für 2012 lanciere ich eine neue stadtwanderung, die dem regierungssystem der schweiz gewidmet ist. historisch-politologisch interessierte gruppen können sich bei mir melden, wenn sich sie im nächsten jahr von mir ins thema bei einem gang durch bern einfuchsen lassen wollen.

auf die idee gekommen bin ich bei der erneuten lektüre der schweizer geschichte der welschen hisorikerin joelle kuntz. im buch, in dem sie über die schweizer städte schreibt, kommt sie in sachen bern zum schluss: die schweiz ist nicht nur territorial wesentlich aus bern hervorgegangen. auch kulturell haben die muster, die sich im ancien regime in der stadtrepublik an der aare entwickelten, auf bundesebene schule gemacht.

meine neueste stadtwanderung ist dem schweizerischen regierungssystem von den anfängen bis in die unmittelbare zukunft gewidmet. konkret verfolge ich damit drei fährten:

. die katholisch-feudale tradition
. die reformiert-etatistische tradition und
. die säkular-moderne tradition.

am beispiel berns, dem stadtstaat, der kantonshauptstadt und der bundesstadt, lässt sich das sehr schön exemplifizieren.

einen staat im heutigen sinne gab es bei der stadtgründung nicht. bern war eine zähringerstadt, dann eine königsstadt. beziehungen zu den führenden herrscherhäusern im kaiserreich waren entscheidend. formal war der adel entscheidend, faktisch kontrollierte die (katholische) kirche mit ihren stadtorden das leben an der aare. ihr mann vor ort war seit 1223 der schultheiss, anfänglich ein königlicher beamter, während die gründungsfamilien im kleinen rat, der stadtregierung, das sagen hatten. die gewerbetreibenden bevölkerten den rat der 200. die gesellschaftliche legitimation der herrschaft ging von den quartiervereinen aus, angeführt durch die venner, eher militärisch-administrativ von belang, als politisch. sie bestückten jährlich den rat der 16 neu, der, kombiniert mit dem los, für die erwahlen in den kleinen und grossen rat zuständig war. beziehungsnetze waren das a und o, und war kirchlich, militärisch und gesellschaftlich. mit der verfassung von 1294 wuchs die stadt über ihre physischen grenzen hinaus. man verwaltete königliche kirchengüter, und nahm zunehmend das niedere gericht auf dem land wahr. wer unter die fuchtel der stadt kam, war unfrei, leibeigen, hatte nur durch aufnahme in die stadt chancen, seine stellung zu verbessern. schrittweise zwischen 1365 und 1415, erreichte man einen neuen status, wurde reichsstadt, über die sich unabhängigkeit vom reichsadel ausdehnte, bis diese 1499 für die weiterentwicklung bern unwesentlich wurden.

mit der reformation im 16. jahrhundert bildet sich erstmals ein staat heraus, der vom patriziat regiert wurde. damit unterschied sich bern von den entwicklungen in den landsgemeindekantonen der alten eidgenossenschaft, die in der katholisch-feudalen tradition verhaftet blieben. man grenzte sich aber auch von der ausrichtung an den zünften ab, denen in basel, zürich und schaffhausen der durchbruch gelungen war, der zu einem eigenen regierungssystem in der frühen zeit führte. ähnlich wie bern wurden luzern, solothurn und freiburg regiert, mit der grossen ausnahme, dass sie katholisch blieben. die reformiert-etatistischen tradition bildete sich damit genuin in bern aus, wohl auch im entfernten genf. schrittweise entsteht hier eine classe politique, die diesen namen verdient, denn der stammbaum wurde zum entscheidenden kriterium, ob man zu den patrizierfamilien gehörte und vorrechte hatte, oder eine gemeine bürgerfamilie war. denn nur wer zum patriziat zählte, durfte politik betreiben, sprich im namen des staates landvogt in den untertanengebieten werden, was der normale anfang war für eine karriere in der stadt selber, sei es als schultheiss, als kleinrat oder als geheimrat, die beide dem regierenden stadtherrn zur seite standen. die venner waren wichtig, die säckelmeister auch, und die senatoren, die stellvertretend für den grossen rat die geschäfte der regierung überwachten. letzter hatte nur summaerische befugnisse, wurde alle 10 jahre aufgefrischt, vergeiste aber zuseheneds. im hintergrund war die bernischen landeskirche von belang, vor allem für die herrschaft auf dem land, indessen nicht mehr zu vermengt, wie das in der katholisch-feudalen tradition der fall war. kennzeichnend wird die mischung aus fürsorglicher vaterschaft und eisener hand im umgang mit den untertanen.

