regelmässig bekomme ich anfragen für führungen zu „bern im mittelalter“. diesen herbst werde ich hierzu eine neue stadtwanderung anbieten.

mittelalter:
das mittelalter ist die idee der humanisten im 16. jahrhundert. sie wähnen sich in einer neuen zeit, orientieren sich aber rückwärts gewandt am römischen reich, der klassik, und was dazwischen war, ist „mittelalter“ – vorbei und auch kein vorbild!
der begriff ist bis heute gebräuchlich, das tiefe mittelalter ist der inbegriff für rückständigkeit. die geschichtswissenschaft hat den begriff versachlicht und definitiert: als phase der europäischen geschichte mit der vorherrschaft der katholischen kirche über den kontinent, und dem kaiserreich, bestimmt durch feudale strukturen. also endet das mittelalter mit den entdeckungen der neuen welt(en) ab 1492 einerseits, der reformation der christlichen kirche ab 1517 anderseits. die grosse reichsreform von 1500 kann ebenfalls hinzu genommen werden.
übertragen auf bern beginnt die zeit der entdeckungen mit den italienfeldzügen der söldner ab 1494: südländische lebensweisen dringen an die aare vor, die zitrone wird zum lebensgefühl der frischen leichtigkeit, doch syphilis, die italienische krankheit, breitet sich aus. die reformation setzt in bern 1528 ein; sie wird schnell und gründlich durchgezogen. mit ihr kommt auch die territoriale expansion zum stehen, 1536 hat bern seine grösste ausdehnung erreicht. irgendwann zwischen 1494 und 1536 ging auch in bern das mittelalter zu ende.
einfacher ist es, den anfang berns im mittelalter zu bestimmen, denn die stadtgründung selber macht da eindeutig sinn. wenn auch nicht sicher belegt, hat sich das jahr 1191 als datum etabliert. herzog berchtold v. von zähringen besiegte damals den burgundischen kleinadel im berner oberland, und er hatte ein interesse, die verschiedenen wege in den süden via murten, freiburg und thun mit der gründung der zentralen stadt bern am strategisch wichtigen aareübergang zu sichern. das ist die geburtsstunde der stadt bern.

die stadt im mittelalter
bern im mittelalter ist zunächst die geschichte einer zähringerstadt, die nach dem aussterben des geschlechts des stadtherrn kurzfristig savoyisch und neu begründet wurde, letztlich aber zur königsstadt avancierte und stück für stück zur reichsstadt emporstieg, bis sie im südwesten des reiches der führende ort war. 1536, auf dem höhepunkt der territorialen ausdehnung, nannte sie sich grösster stadtstaat nördlich der alpen: zu recht, denn im normalfall blieben die städte ein eigener rechtsbezirk, der auf die stadtsiedlung und ein wenig umfeld darum herum erstreckte, während bern mit der vertreibung des umliegenden adels, zuerst die kyburger, dann die savoyer, am ende des mittelalters von brugg im wasserschloss bis coppet vor den toren genfs reichte.
die stadt als ort war seit der gründungszeit zweimal erheblich gewachsen: um die savoyerstadt im 13. Jahrhundert und um die stadterweiterung nach der schlacht von laupen. die savoyerstadt ist heute noch erkenntlich, als stadtteil zwischen zytgloggen und käfigturm, während die stadt im 14. Jahrhundert bis zum christoffelturm wuchs, der früher da stand wo heute der baldachin vor dem bahnhof ist. markanste neuerung in dieser zeit war die plattform vor dem heutigen münster, mit der man eine tolle aussicht auf voralpen und alpen bekam. auch das war programm, denn mit der schlacht von laupen expandierte die stadt bern ins oberland und machte der stadt freiburg, jetzt habsburgisch, gehörig konkurrenz.
mitte des 14. jahrhundert bracht die pest auch in bern aus. Wenn es auch nicht genau bekannt ist, wieviele tote es in der folge gab, das stadtwachstum war danach für über 100 jahren unterbrochen. ein wieterer einschnitt ins stadtbild brachte der grosse stadtbrand von 1405. ein drittel der holzstadt fackelte in einer nacht nieder. beim wiederaufbau setzte man auf vermehrten brandschutz: repräsentative gebäude wie das rathaus oder münster entstanden ganz aus stein, die häuser entlang der strassen bekamen einen steinvorbau, mit dem auch die lauben in bern einzug hielten. die strassen schliesslich wurden gepflästert, und diverse brünnen in der stadt begannen die wasserversorgung in den quartieren zu verbessern.
am meisten an die mittelalterliche stadt erinnert in bern von heute der grundriss der altstadt, denn er ist weitgehend identisch mit dem der zähringer- sesp. savoyerstadt. dafür hat bern in der neuesten zeit auch den titel unesco-weltkulturerbes erhalten. das die stadt nie kriegerisch zerstört wurde, trug das ihre zur konstanz im stadt- und strassenbild bei.

