seit vier wochen ist wieder uni. in den katakomben des instituts für sozialwissenschaften an der uni bern leite ich jeweils freitags ein forschungsseminar für 20 master-studierende zum thema „meinungsbildung bei volksabstimmungen“. diese woche musste ich in die tages-aktualität intervenieren.

ich gebe zu: im unterricht fühle ich mich nicht nur wohl. grund dafür ist ein verbotsschild auf dem dozentenpult, wonach es nicht statthaft ist, den unterrichtsräumen zu essen und zu trinken. des litterings wegen kann ich mich dem aufruf knapp anschliessen; indes, die aufdringlichkeit der protestantisch anmutenden vorschrift stört mich – nicht zuletzt, weil das institut auf dem ehemaligen areal der schokolade „tobler“ steht, und schokolode zu den ausdrücklich verbotenen esswaren zählt!

am letzten freitag platzte mir dann der kragen. „20min“ vermeldete auf der front, dass schokolade-esser bei den nobelpreisen absahnen würden! „genau!“, sagte ich mir, da steckt man millionen in die förderung der hiesigen universität, und das, was fast gratis wirkt, verbietet man!

belegt wurde die aussage im gratisblatt mit einem artikel von franz messerli (etwa ein berner?), der in einer medizinischen fachzeitschrift erschienen war und rechtzeitig zur vergabe der neuen nobelpreise in diesem jahr medial vermarktet wurde.

mir war umgehend klar, nun werde ich das verbot der uni explizit brechen! in der kantine auf dem unitobler-areal kaufte ich kleine packungen „toblerone“. die brachte ich dann, gepaart mit der headline aus „20min“, in meine lehrveranstaltung.

„guten tag, meine damen und herren“, eröffnete ich die sitzung. „das letzte mal sprachen wir von robert k. merton, dem amerikanischen soziologen, der den satz prägte: wenn ich weitere sehe als andere, dann nur, weil ich auf den schultern von riesen stehe. gemeint war damit, dass man sich in den wissenschaften erkenntnisfortschritte erhofft, wenn man neue forschungen auf dem stand des jeweiligen wissens formuliert, um dieses zu erweitern. gemeinhin gelten nobelpreisträger als die wissenschafterInnen, die eben das geleistet haben. nur zu gerne hätte ich auch in unserem seminar kommende nobelpreisträgerInnen. doch die uni hindert uns daran, erfolgreich zu werden, denn schockolade-essen ist hier verboten. ausgerechnet hier, sage ich ihnen, denn wenn sie toblerone essen, fördert das die chance, einen nobelpreis zu erhalten.“ dabei winkte ich links mit „20min“, rechts mit der schoggi!

das lachen meiner studierenden war mir schon mal sicher! jedoch, es war nicht meine absicht, die angehenden forscherInnen zu belustigen. vielmehr wollte ich sie nochmals darauf aufmerksam machen, was die zielsetzung unseres seminars ist. denn wir beschäftigen uns mit erklärungen der meinungsbildung bei volksabstimmungen. sogenannte makroanalysen tun dies auf der systemebene, etwa so: je mehr die medien über eine vorlage berichten, desto eher steigt die stimmbeteiligung. technisch gesprochen: zwischen stimmbeteiligung und intensität der berichterstattung besteht ein positiver zusammenhang. nun ist aber nicht gesagt, dass eine solch positive korrelation auch einen ursächlichen zusammenhang bezeichnet.

zunächst, es könnte sein, dass beide variablen von einer dritten abhängen, beispielsweise die erwartung eines knappen ausgangs, der sowohl medien via auch bürgerInnen antreibt, sich mit der sache zu beschäftigen und sich im entscheidenden moment einzubringen. genau deshalb empfahl james coleman, ein weiterer ami unter den koryphäen der soziologie, makroanalysen durch mikrountersuchungen zu verbessern. denn rückschlüsse auf einzelne personen sind nicht unbedingt zulässig, selbst wenn etwas auf der länderebene gilt.

die sozialwissenschaften diskutieren diesen sog. ökologischen fehlschluss seit langem. ein typisches beispiel dafür ist, dass der erfolg der nazis in jenen gebieten höher war, wo es mehr arbeitslosikgkeit gab. verkürzt ausgedrückt: die arbeitslosen wählten hitler! nun konnte nachgewiesen werden, dass nicht viel dafür spricht. vielmehr gab es den regionen, wo die arbeitslosigkeit hoch war, mehr leute, die arbeit hatten, gleichzeitig aber angst empfanden, sie zu verlieren. und sie wählten vermehrt den führer, der sie davor bewahren sollte! das ist beileibe etwas anderes.

und unsere berichterstatter über den schoggiforscher? sie sind in ihrem eifer, eine gute geschichte zu haben, in genau diese falle gefallen, obwohl statistiker seit 100 jahren bei solchen zusammenhängen warnschilder aufgestellt haben. denn aus der tatsache, dass es in ländern, wo der schokolade-konsum hoch ist, es auch prozentual mehr nobelpreise gab, darf man nicht schliessen, dass schokolade-esser mehr oder schneller zu wissenschaftspreisen kommen. wäre das nämlich der fall, wäre die publikationswürdige beweisführung viel einfacher gewesen, zum beispiel indem man den anteil der schokolade-esser, die einen nobelpreis erhalten haben, mit dem verglichen hätte, die es eben zu keiner solchen auszeichnung gebracht haben. das aber interessiert keinen, der 20min redigierte.

übrigens, in der pause meldete mir eine studentin, die eu habe den friedensnobelpreis erhalten. gerüchtehalber machte der spruch die runde, die eu-kommissare hätten einen schoggi-job. ganz so sicher bin ich auch da nicht …

sicher ist aber, dass die mitgebrachte schokolade bei kursende weg war: we shall see!

stadtwanderer


Comments

Name (required)

Email (required)

Website

Speak your mind