerer“, die sich am Blutrausch der Zerstörung des Geschichtsbildes ausgetobt haben.
    3. Das geistige Gendermainstreaming in den „Sozialwisschenschaften“ (Geist will man nicht mehr haben, dort, der wäre nämlich männlich) hat dazu geführt dass nur noch geistige Eunuchen oder deutsche Einwanderer auf schweizer Lehrstühlen amten. Die brillanteste Schweizergeschichte seit René Allenmanns „25 Mal die Schweiz“ stammt aus der Feder einer Nicht-Fachhistorikerin.
    Dass der Stadtwanderer dieses Buch lobt und dem Publikum empfehlen darf, das während des Literturclub nicht entschlafen ist, findet meine ungeteilte BeGEISTerung und Beistimmung. So soll es sein!

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