wenn zürich die lunge ist, durch die die alte eidgenossenschaft atmete, dann ist bern der kopf, der die geschicke politisch lenkt(e). das schreibt joelle kuntz, die welsche historikerin, die mich zu meiner neuen stadtwanderung inspiriert hat. hier die zweite rede zur entstehung des politischen systems der schweiz aus dem bernischen stadt(staat).

bern rathaus, bis heute sitz der regierung und des parlaments des kantons bern wie auch der berner synode, war in der frühen neuzeit dreh- und angelpunkt des bernischen staates und der bernischen wirtschaft.

soziologen der europäischen parteiensysteme betonen, nebst dem gegensatz zwischen linken und rechten parteien finde man in jedem land auch unterschiede. ursache hierfür seien die spezifischen verarbeitungen zurückliegender konflikte wie die französische revolution, die industrielle und die russische. allen vor gehe aber die reformation und ihre folgen.

in der eidgenossenschaft begann die reformation 1523 in zürich, erfuhr sie 1536 in genf eine zweite welle, und endete sie 1712 nach dem zweiten villmergen-krieg mit dem frieden von aarau. und sie verlief lokal unterschiedlich, denn die eidgenossenschaft der damaligen zeit war eher eine militärbündnis, das sich seit 1499 aus der autonomie vom reich heraus definierte, als ein geführter staat.

ursprünge der reformation waren erfahrungen in den italienkriegen, das leichte leben mit dem schnellen geld, die syphilis aus dem unehlichen geschlechtsverkehr, der tod der eidgenössischen söldner, nicht selten durch andere eidgenössischen söldner verursacht, und der versuch, sich ganz auf die seite des französischen königs zu schlagen. dagegen opponierte der züricher leutpriester, huldrich zwingli, selber feldprediger der glarner in oberitalien. nach den schlachtenniederlagen klagte er, gott, der sich im mittelalter auf die seite der eidgenossen, dem auserwählten volk, geschlagen habe, habe sich von ihnen abgewendet, weil man moralisch verwerflich gehandelt habe.

1523 rief zwingli in zürich zur erneuerung der kirche auf. 1526 hätte er seine ideen in baden verteidigen sollen, doch blieb er dieser disputation fern. dafür nahm er 1528 an der berner disputation teil, die den durchbruch der reformation in bern, dann in basel und anderern städten brachte und zu einem bündnissystem unter den städten des neuen glaubens führte. vor allem zürich nützte das, um gegen die innerschweizer vorzugehen. nur dank durck der berner und vermittlung der luzerner gelang, einen bürgerkrieg zu verhindern. die berühmte kappeler milchsuppe erinnert uns bis heute daran. beifügen muss man allerdings, dass der friede nur vorübergehend bestand ielt. denn 1531 entzündete sich der konflikt erneut an der frage, welche religion die untertanengebiete der gemeinsam verwalteten orte anzunehmen hätten, sodass es zur wirklichen schlacht bei kappel kam, bei der zwingli fiel, die züricher besiegt wurden, und die katholische seite ihre vorherrschaft in der eidgenossenschaft behauptete.

bern hatte auf geheiss des kleinen rates 1529 den reformierten glauben angenommen, und ihn in den eigenen untertanengebieten mit volksabstimmungen und militäreinsätzen durchgesetzt. den krieg der zürcher fürchtete die stadt, weil sie rund herum von katholischen mächten umgeben war. zudem hatte sich die reformation in befreundeten städten wie freiburg und solothurn nicht durchsetzen können, sodass man eine allianz der innerschweizer orte mit den savoyischen herzögen als grösste gefahr ansah. erst als man dieses savoyen unter duldung des franzosenkönigs durch den export der reformation im sinne jean calvin in genf durchsetzt und die waadt okkupiert hatte, fühlte sich in der aarestadt sicher. unter hermann bullinger, dem nachfolger zwinglis, gelang es zudem die verschiedenen reformationen unter eidgenossen angesichts der gegenreformation im consensus tigurinus zu vereinheitlichen, womit eine wichtige achse der städte zwischen genf und zürich entstand, die zu einem konstitutiven element der neuzeitlichen eidgenossenschaft werden sollte.

regierungssystem bern im 18. jahrhundert nach altorfer (2010)

die verfassung der berner stadtrepublik beruhte immer noch auf jener von 1293, die könig adolph von nassau erlassen hatte. allerdings hatte sich ihr charakter mehrfach weiterentwickelt. an der spitze stand der regierende schultheiss, der seine meinung nicht äusserte, ausser wenn er gefragt wurde. er stimmte nicht, ausser bei stimmengleichheit; dann galt seine alleinige entscheidung. gewählt war er auf lebzeiten; allerdings stand ihm ein stillstehender schultheiss gegenüber, mit dem er jedes jahr an ostern das amt tauschen musste. der kleine rat, bestand neu aus 27 mitgliedern. den engeren kreis der regierung nannte man geheimrat, bestehend aus dem stillstehenden schultheiss, den vier vennern, dem deutschsäckelmiester und zwei heimlichen, welche die regierungstätigkeit überwachten. die übrigen kleinräte, zu denen der schultheiss selber auch zählte waren der welschsäckelmeister, der salzherr, der zeugherr und die 15 mitglieder ohne ein eigentiches amt. gewählt wurden schultheiss und kleinrat aus erfahrenen mitgliedern des grossen rates vom grossen rat. voraussetzung war, dass man verheiratet oder verwitwet war. um grossrat zu werden, musste man zu den patrizischen familien gehören; erneuert wurde der grosse rat alle zehn jahre, minimal hatte er 200 mitglieder hatte, maximal 299. diese wahl nahm der 16er vor, die vertretung der gesellschaften, den vier alten vennerzünften und 8 weiteren gesellschaften. die 16er waren selber grossräte, genauso wie der staatsschreiber, der gerichtsschrreiber, der grossweibel und der rathausammann. vor allem aber umfasste der grosse rat auch rund 50 landvögte, die aus seiner mitte mit dem los bestimmt wurden. die landvögte standen den ämtern auf dem land vor, sprachen dort recht, förderten die landwirtschaft, die einnahmen brachte und verkauften die wehrfähigen söhne an die befreundeten königshöfe als söldner. nach erfolgreicher tätigkeit empfahlen sich die landvögte als kleinräte und regierten so die stolze stadtrepublik mit.

