geschichte sei die lüge auf die man sich geeinigt habe, soll napoléon bonaparte gesagt haben. genau deshalb brauche es geschichte als kritische wissenschaft, schrieb friedrich nietzsche. das dürfte sich georges andrey gedacht haben, als er das buch „la suisse romande“ schrieb, ebenso wie ich mich daran erinnerte, als ich es las.

romandieeigentlich erscheint alles ganz einfach. von der suisse romande kann man erst seit der helvetischen republik sprechen. 1798 übernahmen unverbrauchte politiker aus dem waadtland verantwortung in der ersten regierung der helvetik. mit ihr begründeten sie einen neuen staat, dessen politik erstmals für die schweiz auf der mehrsprachigkeit basierte. abgelöst wurde damit das ancien régime, das ausschliesslich aufgrund deutschsprachiger verhandlungen über das gute entschied. beendet wurde damit auch der lose bund von staaten durch den strengen zentralismus à la française, ohne dass das von dauer gewesen wäre. 1803 setzte sich mit der mediation der gescheiterten helvetik zwar der gedanke der erneuerten, plurikulturellen schweiz vermittelt fort. louis d’affry, vormals freiburger avoyer (schultheiss), übernahm als erster landammann der schweiz die regierungsgewalt alleine, wenn auch auf zeit, gestützt von einem ständigen eidgenössischen kanzler, der symptomatischerweise aus der waadt stammte. doch entsagte die mediationsakte dem zentralismus und der militärischen intervention, was der entwicklung der schweiz gedeihlich war.

so klar man den beginn der suisse romande identifizieren könnte, so kritisch geht der autor der geschichte der suisse romande mit ihm um. georges andrey, freiburger historiker welscher zunge, widerspricht in seinem buch „La Suisse Romande. Une histoire à nulle autre pareille“ in vielem, was man aus der geschichte zu kennen glaubt. so meint, diese traditionelle sichtweise der Dinge basiere einzig auf einer ethnischen definition der sprachkulturen. demgegenüber verteidigt er eine historische bestimmung der suisse romande, die von herrschaft über territorien mit einer mehrheitlich geteilten sprache ausgehe. deshalb gehörten die rein französischsprachigen kantone vaud, genève, neuchatel und jura, genauso wie die zweisprachigen fribourg und valais zur suisse romande.

sein voluminöses buch über die geschichte dieser kantone teilt der ehemalige bundesbeamte, der erfolgreich einige bücher zur geschichte der schweiz resp. freiburgs verfasst hat, in fünf umfangreiche teile:

. in die mittelalterlichen allianzen des 13. bis 15. Jahrhunderts (deren einbezug noch begründet werden muss),
. in die zerstückelte suisse romande von 1481 bis 1798,
. in die befreite und geeinte suisse romande von 1798 bis 1815
. in die suisse romande der fünf kantone von 1815 bis 1914/19 und
. in die romandie, tochter der helvetias seither.

verbunden ist damit der wegleitende gedanke einer evolution der selbstwerdung. denn die suisse romande entstand selbstredend auf lateinischer basis, vermittelt durch burgundische kultur, geprägt durch lokal verankerte adelsdyanstien. doch sie näherte sich, so der autor, schritt für schritt resp. teil für teil der deutschsprachigen eidgenossenschaft an, in sie nicht ohne konflikte aufgenommen wurde, woraus der heutige staat auf plurikultureller grundlage entstanden sei.

am umstrittensten sei der begriff der „romandie“, schreibt andrey. denn er gehe von einer territorium ohne schweiz aus, während in seinem verständnis die suisse romande eine schweiz in der schweiz sei. entstanden in der tiefen krise nach dem ersten weltkrieges, genau genommen am 10. märz 1919, ausgedrückt durch maurice porta, dem eigentlichen vater der romandie, sei der Name durch die umstände geprägt. diese äusserten sich in der bedrohlichen spaltung des landes entlang der sprachgrenze, am besten ausgedrückt im beitritt des landes zum völkerbund. denn bei dieser volksabstimmung entschied die geschlossen votierende minderheit mit der minderheit in der gespaltenen mehrheit, nicht ohne damit eine staatskrise zu riskieren.

