es ist bekannt, ich bin ein grosser fan historischer übersichten. seit kurzem angetan bin ich von der „chronologie de la suisse“ von xavier deboffles und yves bisch, erschienen in der französischen collection TABLEAUX SYNOPTIQUES DE L`HISTOIRE (auf dem webleider nur kryptisch vorhanden).

was von aussen wie ein buch aussieht, ist im innern ein falzprospekt. 20 seiten lang, auf denen sich, ausgeklappt, die zeit ausbreitet. vereinfacht gesagt, eine seite für ein jahrhundert – insgesamt 2000 jahre, von gaius julius caesar bis betrand picard.

das ist schon der erste vorteil. denn die meisten geschichtsbücher kennen eine exponentielle zeitvorstellung, wonach sich die vergangenheit mit der zeit beschleunigt. geschichte verdichtet sich dann quasi soweit, dass sie sich im augenblick der gegenwart auflöst. genau das passiert nicht, wenn man einen lineal mit zeitlichen aequivalenzen anlegt, um vergangenes auszubreiten. oder anders gesagt: die jetzt-zeit schrumpft, womit die vergangenheit ihren platz wieder findet.

der zweite vorteil der übersicht besteht darin, dass man die 20 seiten von vorne nach hinten, aber auch von hinten nach vorne durchblättern kann. erstes leistet jedes geschichtsbuch auch, denn die chronologische ordnung gehört zum a und o einer jeden historik. für zweitere braucht es übersichten, die chronologien besser leisten als erzählungen. genau das hat auch vorteile: denn die geschichte „vim ende her gedacht“ setzt beim ergebnis an und fragt, wie dieses geworden ist. das mag zwar nicht die ganze geschichte sein, wenden historikerInnen regelmässig ein. aber es ist die geschichte, die in der gegenwart verankert und damit ihr immer währender, aber auch sich stets ändernder ausgangsunkt ist.

reiht man die gegenwart historisch in perlenform auf, besteht die letzte perle zweifelsfrei aus der periode seit dem wiener kongress – profis würden sagen, die phase der zeitgeschichte. denn die grosse versammlung der diplomatie an der donaumetropole ordnete 1815 das europa der nachnapoleonischen phase neu. der wiener kongress war es auch, der die völkerrechtliche souveränität der schweiz erneurte, die neutralität des landes bestimmte, die grenzen des landes festlegte und unsere heutigen kantone (bis auf den jura) verfestigte. sicher, die schweiz hat sich seither gewandelt; aus der agrargesellschaft wurde die industriegesellschaft und die mündete in die dienstleitungs-, ja kommunikationsgesellschaft. treiber geworden sind einerseits die oekonomie und ihre industriellen, anderseits die wissenschaft und die erfindungen. auch die staatliche organisation hat sich seither entwickelt. entstanden ist der bundesstaat von 1848, gefolgt sind die bundesverfassungen von 1874 und 1999 sowie die damit verbundenen zentralisierungen insbesondere lebenswichtiger politikbereiche. sie haten anfänglich eher repräsentativen charakter, heute werden sie stark durch die institutionen der direkten demokratie beprägt. trotz der vorherrschenden beschäftigung mit sich selber, ist die schweiz heute in vielem internationalen vernetzt. gerade ihre ökonomie gilt als leistungsstark, sodass die schwein in internationalen rankings zu innovation und standortwettbewerb regelmässig einen spitzenplatz einnimmt.

die zweite perle, das ancien régime, entstand aus der grosssen konfessionellen spaltung, welche die reformation der katholischen kirche im frühen 16. jahrhundert einleitete. die europäische bewegung hatte ihren ursprung in zwinglis zürich, breitete sich dann auf zahlreiche städte aus, um schliesslich in genf zum zentrum der globalen entwicklung hin zum calvinismus zu werden. die schweiz veränderte die reformation nachhaltig, wenn auch weniger radikal als schweden, aber nachhaltiger als etwas italien oder frankreich. die autonomie der starken kirche vom schwachen staat fand ihr ende, klöster wurden aufgehoben und ihre aufgaben flossen teilweise in jene des entstehenden staates ein. für die schweiz von eminenter bedeutung ist, dass ihre territoriale expanision mit den folgen der refomration endete. überlebt hat der staat von damals, das ancien régime der patriziate, aber auch der zunft- und landsgemeindeverfassungen. zerbrochen ist aber die gemeinsame innere kultur, denn die reformation führte zur ausbildung konfessionell getrennter und damit kulturell autonomer räume. zu den gründen hierzu zählte, dass die im schwabenkrieg erworbene autonomie vom reich und seinen reformen voraussetzungen der eigenen kirchenspaltung waren, aber auch, dass das ausland sein interesse bewahrte, mit der schweiz geregelte verhältnisse zu haben, wie sie spätestens im westfälischen frieden 1648 zum ausdruck kamen. bis heute, kann man sagen, wirkt die reformation nach, denn gerade in kulturellen, teilweise auch in staatlichen fragen unterscheiden sich die basalen ansichten der kantone, die mit der glaubensspaltung eines ihrer prägenden gesichter bekommen hat. hinzu kommt, dass alle grossen urbanen zentren von heute evangelisch-reformiert geprägt sind, während die katholischen gebiete durch landgegenden und maximal mittlere zentren geprägt werden.

