wie angekündigt arbeite ich mit hochdruck an einer neuen stadtwanderung: der zum politischen system der schweiz von den anfängen bis in die unmittelbare zukunft. schauplatz ist bern, uraufführung ist am 12. dezember, auf den tag genau 4 jahre nach der abwahl von christoph blocher aus dem bundesrat. hier meine rede an der ersten station.

der legende nach ist bern 1191 von den zähringern gegründet worden. egal, ob die jahreszahl stimmt oder nicht, bern ist eine der charakteristischsten zähringerstädte, die sich vom schwarzwald bis in den gros de vaud gibt.

eigentlich waren die zähringern adelige. im 11. jahrhundert bewarben sich die grafen aus der nähe der heutige stadt freiburg im breisgau als herzöge von schwaben. der plan missriet nach anfangserfolgen, denn die stauffer kamen ihnen zuvor. da machten sich die zähringer daran, strassen zu bauen, wie zu römerzeiten und unterhielten sie mit stadtgründungen. ihre vision lautete: rhein und rhone auf dem land verbinden, um so über die einfachste nord-süd-verbindung auf dem kontinent zu herrschen. die zähringerstrasse begann in freiburg, und sie sollte in lausanne enden. da stiessen die schwäbischen bauherren allerdings auf einen mächtigen bischof, ganz in der burgundisch-katholischen tradition verhaftet, tagsüber einflussrfeicher grundherr an den gestaden des lac léman, in der nacht herr über die seelen seiner untertanen. an ihm scheiterte der zähringische plan, doch prägte er das westliche mitteland von herzogenbuchsee, über burgdorf, bern und freiburg mit seitenarmen nach murten und thun nachhaltig.

berchtold v., der stadtgründer berns, war der letzte in seinem geschlecht. als er 1218 verstarb, legte kaiser friedrich ii., der spektakulärste unter den stauffer-herrschern, seine hand über zentrale orte des zähringischen herrschaftsraumes, während er den rest unter die adeligen der region verteilte, unter der voraussetzung, dass sie ihre sippen verheirateten, damit adelige wie die kyburger und savoyer keinen krieg um das erbe entfachen würden. bern, als stadt am sichersten aareübergang von strategischer bedeutung, machte er zu königsstadt. 1223 entsandte der kaiser, der mehrheitlich in süditalien lebte, seinen sohn, könig heinrich, nach bern, um den ort in seinen besitz zu nehmen.

mit könig heinrich kam auch der deutschorden nach bern, die geistigen herrscher über die stadt. gegründet hatte man diesen ritterliche kampftruppe für die kreuzzüge gegen die ungläubigen an der ostsee. jetzt bekam er in der berner pampa eine neue aufgabe. zum zentrum des deutschordens wurde köniz erhoben, die berühmte kirche mit dem chorherrenstift, welche die gegend an der aare beherrschte, bevor es die stadt gab. noch heute haben die könizer das emblem des deutschordens in ihrem stadtwappen. in bern setzte der könig einen schultheissen ein, dem vier venner, quartiermeister könnte man sagen, zur seite standen; das wort leitet sich ab von schuld heisschen, spricht vom steuereintreiben. denn der schultheiss war in der ursprünlichgen absicht der oberste königliche beamte, der in der königsstadt geld für den herrscher beschaffte – und das niedere gericht sprach, also gemeine verbrecher direkt verurteilte. die stadtgründungsfamilien stellten in der regel den schultheissen selber. nun im konfliktfall wurde ein auswertiger berufen, um zu vermitteln. dem schultheiss stand der rat für alle fragen des alltags zur seite, in dem die bubenbergs und die anderen ritterlichen familien berns das sagen hatten.

bern war damals eine ganz kleine stadt. man schätzt, dass in der gründungsstadt 500, vielleicht 1000 personen hausten. wenn sie an trachselwald oder schangnau denken, dann haben sie eine gute vorstellung von der grösste der damaligen stadt. bis 1450 wuchs bern auf die grösse von immerhin 5000 einwohnerInnen an, was dem heutigen aarberg entspricht. 1293 kam es zu wichtigsten verfassungänderung: die unsicheren statuten aus der gründungszeit wurden durch eine verfassung von könig adolph von nassau ersetzt; sie sollten bis zum einmarsch der franzosen 1798 gültigkeit behalten. mit der neuen verfassung wurde der rat der 200 begründet, bestückt auf je 50 häupter in den vier quartieren. bestimmt wurden sie vom 16er, einer jährlich erneuerten versammlung von je 4 vertretern der vier quartier, die entlang der längs- und quergasse entstanden waren. in jedem viertel hatte ein gewerbe das sagen: die metzger, die bäcker, die gerber und die schmiede bildeten die handwerkselite.