kinder dieser teilung sind das radio romande, heute mit dem französischsprachigen fernsehen teil der srg, aber auch die tour de romandie, bis in die gegenwart ein teil à part der tour de suisse. höhepunkt der romandie-bewegung erscheint dem autor die expo 64 mit der die romandie teil helvetiens geworden sei. das neue selbstbewusstsein haben auch auf andere gegenden ausgestrahlt. denn die geburt des kantons jura, 1978 mittels volksabstimmungen entschieden, gehöre in die lange linie der selbstbestimmungen von minderheiten in der schweiz. einige seiten lang spekuliert der autor selbst darüber, dass mit dem südjura, wie er es nennt, dereinst ein vierunzwanzigster kanton der schweiz und ein weiterer der suisse romande entstehen könnte.

dennoch, georges andrey beleibt realist und schreibt in seinem buch konsequent von der suisse romande, dem historisch gewachsenen, anderen teil der schweiz. ganz in der tradition des welschen föderalismusverständnisses sieht er die in souveränen, aber kooperativen kantonen begründet. deren startschuss war der wiener kongress, mit dem die tagsatzung als wichtigster eidgenössischer behörde der damaligen zeit auf neuer basis belebt wurde. entwickelt habe sich damit der gedanke, die kantone seien eigenständig, indessen über konkordate verbunden. in der suisse romande habe man das nach dem ende des einheitlichen frankens mit der einführung einer gemeinsamen währung zwischen freiburg und der waadt im jahre 1825 sinnbildlich zum gebracht.
konstitutiv für dieses staatsverständnis sei, dass sich die fünf welschen kantone von 1815 auf fünf verschiedenen identitäten berufen, die sich nicht zuletzt im sonderbundeskrieg heftig begegnet seien. danach habe man sich aber aneinander gewöhnt. autor andrey spricht davon, die suisse romande habe seither genügend bewiesen, dass man bei aller unterschiedlichkeit als gemeinschaft existiere. typisch dafür ist das wortspiel vieler zeitgenossen, verbunden mit der frage, ob die suisse romande ein körper sei, der nach einem geist suche, oder ein geist, den seinen körper erst finden müsse. klar ist für andrey, dass die suisse romande ein körper ist, in dem ein gemeinsamer geist wirkt. besonders hervorgehoben wird in diesem zusammenhang die überragende rolle des genfers guillaume-henri dufour, der im sonderbundskrieg mit weitsicht die eidgenössische armee führte und in freiburg eine kapitulation ohne blutvergiessen erwirkte, was viel zur bildung einer einheit in der vielfalt beigetragen habe.

zentral ist dem autor selbstredend die phase rund die helvetische republik. vorbereitet worden sei sie von historikern und geographen, die im 18. jahrhundert erstmals eine gemeinsame geschichte resp. eine gemeinsame karte des denkbaren territoriums konzipiert und realisiert hätten. beschleunigt worden sei dies alles 1792 durch die revolutionen in den bergen des juras und neuenburgs. gezündet habe der funke aber in der waadt, die bereits 1723 mit der begründung, in den villmergen kriegen vollwertige militärische dienste geleistet zu haben, zum selbständigen kanton avancieren wollte, dafür aber mit der öffentlichen hinrichtung von major davel bestraft worden sei. während den verhandlungen zur mediationsakte sei dann mit hilfe frankreichs und gegen den willen berns der kanton waadt auf bürgerlicher basis entstanden, gleich wie die fünf anderen kantonen aargau, thurgau, st. allen, graubünden und tessin, die 1803 die schweiz erneuert hätten. andrey widerspricht auch hier dezidiert vorherrschenden auffassungen, wonach die helvetische republik ein schweizerisches trauma sei. denn ohne 1803 sei mit der gründung der waadt resp. 1815 mit dem beitritt genfs, neueburgs und des wallis, hätte es die föderale grundlage der modernen schweiz nicht gegeben, mit der sowohl die gleichheit aller kantone als auch die mehrsprachigkeit die schweiz begründet worden sei. denn die alten schichten aus dem ancien régime hätte eine schweiz der vorrechte unter führung der der deutschsprachigen kantone gewollt, wie man das in vorrevolutionärer zeit gehabt habe.