der ausgeklügelten machtbalance in der oberschicht des ancien regimes setzte die französischen revolution am ende des 18. jahrhundertes ein ende. man kann das auch als geburtsstunde des säkularen staats der modernen sehen. wirtschaftliche wohlfahrt, demokratie und politische partizipation des volkes wurden zu neuen, das regierungssystem prägenden herausforderungen. stadt und kanton werden geteilt, kantonen schliessen sich in sachfragen zu konkordaten zusammen, militärisch zu einem bund, der sich gegen aussen verteidigt. mit der revolution von 1848 entsteht der bundesstaat, zunächst auf liberaler basis, dann auf bürgerlicher und schliesslich weltanschaulich und sozial auf einem übergeordneten fundament. gewaltenteilung zwischen gesetzgebung, gesetzesvollzug und richterlicher entscheidung in der anwendung werden genauso wie die legitimation der herrschaft im souveränen volk von belang. in der zweiten hälfte des 19. jahrhunderts etabliert sich nebst der repräsentativen demokratie auch die direkte. mit dieser kam es zur ausbildung von parteien.- beide prinzipien der regierungsweise vertrugen sich nur bedingt, führten angesichts innerer instabilität und äusserer bedrohung zur konkordanzdemokratie mit verzicht auf machtkämpfe zugunstens von sachorientierter problemlösung, welche die geschicke des landes seit mitte des 20. jahrhunderts prägen.

wir wissen es, die hochzeit des konkordanzsystems ist auch in der schweiz vorbei, knappe kassen, neuen konfliktlinien, medialisierte politik und ideologischen grabenkämpfe zwischen tradition und moderne haben ihr zugesetzt. wie es weiter geht, ist offen. sicher ist nur, die geschichte ist nicht am ende. diesen punkt verständlich zu machen, woher das regierungssystem der schweiz kommt, welche traditionen nachwirken, welche formen heute relevant sind, ist die absicht meiner neuen stadtwanderung. spekulationen unter den teilnehmenden wie es weitergehend könnte, sind beim abschliessenden apéro durchaus erwünscht.

beginnen werde ich mit der tour am 12.12., zwei tage vor der bundesratswahl, mit der wir ins politische 2012 starten werden. das kommunikationsteam des bsv ist mein erster gast bei dem rundgang. ich freue mich, etwas neues unternehmen zu können! weitere interessenten an der historisch-politologischen stadtwanderungen melden sich direkt beim

stadtwanderer


Comments

3 Comments so far

  1. Giorgio Girardet on November 8, 2011 15:58

    Eigenartige Ankündigung. Hab den Post nicht gelesen, aber werde mich gern einer Führung anschliessen, wo auch Grossbuchstaben verwendet werden.

  2. stadtwanderer on November 8, 2011 16:41

    das ist der vorteil der freien rede: SIE UNTERSCHEIDET NICHT ZWISCHEN GROSSEN UND KLEINEN BUCHSTABEN.
    sie sind als gast herzlich willkommen, ab april 2012 schätze ich das wetter für stadtwanderungsfähig ein.

  3. raffnix on November 9, 2011 22:23

    @Giorgio

    Inhalte zählen mehr als Grossbuchstaben!

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