über berns burgergemeinde wird diskutiert. seit neuestem auch auf dem stadtwanderer. zeit also, sich damit zu beschäftigen. heute: die burgergemeinde in der selbstdarstellung.

mittelalterlicher ursprung
die mittelalterliche gesellschaft kannte keine territorialgemeinde. vielmehr leitete sich der gemeindebegriff aus der zugehörigkeit zu personalverbänden ab: zünfte regelten das berufsleben, und das burgerrecht erhielten die dauerhaft niedergelassenen mit besitz und bereitschaft, gemeinschaftliche dienste übernahmen. im 17. jahrhundert schloss sich diese gesellschaft mehr und mehr ab, und definierte sich nun durch herkunft in ausgewählten familien, die das recht hatten, öffentliche ämter im stadtstaat zu bekleiden.

1798, mit dem einmarsch der revolutionär gesinnten franzosen wurde das patrizische burger- und staatsverständnis erschüttert. 1831 dankte das patriziat im liberal gewordenen kanton bern politisch ab. in der stadt schuf man in der folge zwei organisationsreglement: je eines für die bürger- und die burgergemeinde. 1852 trennten sich beide gemeinde vertraglich, wobei geregelt wurde, wem was gehören soll.

die basis der mitgliedschaft in der burgergemeinde war lange ausschliesslich über die zugehörigkeit zu einer der 13 zünfte oder gesellschaften der stadt geregelt. seit 1888 ist es möglich, burger auch ausserhalb dieser organisationen zu sein. heute zählt berns burgergemeinde 17000 mitglieder. rund 13000 leben in der schweiz, 5500 in bern und umgebung. sie alle sind in der stadt bern heimatberechtigt.

demokratische personalgemeinde
die volljährigen, in der schweiz wohnhaften burger bilden die burgergemeindeversammlung, die persönlich oder brieflich den präsidenten, den vizepräsidenten sowie die mitglieder des kleinen resp, grossen burgerrates wählt. die burgergemeindeversammlung beschliesst über alle geschäfte von grosse tragweite. der grosse burgerrat wacht über die burgerlichen institutionen, und der kleine burgerrat ist die vollzugsbehörde. rund 240 personen sind in der verwaltung der burgergemeinde vollzeit, weitere 320 teilzeit angestellt.

die burgergemeinde erhebt keine steuern. sie lebt ausschliesslich vom eigenen geldquelle. die domänen, die dc bank und die forsten gehören dazu. zu den domänen gehören der grundbesitz, der im baurecht abgegeben wird, die liegenschaften der burgergemeinde und rund 50 landwirtschaftliche pachtbetriebe. insgesamt besitzt die burgergemeinde an die 4000 hektaren wald in der umgebung berns. die dc bank verwaltet das vermögen der burgergemeinde und besorgt deren finanzverkehr.

die sozialen institutionen der burgergemeinde sind das burgerspital (alters- und pflegeheim), das jugendwohnheim (ehemaliges waisenhaus) und burgerheim (alterswohn- und -pflegeheim). zu den weiteren aktivitäten der burgergemeinde gehören das kultur-casino, die burgerbibliothek und das naturhistorische museum. gemeinsam mit dem kanton und der einwohnergemeinde trägt die burgergemeinde das bernische historische museum sowie die stadt- und universitätsbibliothek. sie beteiligt sich auch an der finanzierung des botanischen gartens und des kunstmuseums in bern. seit 20 jahre verleiht die burgergemeinde zudem einen kulturpreis.

nebeneinander von bürger- und burgergemeiden

mehrfach haben im 19. und 20. jahrhundert freisinnige und linke politische kräfte die abschaffung der burgergemeinden im kanton bern angestrengt. bis heute sind alle versuche gescheitert; die geltende kantonsverfassung anerkennt die burgergemeinden als öffentlich-rechtliche körperschaften. die breviere der burgergemeinden halten mit schöner regelmässigkeit zwei merkmale in eigener sache fest:

burger sind „als Angehörige alteingesessener Geschlechter und später aufgrund ihrer Verbundenheit mit Bern aufgenommener Familien besonders geeignet, Trägerinnen und Träger einer Tradition zu sein, die bei aller Aufgeschlossenheit Neuem gegenüber die innere und äussere Eigenart der Bundesstadt bewahren will.“

und: „Die Partnerschaft zwischen Bürger- und Burgergemeinde (wirkt sich) zum Wohle aller Bernerinnen und Bern aus: Während sich die eine oft nur allzu sehr mit Alltagsproblemen herumschlagen muss, kann ihr die andere bei der Bewahrung jener Werte helfen, die eine Stadt erst zu Heimat macht.“

stadtwanderer

bild: büro des präsidenten der burgergemeinde, franz von graffenried, im burgerhaus an der amtshaushausgasse 5 (foto: stadtwanderer)
quelle: berner burgerbrevier. was man von der burgergemeinde bern wissen sollte, bern 1999.


Comments

2 Comments so far

  1. stadtwanderer on September 16, 2008 10:53

    mehr bilder unter
    http://www.flickr.com/photos/organize/
    („burgergemeinde bern“ anwählen)

  2. mischa on September 16, 2008 16:43

    lieber stadtwanderer

    eines erscheint mir noch nennenswert. die burgergemeinde unterhält einen eigenen sozialdienst.

    weiter stellt sich mir eine frage über die zünfte. war es so, dass sich ein handwerker nicht in der stadt niederlassen konnte wenn er nicht der entsprechenden zunft angeschlossen war?

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