das leben in der mittelalterlichen stadt
die führende schicht in der stadt bern hatte sich rund um die gründungsfamilien gebildet – zum beispiel im gefolge der von bubenbergs, anfänglich ministeriale der zähringer, dann eine sippe innerhalb der tonangebenden junckerschaft, die mehrfach den schultheissen stellte. nach der pest sicherten sich die juncker die vorherrschaft in der stadt, indem sie die zünfte, die gewerbliche schichten rund um die bäcker, metzger, gerber und schmiede, aus der politik ausschlossen, sie dafür mit der verwaltung der stadtvierteln beschäftigte. das prägte charakter der obrigkeitlich ausgerichteten stadt ganz anders als etwas zürich oder schaffhausen, wo sich im 14. oder 15. jahrhundert ein zunftregime etablierte. in bern kamen kamen die kaufleute eher spät, gegen ende des 14. jahrhunderts hinzu, drangen aber in der zweiten hälfte des 15. jahrhunderts in die stadtpolitik vor. die familie diesbach ist die bekannteste unter ihnen, im tuchhandel mit den fürstenhöfen von halb europa reich geworden. darüber hinaus kannte die stadt stets eine unterschicht, aus menschen mit unehrbaren berufen bestückt.

das panorama der stadt bern im mittelalter wäre unvollständig, würde man die spezielle rolle der kirche nicht erwähnen. zuerst der deutschorden im auftrag des kaisers, dann die bettelorden der dominikaner und franziskaner mit dem segen des papstes, waren in der führung der stadt von hoher bedeutung. sie wachten nicht nur über die seelen der menschen, sie prägten auch ihre moral, und sie regelten verstöss gegen die sittlichkeit nicht selten selber. ursprünglich hing die berner kirche von köniz ab, dann entstand die leutkirche, an der stelle, an der heute das münster steht. weitere kirchen und klöster kam vor allem im 14. jahrhundert hinzu. die reformation änderte das aussehen des katholischen münsters. beseitigt wurde im innern der prunkt, der an die reichskirche erinnerte, derweil das jüngste gericht, bedeutensten kurnstwerk der jungen bernischen landeskirche aus den 1480er jahren, bestehen blieb. verschwunden sind mit der reformation die klöster in der stadt bern. mit den juden, seit der savoyerzeit in bern bern anwesend, verstand sich die christenheit mehr schlecht als recht, sodass sie nach der pest ein erstes mal, im frühen 15. jahrhundert ein zweites mal als sündenböcke aus der stadt ausgewiesen wurden. lombarden und kawertschen, aus dem süden kommend, ersetzten sie als geldhändler, indem sie christlich waren, das zinsverbot der katholiken aber nicht kannten.