ob man davor von der schweiz sprechen kann, ist umstritten. die traditionelle geschichtsschreibung hat das mit ihrem bedürfnis, die gegenwart in der tiefen vergangenheit zu erklären, befürwortetet dies. heute ist mancher historiker, ist manche historikerin skpetischer. was mittelalter im schweizerischen bewusstsein, wie auch im verhalten seiner leute geblieben ist, ist das denken in flexiblen bündnissen. entstanden sie sie aus allianzen reichsfreier städte und länderorte seit dem 13. jahrhundert. je mehr die herrschaft des kaiserreiches und seiner grossadeligen stellvertreter zerfiel, umso mehr setzten die bündnisse, die ihren mitgliedern mit ökonomischer absicht rechtssicherheit garantierten durch. das war in den heute deutschsprachigen landesteilen deutlicher stärker der fall, sodass sich hier drei eidgenossenschaften, jene berns, zürichs und der innerschweizer orte entwickeln und behaupten konnten. weiterentwickelt wurden sie gegen ende des 14. jahrhunderts, mit der gemeinsamen regelung kirchlicher und militärischer verhältnisse. der sieg der eidgenossen in murten leitet die phase der söldnerwesens der renaissance ein, die in der katastroph in obertalien endete. aus den allianzen entstand, die tagsatzsatzung, die ältesten eidgenössische institution, gleichzeitig auch dem frühesten netzwerk weit über die einzelnen orte hinaus. bis heute leben sie im regionalismus einerseits, der suche nach gemeinsamkeiten in konkordaten statt im zentralismus nach, selbst wenn sie ihren höhepunkt mit der neuordnung der schweiz in konfessionellen teilstaaten ihren höhepunkt überlebt haben.

bei der vierten perle, die es zu erwähnen gilt, ist der bezug zur schweiz von heute noch geringer. denn zuerst die klöster, aber auch die städte selber sind aus europäischen entwicklungen hervorgegangen. die völkerwanderung schuf seit dem 5. jahrhundert die gemeinschaften der mönche, die zu siedlungs- und kulturzentren wurden, aber alle nach nach regeln der irischen, vor allem auch der römischen missionare funktionierten. später kamen orden aus burgund und italien hinzu, die das ländlich wie auch städtische leben prägten. von direkter bedeutung sind sie in der reformierten schweiz nicht mehr, doch auch in der katholischen ist die säkularisierunng der gesellschaft soweit fortgeschritten, dass nicht mehr viel davon übrig geblieben ist. die städte, auf der anderen seite, sind mit dem klimawandel des mittelalters, der zwischen den dem 11.und 13. jahrhundert mediterane temparaturen in die gegend brachte und dem daraus folgenden bevölkerungswachstum entstanden. befördert haben sie der römisch-deutsche könig, aber auch verschiedene seiner vasallen im hochadel, die damit ihre herrschaft im raum sichern wollten, damit aber viel zu ihrer eigenen überwindung beigetragen haben. entsprechend sind auch die spuren der feudalgesellschaft in der schweiz von heute nur noch beschränkt sichtbar, abgesehen von den mittelalterlichen städten, welche die raumstruktur des landes bis heute prägen.

die fünfte und letzte perle, die schwierigste gleichzeit zeigt bis in die gegenwart eminente folgen. es ist die kulturelle segmentierung des mittellandes, indem zahlreiche charakteristiken der schweiz in gegenwart und geschichte entstanden sind. was die römer einheitlich mit ihren städten wie nyon und augst, aber auch mit ihren kolonien wie avenches und windisch einheitlich verwaltet hatten, zerfiel mit der völkerwanderung und ihren folgen. gespalten wurde das plateau durch die aare, welche zur wichtigsten siedlungsgrenze wurde. links davon war man burgundisch, rechts alemannisch geprägt, wie sich das in den sprachen bis heute äussert. die eine kultur lebte ganz in der römischen tradition, die andere entwickelte sich in opposition zu ihr, mit weitreichenden folgen für die mentalitäten bis in die heutige zeit. verfestigt hat sich die mit der übernahme der macht durch die fränkischen könige nach clovis, denn die zentralisierung des frankenreiches nicht mehr richtig gelang, sodass die gebiete links der aare ab 561 in aller regel zum burgundischen könig, jene rechts davon zum austrasischen gezählt wurden. auch die bistümer, die älteste organisationsform des raumes, die es (in stark gewandelter form) heute noch gibt, respektierten diese grenze, sodass das mittelland zwischen den diöszen von lausanne und konstanz aufgeteilt wruden.

wenn man die synoptischen tabellen der geschichte, die mir hier als vorlage dienten, überblickt, fällt einem vieles von dem, was man intuitiv spürt, kein geschichtsbuch aber so festhält, wie schuppen aus den haaren. es eröffnet sich den blick auf das wesentliche, spricht auf das, was anhaltend, wenn auch nicht unveränderlich ist. das gehört zur grossartigen leistung des falzprospektes, selbst wenn einzelne verwechslungen im text und illustationen ärgerlich sind. wirklich ärgerlich ist eigentlich nur, dass man den in französisch verfassten prospekt in den deutschsprachigen buchhandlungen, selbst in bern, nicht findet, während man ihn in fribourg, angepriesen von der französischenbuchkette fnac nur so auflesen kann. eigentlich jedem empfohlen, der oder die sich für das ganze der schweiz interessiert.

stadtwanderer


Comments

1 Comment so far

  1. Harald on Juli 21, 2014 09:17

    Dank für den Tipp. Bin in den nächsten Tagen in Frankreich und werde schauen, ob ich das Werk dort auch auftreiben kann.

    Trevlig semester
    Harald

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