gestörte harmonie

September 20, 2008 | 2 Comments

zu weihnachten bekam der berner schultheiss einen truthahn und zwei orangen. beides galt im 18. jahrhundert als die delikatesse. die 24 kleinräte, die das stadtoberhaupt täglich umgaben, erhielten je eine gans und zwei citronen, erzählt françois de capitani während dem essen wie zu albrecht von hallers zeiten, das im berner restaurant „harmonie“ stattfindet. ich habe die köstlichkeiten genossen, und im buch „albrecht von haller“, das diese woche erschienen ist, nachgelesen.

haller sei kein geniesser gewesen, der gerne gegessen habe, fügt der spezialist de capitani für die kulturgeschichte berns im ancien régime bei. dafür galt haller 1777, als er verstarb, weitherum als universalgelehrter. so viele briefe hat er geschrieben, dass es bis heute schwierig ist, den überblick zu bekommen. so viele bücher hat er gelesen und rezensiert, dass man mehrjährige forschungsprojekte machen musste. daraus haben nun verschiedene professoren der uni bern, an deren vorläuferschule, der berner akademie haller nie lehren durfte, nun ein buch zu seinem leben, seinem werk und seiner epoche herausgegeben.

bern zu hallers zeiten
liesst man das kapitel über hallers bern nach, das françois de capitani beigesteuert hat, bekommt man einen eindruck, weshalb haller, trotz seiner grossen liebe zu bern, der appetit vergangen sein könnte. die zahl der wirklich regierenden familien begann sich zu verringern, als sich das berner patriziat in den 1740er jahren mehr und mehr abzukapseln begann. aufklärung, bürgerliche öffentlichkeit und freie presse, die in der folge europäisch entstanden, waren nicht ihr ding. herrschaft durch gezielte heimliche absprachen, heiratspolitiken, und gütertausch unter sich wurden zum bestimmenden merkmal der berner republik. wer sich nicht anpasste, wurde ausgegrenzt. und wer damit nicht umgehen konnte, blieb nur, wie auch haller, die emigration.

massgeblich zur einigelung der herrschenden schicht in bern beigetragen hat der wahlmechanismus in die behörden. schultheiss wurde man, nachdem man in den zünften zum venner aufgestiegen und im kleinrat das amt des säckelmeisters versehen hatte. in den kleinen rat wurde man durch den grossen rat gewählt. und den grossen rat ergänzten meist alle zehn jahre auf vorschlag des kleinrates, zusammen mit einem ausschuss der zünfte. die zahl der familien, die so im bernischen senat vertreten waren, reduziert sich in der zweiten hälte des 18. jahrhundert auf rund 70.

der arzt albrecht von haller, der in göttingen während sieben jahren eine beispielslose akademische karriere gemacht hatte und den es in seine vaterstadt zurück drängte, schaffte es trotz edler herkunft nur in den grossen rat. all seine versuche, auch bernischer kleinrat zu werden, scheiterten am widerstand der herrschenden, denn der aufklärer haller, der zu fragen der natur, der gesellschaft und der politik in bern und umgebung dichtend und schreibend stellung bezogen hatte, war für sie suspekt. auf die weihnachtsgans mit citronensalat musste man in hallers hause also stets verzichten.

die moral der geschichte
heute gedenkt man hallers 300. geburtstag. zwischenzeitlich hat er die aufnahme in den olymp der bernischen grössen geschafft. büsten zu seinen ehren werden vor der universität aufgestellt. erinnerungstafel an häusern, in denen er gewohnt hatte, stehen mancherorts in der stadt. sogar dicke bücher zu seinen unkonventionellen gedanken in zahlreichen fachgebieten werden herausgegeben.

und der stadtwanderer besucht sogar festmähler, die speziell zu hallers gedenken verantstaltet werden. gestern und am kommenden freitag in der harmonie. im gegensatz zur arbeitssamen askese hallers war der abend ein erholsamer genuss. doch sollte man bei all dieser aktivität zu hallers ehren nicht vergessen: hallers grosser geist bedeutet zu seine lebzeiten in der kleinen stadt bern vor allem gestörte harmonie.

stadtwanderer

albrecht von haller. leben – werk – epoche, göttingen 2008, 49 chf.

foto: françois de capitani, fotografiert vom stadtwanderer


Comments

2 Comments so far

  1. A.B.Stinent on September 20, 2008 13:18

    Haller in einem Restaurant, bei Bier und Wein zu feier, ist doch eher merkwürdig. Denn der Berner Universalgelehrter war seit seiner Studentenzeit ein strenger „Abstinenzler“.
    In seinem berühmtesten Gedicht, jenem zu den Alpen, macht er hierzu eine Anspielung:

    Zwar hier bekränzt der Herbst die Hügel nicht mit Reben,
    Man presst kein gärend Nass gequetschter Beeren ab,
    Die Erde hat zum Durst uns Brunnen hergegeben,
    Und kein gekünstelt Saus beschleunigt unser Grab.
    Beglückte, klaget nicht! ihr wuchert im Verlieren;
    Kein nötiges Getränk, ein Gift verlieret ihr!
    Die gütige Natur verbietet ihn den Tieren,
    Der Mensch allein trinkt Wein und wird dadurch ein Tier.
    Für euch, o Selige! will das Verhängnis sorgen,
    Es hat zum Untergang den Weg euch selbst verborgen.

  2. stadtwanderer on September 20, 2008 15:04

    oh, nomen es omen, danke auf jeden fall für den hinweis. der sachverhalt war mir nicht bewusst!

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