40 jahre alt wird die münstergass-buchhandlung in diesem jahr. anlass, die treue kundschaft über den ort des büchereinkaufs in bern schreiben zu lassen. hier meine laudatio des bemerkenswertesten buchladens in bern, die im herbst samt meinen lieblingsbüchern drei wochen lang im schaufenster der buchhandlung erscheint.


Claude Longchamp, Historiker/Politikwissenschafter, Institutsleiter gfs.bern, Lehrbeauftragter für angewandte Politikforschung an den Universitäten St. Gallen, Zürich und Bern, Wahl- und Abstimmungsanalytiker der SRG Medien, Berner Stadtwanderer

„Der unendliche hermeneutische Zirkel

Auf Anhieb entwickelte sie sich nicht – meine Zuneigung zu Bern. Denn als ich 1980 hierhin einwanderte, überforderten mich die Gassen der Bundesstadt enorm: alle gleich gerichtet, erschienen sie mir; alle gleich aussehend, war meine schnelle Bilanz. Tiefpunkt war, als ich endlich mein erstes date in Bern hatte, und in der falschen Gasse wartete. Gelacht wurde über mich, in der ganzen Altstadt-Szene.

Die schüchterne Annäherung an Bern geschah in der Münstergasse. Als erste hatte sie für mich eine unverwechselbare Identität. Die Unibibliothek am Eingang, das Münster am Ausgang gaben ihr ein Gepräge. Mitten drin war die „Buchhandlung für Soziologie“, wie die Münstergass-Buchandlung damals genannt wurde, umhüllt von einem Hauch der 68er Revolution.

Meine erste Anstellung in Bern war im Institut für Soziologie. Ich amtete als Hilfsbibliothekar und hatte von der antirevolutionär eingestellten Betriebsleitung die klare Weisung, die Bücher ausschliesslich via Schweizerisches Ostinstitut zu bestellen. Keinesfalls dürfte ich das via Buchhandlung für Soziologie machen.

Doch nützten alle Vorschriften nichts! Die Leute am Ostinstitut waren streng antikommunistisch, alles in allem aber ziemlich uninteressant, wenn es um Buchempfehlungen ging. Ob das Kollektiv rund um Ueli Riklin kommunistisch war, weiss ich bis heute nicht. Vor allem aber weckten sie schnell meine Neugierde mit vielen Buchangeboten, die mir noch so unbekannt waren.

So entschied ich mich für die Münstergass-Buchhandlung. Beruflich und Privat. Das war meine kleine Revolution! Heute ist sie fast schon Tradition, denn unverändert kaufe ich meine Bücher an diesem Ort. Nicht exklusiv, nein, denn Bern ist reich an speziellen Kellern und Räumen für Bücher, wenn man weiss, wohin man sich zu wenden hat. Die Münstergass-Buchhandlung jedoch ist, anders als die andern, eines mehr: Treffpunkt für so unterschiedlichste Leute, denen gemeinsam ist, dass für sie Bücher das Tor aus dem engen Lebensraum zur weiten Welt sind.

Es hat sich eingebürgert, meinen Rundgang durch die Buchhandlung links zu beginnen: Philosophie, Sozialwissenschaften, Geschichte stehen da mit unverrückbarer Autorität. Gelegentlich interessiert mich auch die schönen Literatur auf der rechten Seite, oder ich stöbere in den Raritäten im kleinen Hinterzimmer.

Mit leeren Händen verlasse ich die Buchhandlung eigentlich nie – ausser ich habe mal kein Geld. Gelegentlich findet sich, nebst Analytischem, Anspruchsvollem und Anregendem auch etwas Leichtfüssiges. Das nehme ich immer lieber mit auf meine Stadtwanderungen, mit denen ich mir Bern seit fast 10 Jahren, gleich einem unendlichen hermeneutischen Zirkel, im wahrsten Sinne Schritt für Schritt erschliesse.

Unverändert von der Münstergasse aus – mit der Münstergass-Buchhandlung als ihre Trouvaille!“


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