eigentlich ist er professor für germanistik an der universität mannheim. in meinem fall gibt jochen hörisch jedoch den apotheker. „Eine Handreichung zu den humanwissenschaftlichen Theorien der letzten fünfzig Jahre, einschliesslich ihrer Risiken und Nebenwirkungen“ lautet der untertitel des buch „Theorie-Apotheke“, um das es hier, während meiner nächtlichen unruhe, geht.

mit grosser leichtigkeit behandelt werden in dem 386 seiten starken band 33 theorien. mich interessiert hier nur eine: die medientheorie. zu recht hält hörisch fest: hätte er das buch 50 jahre früher geschrieben, kein mensch wäre auf die idee gekommen, hierzu eine theorie zusammenzufassen. denn medien galten schlicht als vermittler der realität.
das alles ist in jüngerer zeit anders geworden. marshall mcluhan hat dies in den 60er jahren des 20. jahrhunderts gesehen wie kein anderer. „The medium ist he message“ formulierte er griffig, und hörisch steht ihm darin nicht nach, wenn es um beispiele geht. „Was wäre, wenn die Kritik der reinen Vernunft kein Buch, sondern ein Film wäre?“ oder „Was wäre, wenn wir Zeitung läsen und nicht im Fernsehen mitbekämen, Kanzler Gerhard Schröder habe sich während der Pressekonferenz wiederholt die Nasenflügel gerieben?“

das alles hat nach mcluhan mit unserem leben am ende der gutenberg-galaxis zu tun. zwar verschwindet das buch nicht, doch ändert sich seine position im system der medien. denn dieses entwickelt sich in rasanter schnelle. gebrochen ist das monopol der schrift als speicher – und übertragungsmedium. hinzu gekommen ist im 20. Jahrhundert das radio, das die stimme verbreitet, und, natürlich, das fernsehen, das bilder erzeugt. im internet wächst heute alles zusammen: text, ton und bild konvergieren zum supermedium.
das ändert auch den menschen. denn medien sind, erneut nach mcluhan, „extensions of mem“. mit hilfe von medien erweitern menschen ihre beschränkten fähigkeit gewaltig.dabei nimmt die zahl den medienmenschen rasant zu, denn die klassische teilung der massenmedien zwischen wenigen sendern und vielen empfängern wird tendenziell aufgehoben. im elektronischen zeitalter wird auch der ort als bekannte sinneinheit aufgehoben. angesagt ist das „globale dorf“, begrifflich ein widerspruch in sich, sachlich jedoch treffend. „Hast du schon gehört, na klar hast du, also wie denkst du darüber, was Bill und Monica im Oval Office getrieben haben?“ bringt hörisch es auf den punkt.

weiterentwickelt worden ist marshall mcluhans theorie namentlich von neil postman und joshua meyrowitz. erster kritisierte vor allem das tv, weil wir uns mit diesem massenmedium zu tode amüsieren würden, denn die unterhaltung nähme überhand und es leide die reflexions- und argumentationskultur, ohne die demokratien nicht dauerhaft existieren können. bedroht sieht der konservative kulturkritiker auch die kindheit, hänge doch die grenze zwischen kinder- und erwachsenwelt vom vorherrschenden mediensystem ab. wo analphabetismus regiere, seien 8 oder 12jährige fähig, sich wie erwachsende zu verhalten. das sei ganz anders, wenn adoleszente die matura erst mit 20 erreichen, weil sie bis dahin ein kanonisches bücherwissen zu erwerben hätten. Und genauso dies sieht postman in frage gestellt, seit es fernsehen gibt, mit dem alle altersstufen, gesellschaftsschichten und lifestyle-milieus gleichermassen zugang zu den sendungen haben, die zählen.
noch konsequenter ist meyrowitz mit seiner fernsehgesellschaft, mit der bürgerliche grenzziehungen ganz gefallen seien. die politischen emanzipationsbewegungen der zweiten hälfte des 20. jahrhunderts hätten wir im wesentlichen dem umstand zu verdanken, dass die postmoderne sozietät zur fernsehgesellschaft geworden sei, folgerte er. „Ohne TV keine Frauenemanzipation, keine antiautoritäre Erziehung, keine Angst des Militärs vor unpopulären und medienuntauglichen Kriegen, keine Entauratisierung mächtiger Politiker, keine weltweite 68er Bewegung, kein Kollaps autoritärer Staaten im Jahre 1989“, fasst hörisch das zusammen.

das alles führt den germanisten-apotheker in seinem geistreichen streifzug durch die medientheorien zu einem letzten punkt: die enge verwandtschaft von militär- und medientechnologien, die paul virilio und friedrich kittler problematisiert haben. denn das internet wurde uns vom amerikanischen militär geschenkt. der computer entstand, um die kryptografiemaschine enigma des deutschen militärs im zweiten weltkrieg zu dechiffrieren. die hifi-tontechnologie ist ein nebenprodukt der u-boot-ortung im zweiten weltkrieg. das fernsehen ist ein derivat des radars. und der Rundfunk ist dem militärfunk entsprungen. begonnen hat das alles mit den napoleonischen kriegen, dessen truppenführer früher als andere auf den telegrafen setzten. geblieben ist die kontroverse, ob medien und gewalt nicht untrennbar miteinander verbunden geblieben seien.

der rundgang durch die theorie-apotheke wäre nicht abgerundet, würde nicht noch über nebenwirkungen der medizin gesprochen werden. dazu greift der autor auf den griechischen philosophen platon zurück, der als erster ein medium, nämlich die sich ausbreitende schrift, kritisierte. wer schreibe, sei zu faul, auswendig zu lernen, vertraue dem toten buchstaben statt dem lebendigen gespräch, öffne manipulation tür und tor. diese schema habe sich in der folge munter fortkopiert, helkt hörisch frühere medieauffassungen, die immer das neueste medium kritisieren, und frühere verherrlichen würde. erst mit dem aufkommen des internet habe sich das geändert, meint er. medien würden heute nicht mehr als herrschaftsinstrumente, eher als entwicklungschance gesehen.

selber situiert sich apotheker hörisch zwischen pessimisten und optimisten, wenn er schliesst, medien seien evolutionäre errungenschaften, die nicht ernsthaft zur disposition stünden. sie seien historische apriori von kultur und gesellschaft, dem sich nicht (mehr) verweigern könne.

und wenn, würde es keine wahrnehmen.

stadtwanderer

ps: nun doch müde …


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