von der burgundischen stadt zur eidgenössischen republik
eigentlich war bern ursprünglich auf imperial-burgundischem siedlungsgebiet gegründet worden, und noch im 14. Jahrhundert verstand sie sich als eingangspforte zu burgund, ja, als schönste stadt burgunds. der bezug zum burgundischen verlor sich aber stück für stück, einmal weil sich die eidgenossenschaft als wirkungsvolles gegenprojekt aus städte- und landbündnisse entwickelte, sodann auch weil könig sigismund auf dem weg zur kaiserkrönung bern zum vollwärtigen reichsstand erhob, der losgelöst von allen rund herum im kaiserreich seine eigene politik verfolgen konnte. im alten zürichkrieg, dem ersten bürgerkrieg unter eidgenossen, paktierte bern mit den innerschweizern gegen zürich, und mit ihrem sieg über die andere reichsstadt, stieg bern zum führenden ort in der eidgenossenschaft auf.
nun kam es, mit den eidgenossen, zur grossen wende gegen das benachbarte burgund, verbunden mit savoyen, kommen. 1474 erklärte bern dem herzog von burgund den krieg, den man mit der schlacht von murten auch gewann. herrschaftlich blieb der aufstieg in die oberste liga europas aus, militärisch fand er aber vorübergehend statt. denn die erfolgreichen jungs auf den schlachtfeldern wurden nun söldner beim französischen könig, beim papst und anderen würdenträgern.
1499 setzen man sich, im verbund mit den anderen eigenossen, selbst gegen den kaiser durch, womit man die reichsreform von 1500 nicht mitmachte und die wege des reichs und der eidgenossenschaft auseinerander gingen. in bern endet die feudalzeit spätestens mit dem aufstand von köniz. Mitten auf dem höhepunkt der machtentfaltung machte die jugend von köniz die reichhaltigen pensionsbezüge der politiker der stadt bekannt, sodass sie das viele geld, das sie so bezogen, der stadt abgeben mussten. krieg und frieden konnte bern nun nur noch mit zustimmung der ämter rund herum beschliessen. vorweg genommen wurde damit die reformation, in bern eine bewegung gegen die selbstherrlichkeit der katholischen kirche, namentlich als treiberin des spätmittelalterlichen soldwesens.

die neue stadtwanderung
bern im mittelalter, das wird im herbst meine neue wanderung. die zeit vom 13. bis 15. Jahrhundert in bern ist die mutige, aber auch die wilde, bevor die phase des mächtigen und geordnenten berns einsetzte. mit der entwicklung, die hier beschrieben wurde, entstand in bern auch das bewusstsein als geschichtlicher faktor. die ältesten chroniken zeugten noch klar vom wirken gottes in grossen ereignissen, während vor allem mit den burgunderkriegen das gefühl entstand, selber wer zu sein, der selber gott ein haus bieten könne. doch nicht nur das göttliche prägte das spätmittelalter – auch das weltliche. kleinrat tühring von ringoltdingen schrieb mit der „melusine“ eines der ersten bücher in bern überhaupt, welche den lange versteckten lustbarkeiten in der stadt einen textlichen und visuellen rahmen gab, der von den germanistInnen heute noch als teil der mittelalterlichen weltliteratur gefeiert wird.
im herbst geht’s los mit bern im mittelalter. wenn’s interessiert, stelle ein gruppe von mindestens 5, maximal 20 personen zusammen, und koordinieren mit mir einen termin. die führung selber dauert 2 stunden, und sie findet idealterweise an einem vorabend statt.
bis dann bin ich für einen ganzen monat in schweden, um mich aufzutanken!

stadtwanderer


Comments

5 Comments so far

  1. Giorgio Loderer on August 7, 2014 12:57

    guten tag stadtwanderer

    gerne nehme ich an der stadtwanderung teil, falls schon ein termin feststeht – bitte mitteilen!

    falls noch kein termin feststehen sollte würde ich eine gruppe organisieren

    erreichbar über email oder natel 079 356 2745

    schönen sommer in Schweden! gefällt mir auch sehr…

    giorgio loderer
    sonnenrain 19
    3298 oberwil b büren

  2. cal on August 7, 2014 13:10

    Schön, organisieren sie doch eine gruppe, am anderen Termin. Entscheid über vergebenen Termin am Montag.
    Freue mich!

  3. cal on August 8, 2014 07:53

    Der 27. ist nun definitiv besetzt, der 13. ist frei, und ich wäre für eine weitere Führung zu haben. Mailen Sie mir, wegen Konditionen und Bestätigung!

  4. Roland Seiler on August 16, 2014 16:22

    Lieber Claude
    Ich würde mich gerne an einer Mittelalter-Wanderung anschliessen.
    Herzliche Grüsse aus der Provence
    Roland

  5. Giorgio Loderer on September 14, 2014 17:20

    guten abend stadtwanderer

    es ist schon eine weile her…:
    ich nehme sehr gerne an der stadtwanderung teil, falls schon ein termin feststeht – wann wäre das?

    falls noch kein termin feststehen sollte, würde ich eine gruppe organisieren, bitte mitteilen welche termine möglich sind

    erreichbar über email oder natel 079 356 2745

    giorgio loderer
    stadtführer bern tourismus
    sonnenrain 19
    3298 oberwil b büren

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