bern, bundesstadt der schweizerischen eidgenossenschaft: eine episode reicher an erfahrungen mit einem wahlkampf, der keiner ist.

donnerstag, 21. Juni 2012: vania kohli, bdp, kandidatin der für die berner stadtregierung auf der mitte-liste, meldet ihre kandidatur für das stadtpräsidium an – und hofft, nicht nur von den kleinen mitte-parteien glp, cvp, und evp unterstützt zu werden, sondern auch von den etwas weniger kleinen parteien rechts davon, der svp und fdp. ohne das würde sie auf eine bewerbung verzichten.
freitag, 22. Juni 2012: die rechtsbürgerlichen geben bekannt, dass auch sie für das stadtpräsidium kandidieren, und zwar mit den gemeinderatskandidaten beat schori (svp) und alexander schmidt (fdp) – für den fall, dass kohli ihre kandidatur aufrecht erhalte.

danach gefragt, was sie nun mache, erklärt kohli, die bedingungen für ihre bewerbung gälten nicht mehr.
danach gefragt, was er nun mache, erklärt schmidt, er werde seine partei fragen.
danach gefragt, was er nun mache, erklärt schori, er tue, was die partei wolle.

danach gefragt, was die kohlis bdp nun mache, sagt co-präsident, die rechtsbürgerlichen hätte noch niemanden nominiert, die kandidatur kohli gelte. übers wochenende wenigstens.

mit verlaub, der einzige der getrost auf seine wahl anstossen kann, ist der bisherige stadt-präsident alexander tschäppät von der der sp. zwar hat er auf der rotgrünen listen mächtige konkurrenz: die erfolgreichen nationalrätinnen ursula wyss (sp) und franziska teuscher (grüne) bewerben sich ebenfalls für ein mandat in der fünfköpfigen stadtregierung, und es könnte durchaus sein, dass sie beide mehr stimmen machen als der etwas umstrittene lebenmann schäppät. indes, sie fordern den bisherigen amtsinhaber nicht heraus – wohlwissend, dass es seine letzte amtsperiode sein wird.

doch genau das hat das spekulieren rechts der rotgrünen in den letzten wochen gang gesetzt. machen diese nur zwei sitze und ist tschäppät dritter, kann er gar nicht mehr stadtpräsident werden. der weg für eine person aus der mitte oder rechts davon wird quasi von alleine frei, lautet die recht verwegene analyse der ausganglage.

indes, die bewerbungen rechts der rotgrünen für das stapi-amt haben einen weiteren grund. wenn rotgrün nämlich drei sitze macht, teilen sich die 6 parteien die restlichen zwei. wahrscheinlich ist, dass cvp-gemeinderat nause wieder gewählt wird, und einer aus den reihen der svp oder der fdp es schafft – und eine partei leer ausgeht.

mit der bewerbung von vania kohli für das stadtpräsidium wurden die karten neu gemischt. denn damit kann, wenn man schon von möglichen wahlresultaten träumt, nicht mehr ganz ausgeschlossen werden, dass die mitte zwei sitze erhält, und das gespann svp/fdp leer ausgeht.

genau diese überlegung hat das taktieren von gestern bestimmt. svp und fdp bieten der bdp die stirn, um kohlis startvorteil zu kontern- mit dem effekt allerdings, dass heute samstag niemand mehr weiss, ob tschäppät im herbst überhaupt einem herausforderer oder einer herausfordererin gegenüber steht, oder es gleich drei sein werden, sie sich wechselseitig ausrangieren werden.

wenn die rekonstruktion der ereignisse, wie sie die bernerzeitung heute minutengenau vornimmt, durch gründe für jeden einzelschritt aufzeigt, kommt man nicht umhin, das ganze als unwürdige posse zu bezeichnen, die nahtlos auf das unwürdige spiel anschliesst, dass die hoffnungslosen nominationsversuche in der svp vor einigen monaten absetzten.

eines macht das ganze klar, trotz einige überraschenden volks- und parlamentsentscheidungen in dieser legislatur, welche rorgrün niederlagen in sachfragen beibrachten: ihr anspruch auf eine mehrheit in der stadtregierung und damit auch auf das stadtpräsidium ist unverändert ausgewiesen. zum wohle der bundesstadt und ihrer bürgerschaft. denn das rotgrüne lager steht trotz einigen neuorientierungen im grünliberalen spektrum, steht personell gut aufgestellt da.

ganz anders das vormalige bürgerliche lager. es ist machtpolitisch in sich gespalten, in eine mitte und einen rechtsbürgerlichen bereich. dieser wiederum besteht aus einer partei, die regieren will, und einer, bei der unsicher ist, ob sie so den erfolg hat, denn sie in der opposition hatte. damit nicht genug: auch personell steht man sich in der quere, denn aussenseiter und quereinsteiger reto nause (cvp) schaffte den sprung in der regierung vor vier jahren auf dem bürgerlichen ticket, treibt nun aber mit kräftigen pinselstrichen die etablierung der mitte voran, die sich realpolitisch mit links arrangiert will, um selber an die macht zu kommen. die svp wiederum, will auf den aufstreben jungstar erich hess verzichten, weil der heissporn von rechts der fdp nicht passt, und schickt dafür nebst rudolf friedli beat schori, letzter immerhin zweimal nichtgewählter kandidat für einen sitz in die stadtregierung, ins rennen. die fdp schliesslich nominierte gleich zwei bewerber, beide jung und unverbraucht, aber ebenso unerfahren und leichtgewichtig. da ist die ehemalige präsidentin des stadtrates vania kohli aus der von der svp abgespaltenen bdp eine valable konkurrenz.

absehbar wird, dass die herausfordererInnen der kleinen und kleinere parteien allesamt für einen, den fünften sitz antreten. und sich deshalb spinnefeind sind, werde aus rein traktischen gründen den stadtpräsidenten herausfordern darf – resp. für 24 stunden, die auch schon vorbei sind.

stadtwanderer


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