als versammlungslokal dienten die kirchen, anfänglich die kleine leutkirche, die es heute nicht mehr gibt, die aber an der stelle des münsters stand. im 13. jahrhundert kamen nebst dem deutschorden zwei weitere kirchliche orden nach bern: die dominikaner und die franziskaner. erstere ordneten die ritterfamilien, zweitere die gewerbetreibenden. die franziskanerkirche steht nicht mehr, sie war dort, wo heute das casino ist. die dominikanerkirche, 1269 begründet, gibt es immer noch. wir sind mitten in ihr; sie wurde mit der reformation im 16. jahrhundert aufgehoben, im 17. jahrhundert, als die hugenotten als flüchtlinge mitunter nach bern kamen, der französisch-reformierten gemeinde zur verfügung gestellt, weshalb man sie bis heute franzosenkirche nennt.

anders als in städten wie zürich, gelang es dem lokalen gewerbe in bern nicht, im 14. jahrhundert, die politische macht den gründungsfamilien zu entreisse. vielmehr behielten sich die junker vor, das in eigener sache zu erledigen. entsprechend kann man in bern nicht von einem zunftregime sprechen, der durch den rheinhandel bestimmt war. vielmehr regierte hier ähnlich wie in freiburg, solothurn oder murten der landadel, der mit den mittelalterlichen stadtgründungen aufgestiegen war. von zünften spricht man bern auch weniger, eher von gesellschaften, die für das soziale leben von belang, die stadtwache und das militärische aufgebot von bedeutung waren.

zu den lebensgrundlagen bern zählte die verwaltung des landes, eine eigentliche berner erfindung, um den hohen adel aus schwaben und burgund auf distanz zu halten. berns expansion auf das land begann bereits im 13. jahrhundert mit dem schutz über das kloster interlaken. 1365 erhob kaiser karl iv. die königsstadt, indem sie königsgut auf dem land selber erwerben, verwalten und verkaufen durfte. 1415 wurde bern reichsstadt; mit allen insignien eines standes im kaiserreich ausgestattet: so auch dem hohen gericht und damit der entscheidung über den tod in stadt und land. 1499 erreichte das unabhängigkeitsstreben der berner seine bisherigen höhepunkt: bern erkämpfte sich die unabhängigkeit vom könig im schwabenkrieg, akzeptiert von da an keinen oberherrschaft mehr in der stadt an der aare.

das leben in bern war im 15. jahrhundert alles andere als konfliktfrei. seit der grossen pest war die autorität der kirche und der ritter angeschlagen. 1405 brannte ein drittel der holzstadt in einer nach nieder. und mit zürich lag man jahrelang im krieg. 1450 ist ein eigentliches wendejahr. die kaufleute, die mit dem handel von lebensmitteln und tüchern reich geworden waren drängten an die macht. der landadel bekam durch den geldadel konkurrenz. dieser dachte schon in den kategorien der neuzeit, jener orientierte sich an den höfischen sitte der renaissance. 1470 war einer der seltenen momente, welche die spannungen in der stadt aufzeigte. angesichts der streiterein in der berner obrigkeit wurden ein metzger zum schultheissen bestimmt. der legte sich gleich mit dem landadel an; das tragen eleganter kleider, wie es die frauen der ritter gerne hatten, wurde kurzerhand verboten. die junkerlichen familien schmolten und zogen sich auf ihre landsitze zurück. der geldadel wieder verstrickte sind in kriege mit den burgundischen herzögen in dijon. schliesslich musste die verfeindeten lager in bern zusammenstehen, um die unabhängigkeit der stadt und ihrer ländereien zu retten.

das bern 1476 in der schlacht von murten siegte, hatte auch mit der eidgenössischen unterstützung zu tun. am bündnis der waldstätte orientierten sich die berner seit 1323. 1353 trat man ihm bei. seit 1370 suchte man in militärischen und kirchlichen fragen die autonomie unter eidgenossen zu erhöhen. dazu setzte man die tagsatzung, das eigentliche leitungsorgan der eidgenossenschaft, ein. nach der schlacht von murten war es praktisch soweit: das stanser verkommnis regelte, dass jeder ort, ob stadt oder land, gleich bedeutend sein solle. die stadt bern ging noch weiter: sie schüttelte den ungeliebten deutschorden ab und begründete die berner landeskirche, die nun einen direkten draht nach rom hat.

die aarestadt trat damit in die neuzeit ein, symbolisiert durch die italienzüge zwischen 1494 und 1513 – der zeit des schnellen geldes, der zitronen, der syphilis und der inneren konflikte, aus dehnen ein neues politisches system, fern ab vom katholischen feudalismus des mittelalters entstehen wird. davon an der nächsten station.

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