im reformierten staat gab es keine klöster mehr. dem bischof von lausanne und dem papst in rom sah man sich nicht mehr verpflichtet. den deutschorden hatte man schon 1484 zurück geschickt. der neue bernische staat verwendete die einnahmen der klöster für das spital- und fürsorgewesen, und er baute die bildinstitutionen aus, insbesondere eröffnete er die berner akademie, die für die theologieausbildung im reformierten sinnen zuständig war. den bauern bot man die gelegenheit, sich von der leibeigenschaft loszukaufen, was den reicheren unter ihnen gelang. zudem legte man sümpfe trocken und bot den landarbeitern in den untertanengebieten an, die entwässerten landstücke in der folge selber zu bewirtschaften. auf diesem weg suchte man die jungen vom soldwesen wegzuhalten, allerdings nur vorübergehend, denn im 17. jahrhundert führte man es flächendeckend wieder ein – für die franzosen, die holländer und venezier.

im 30jährigen krieg übte sich die eidgenossenschaft erstmals in ihre neutralität. denn eine parteinahme für die katholische oder protestantische seite hätte unweigerlich das labile verhältnis im innern ins wanken gebracht. die eidgenossenschaft profitierte wirtschaftlich davon, mindestens bis kriegsende. danach kam es zu geldentwertung und abschottungstendenzen zwischen städtischen oberschichten und ländlichen unterschichten. symbolisch hier waren die grossen schanzenanlagen, die man um bern herum angelegt hatte, offiziell als schutz vor den franzosen, faktisch als hohe mauer gegen die landbewohner. 1653 kaum es deshalb zum grossen bauernkrieg, während dem die bauern beider konfessionen gegen die städter beider konfessionen kämpften. die berner aristokratie reagierte entschlossen und kaltblütig. die anführer, häufig als tellensöhne verkleidet, die gegen die eigenen vögte kämpften, wurden gefangen genommen, verurteilt und hingerichtet.

stefan altdorfer, ein berner historiker, der heute in stadtstaat singapur lebt, nennt das bern des anciern régimes einen surpluse-state, einen überschussstaat. die erklärung des sachverhalts beginnt mit dem für damalige verhältnisse grossen staat, der nach einer heftigen expansion im 15. und 16. jahrhundert abschied vom krieg als mittel der eroberung nahm. tiefe verteidigungsausgaben waren die folge, aus denen budgetüberschüsse resultierten, die staatsschulden zum verschwinden brachten. so entwickelten sich im 18. jahrhundert drei sich ergänzende kreisläufe:

erstens, der milizkreislauf, mit dem die patrizier wie die untertanen ihren dienst an der gemeinschaft, den militärdienst, unentgeltlich erbrachten und auf diesem weg die bürokratie gering hielten.
zweitens, der investitionskreislauf, der zuerst den salzhandel beförderte und einträge brachte, dann zu reserven führten, die in london, amsterdam und schliesslich über verschiedene königshöfen geldbringend angelegt wurden.
drittens, der repräsentationskreislauf, bei dem die untertanen im lokalen autonom und bewaffnet blieben, was von den landvögten rücksichtnahme verlangte, wenn sie mit gewinn nach bern zurückkehren wollten.

nach altorfer bern im 18. jahrhundert ein domänenstaat, der im mittelalter ausgeformt wurde, sich mit der reformation verändert hatte, weshalb der historiker ihn zum “unternehmerischen domänenstaat” erhebt, denn mit salz und finanzen ging der bernische staat im 18. jahrhundert geldbringend um – besser als dies noch bis ins 16. jahrhundert unter der feudalen herrschaft der fall gewesen war. immerhin hält er fest, die leistungen berns blieben unter der der kolonialmächte ausserhalb der eidgenossenschaft, sodass bern gleichzeitig ein fossil wie auch ein trittbrettfahrer war. das grösste problem war, dass er zu gerontokratie verkam, die sich in ihrer selbstergänzung ganz abgeschottet hatte. der letzte grosse rat konnte noch aus 243 familien auswählen, faktisch teilten sich 76 davon die ganze politische macht des stadtstaates.

ironie der bernsichen geschichte im 18. jahrhundert ist es, dass der erwirtschaftete überschuss als ultimo ratio für den kriegsfall galt, denn mit dem staatsschatz wollte man sich im kriegsfall wenigstens akut selber finanzieren. napoléon kriegsführung ohne staatsgeld führte dann aber dazu, dass gerade die staatsschätze reicher republiken wie venedig und bern zu eigentlichen kriegszielen avancierten, mit den die adeligen steuerparadiese jen- und diesseits der alpen ihr ende fanden.

womit wir von der reformatorischen revolution des 16. jahrhundert bei der französischen revolution am übergang vom 18. zum 19. jahrhundert angelangt sind.

stadtwanderer


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