eindrücklich, wie mes:arts hermann hesses leben in bern vor und während des ersten weltkriegs in den gassen aufführt, wo der schriftsteller gelebt und an seiner zeit und seinem wesen gelitten hat. der bericht des mit-stadtwanderers.

matthias zurbrügg, alias konrad blum, hesses archivar, der über das leben des schriftstellers in bern berichtet

der anfang wirkt noch etwas hölzern. die „alte musik“ vor dem münster will die erwartungsfrohe gesellschaft nicht wirklich mitreissen. doch dann setzt matthias zurbrügg, der einzeldarsteller des zweistündigen stadtspaziergangs, mit einem kräftigen sprung über den brunnen vor dem erlacherhof, und es scheint, als würde er über einen schatten mitten ins leben hermann hesses springen. was danach folgt, ist ein grossartiges strassentheater, dessen höhepunkt der teil in der christkatholischen kirche und ihrer krypta ist, wo der zweifel des schriftstellers am ersten weltkrieg wort für wort durchexerziert und sein leiden an sich selber in szenischer vielfalt ausgelebt wird.

vor genau 100 jahren zog der spätere nobelpreisträger für literatur mit seiner familie nach bern. beim ausbruch des ersten weltkrieges stellte sich der deutsche in seinerbotschaft als soldat, wurde aber auch gesundheitsgründen nicht genommen. seine anfängliche begeisterung für den krieg, der eine nation erneuern soll, weicht schnell der erfahrung des sinnlosen todes. hesse beginnt dagegen anzuschreiben, unter anderem mit einem artikel in der neuen zürcher zeitung, erntet dafür vor allem von seinen landsleuten kritik, sodass selbst seine anstellung in der betreuung deutscher kriegsgefangener, die er von bern aus mit selbstfinanzierten bücherversänden nach frankreich leistet, nicht mehr sicher ist.

genau in diese tage fällt der schmerzliche tod seines eigenen vaters, der dem erstgeborenen sohn den ring der familie beschert, in ihm gleichzeitig auch tiefe fragen nährt, ob er ein guter vater für seine drei söhne sei. es veschärft sich der bohrende zweifel, es kommt zum streit wegen eines kranken kindes, und es folgt die trennung von seiner frau. hesse macht eine psychoanalyse in luzern, und er beginnt mit malerei, die ihn therapieren soll. kurz nach kriegsende verlässt hermann hesse bern endgültig richtung tessin, um in seiner bis heute bekannten villa in montagnola ein neues leben zu beginnen, das ihm bis in die heutigen zeit ruhm eintragen wird.

christine ahlborn, die autorin und regisseurin, hat nach zwischenzeitlich gewohntem muster, einen historischen stoff ausgesucht, um daraus einen stadtspaziergang durch bern zu weben. ungewöhnlich dicht sind diesmal aber die geschichtlichen und biografischen bezüge zu berns hochzeit kurz vor dem krieg und hesses leben in einem moment des umbruchs. immer gekonnter wird die aufführung, wenn matthias zurbrügg auf einem brunnenrand balancierend hesses berufung zum schriftsteller erzählt, in einer engen gasse fotografierend das publikum umkreist, um den künstlerischen drang in der familie hesse aufzuzeigen, gleichzeitig aber auch ein bild der dunklen probleme in der manneslinie des hesses antönt.

erster höhepunkt ist, wie der schauspieler mit seinen mitwanderern hesses gedicht zitierend, die stufen des rathauses erklimmt, um oben auf dem podium des schriftstelleres lesung in eben diesem repräsentationsbau im märz 1914 als gesellschaftlichen bogen über die letzten tage vor dem grossen unheil zu inszenieren. die kritik der töne, welche die musik der ersten kriegstage ausmachen, ist es, welche die nahtlose überleitung zum besuch in der benachbarten kirche st. peter und paul schafft. da wird das wirken der kaiser und generäle bei der zerstörung kontinentaleuropas von der kanzel herab ätzend kritisiert, bevor es flugblätter mit totenkreuzen über die zuschauerInnen schneit und sich die gesellschaft zur besinnung in die krypta verzieht. endlich kommt man bei kerzenlicht und orgelspiel zur ruhe, um das menschliche leid hermanns und marias hesse in den kriegsjahren zu erfassen, bis man tief bewegt das ende des spektakels erwartet.

ich habe in den letzten jahren schon viele stadtwanderungen von mes:arts in bern gesehen. zahlreiche waren lehrreich wie diese, publikumsgerecht aufgebaut und unterhaltsam in szene gesetzt wie die aktuelle. doch keine wirkte bisher rundum so gelungen wie die zu hermann hesses leben in bern. denn als mitspaziererIn wurde man nicht nur in die wendungen des lebens eingeführt, das der berühmte schriftsteller in bern hatte; nein, es wird auch ein psychologisches drama entwickelt, ein exkurs zur männlichen existenz geboten und ein religiöses erlebnis an weiss gott sinnbildlicher stelle vermittelt.

danke schön, christine und matthias, sagt der

stadtwanderer


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