„In seinem Stadtwandererblog, den die Hauptstadtzeitung übernimmt, um neben lauter Zürcher Kolumnen eine Berner Stimme zu haben, mokiert sich der 83-jährige Politanalyst und Bern-Flüsterer Claude Longchamp über den chancenlosen Vorstoss von Stadtberner Grossräten, die einen Halbkanton Bern-Stadt gründen wollen.“ wir wahr, was die bernerzeitung (tamedia-verlag, zürich), heute schreibt. ihr einziger irrtum: sie meint, das sei erst 2040 der fall. dabei …

ein wenig stolz bin ich schon. denn zum dritten mal bin ich bestandteil der berner zukunftsgeschichten, welche die bz in unregelmässigen abständen bringt. diesmal gibt es allerdings weder etwas zu erklären, noch zu deuten.

denn die diagnose im dritten szenario (im online-begleittext etwas irrführend als zweites szenario bezeichnet) ist rabenschwarz. burgdorf, die stolze zähringerstadt, die 2012 ihren fachhochschulstandort aufwerten konnte, kam nicht von fleck. denn der fachhochschulcampus biel/bienne verursachte massive kostenüberschreitungen; burgdorf musste warten. überhaupt das ganze konzept scheiterte an den studierenden, die sich mit den verzettelten standorten nicht anfreunden konnten. schliesslich musste sich biel/bienne der fachhochschule nordwestschweiz anschliessen. burgdorf verkam zu schlafstadt. selbst willy michel von der medizinaltechnikfirma ypsomed mochte nicht mehr, verlegte seinen eigenen standort ins steuergünstige obwalden – und sein gertsch-museum musste der kanton übernehmen.

so geht es im ganzen rückbklick schritt für schritt weiter. eine der hauptursachen: die volksabstimmung über zwangsfusionen scheiterte 2012. 2028 kam es noch dicker: auch ursina schwarz, die gemeindepräsidentin von köniz scheiterte mit ihrem fusionsprojekt von bern und köniz zu gross-bern – und wurde abgewählt. sie zügelte in die hauptstadt, wo sie zur neuen stadtpräsidentin gewählt wurde. jedoch: bern und köniz polititiseren seither rücken an rücken. dazu gehört, dass köniz, ostermundigen, ittigen, muri und zollikofen eigene wirtschaftsförderer angestellt habe. erfolgreich sind nicht, indem sie den gemeinsamen standort fördern, sondern indem sie sich gegenseitig die letzten firmen abjagen.

bern muss prunktstück für prunkstück aufgeben: das paul klee zentrum und das kunstmuseum müssen aus spargründen fusionieren. doch aus dem plan, aus dem klee- und ein kongresszentrum zu machen, wird nichts. der erbschaftsvertrag sieht vor, dass eine kommerzielle nutzung der gebäude ausgeschlossen wird. nur die juristen haben daran ihre freude. nicht besser geht es anderen kulturplätzen: das kornhaus ist dunkel, seit es niemanden mehr beherbergt, im stadttheater gibt man stücke zum besten, die man vorher schon in zürich gesehen hat, und aus der markthalle, zu beginn des jahrhunderts das epizentrum des ausgangs in bern, ist eine aldi-filiale geworden. da mag nicht einmal mehr die srg in bern bleiben. das radiostudio hat sie aus der hauptstadt abgezogen, irgend wohin …

nein, meine sehr verehrten stadtwandererInnen, dieses szenario macht gar keine freude!!!

so schrecklich es ist, es nimmt eine entwicklung berns aus den 90er jahren auf, als die stadt den trend zur neuen urbanität zu verpassen schien. die wirtschaft serbelte, die bevölkerungszahlen stagnierten. das kulturelle leben verarmte. rund herum begannen städte aufzublühen, freiburg zum beispiel, inspiert vom arc lémanique, aber auch luzern, dem magneten für die innerschweiz. ungemacht zeichnete sich auch im weiteren umfeld ab. zürich, genf, ja auch basel mauserten sich zu metropolen in metropolitanregionen, mit internationaler vernetzung, neuen wirtschaftszweigen und bevölkerungswachstum.

gott sei dank, füge ich bei, wurde die missliche lage noch rechtzeitig erkannt. die hauptstadtregion ist am entstehen. nun wächst auch bern wieder, und es drängen sich fragen nach dem stadtausbau an den rändern. schritt für schritt päppelt sich die bundesstadt wieder auf. der vektor stimmt wieder, auch wenn ein wirkliches konzept unverändert fehlt, wie sich bern wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell neu positionieren soll. denn zu vieles hängt davon ab, dass man in verschiedenen agglogemeinden unverändert lieber ins land hinaus schaut, und vertraut, der kanton werde es schon richten, dass es allen besser geht, gerade weil man nicht mit dem zentrum kooperiert.

an berns geschichte schreiben, wäre für mich etwas anderes!

stadtwanderer


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