der streitbare andrey lässt es aber nicht damit bewenden. denn der autor zeichnet in seinem voluminösen werk, 2012 in den éditions du belvédère entstanden, die spuren der suisse romande auch in der früheren jahrhundert nach. dies geschieht insbesondere am beispiel freiburgs, von den deutschsprachigen zähringer aus dem südschwäbischen adel gegründet, von den ebenso konstituierten kyburgern übernommen und von den verwandten habsburgern von wien aus lange zeiten geführt. trotz dieser deutschen oberhoheit sei freiburg bis in die moderne hinein von einem lateinisch geprägten patriziat streng hierarchisch geführt worden, weshalb man es zurecht zur romandie zählte. dass freiburg 1481 deutsch als amtssprache gewählt habe, schlägt er mit dem hinweis aus dem wind, man sei damit der vorherrschenden kultur der eidgenossenschaft entgegen gekommen. ganz ohne belang ist für ihn, dass damals eine mehrheit der freiburger deutsch sprach, sich und sich in wien oder bern wohler fühlte als bei den savoyern.

noch abenteuerlicher, wenn auch noch spannender werden die ausführungen andrey gleich im ersten buchteil, der sich mit den mittelalterlichen bündnissen beschäftigt. in der frühen geschichte der schweiz sind sie zentral gewesen, den traditionellerweise wird ihre begründung auf das jahr 1291 datiert, hervorgegangen aus einem bündnis in der innerschweiz. auch dem widerspricht andrey, denn das sei bloss die geschichte der landbündnisse, mit der man jene der städtebündnisse übersehe, die älter und wichtiger seien – und ihren ursprung in freiburg gehabt hätten. denn in seiner präkeren lage an der sprachgrenze habe die stadt den zerfall der schützenden kaiserlichen macht im 13. jahrhundert auf eine neue art absichern müssen und das bündnissystem erfunden, das für die schweiz wegweisend werden sollte.

die lektüre dieses buches ist ausser zweifel anregend. denn mit ihr vollzieht man die konsequente arbeit eines historikers nach, der den spuren und folgen der suisse romande nachgeht und zahlreiche bekannte ereignisse neu interpretiert, aber auch persönlichkeiten der geschichte wie rene payot oder gilberte de courgenay begegnet, die namentlich in der deutschsprachigen literatur regelmässig untergehen. dennoch, es entstehen wegen des plans, den andrey hierfür gewählt hat, neue zweifel. sie entspringen der definition des gegenstandes. meines erachtens besteht die idee der romandie mehr als es andrey meint auf sprache und ethnie. ihre besonderheit ist es aber, dass sie staatlich nicht eindeutig verortbar ist, wie es der französische gedanke der nation nahelegen würde. deshalb ist die suisse romande genauso wie die suisse alémanique und die suisse italienne ein gemenge, indem die staatlichen subeinheiten, die grundlage bilden. ihre besonderheit ist aber mitunter, dass sie selber zwischen der einheitlichkeit und diversität von sprache und kulturen oszillieren.

richtig an andrey interpretation ist meines erachtens, dass die kantone der französischsprachigen schweiz genauso wie die der italienischen ihre eigenständigkeit aus der befreiung erhalten haben. täuschend ist allerdings die vorstellung, ihre staatlichen und kulturellen grenzen seine deshalb identisch resp. wo dies nicht der fall sei, seien die staatlichen wichtiger. vielmehr gibt es seit 1798 nicht nur eine plurikulturelle schweiz; nein, es gibt auch plurikulturelle kantone, die für das funktionieren der schweiz von höchster bedeutung sind, aber nicht ohne not eindeutig einer sprachlich begründeten gemeinschaft zugeordnet werden sollten. denn die problematik der mehr- und minderheit in der schweiz, die in diesem buch aus der sicht der nationalen minderheit behandelt wird, müsste eigentlich auch aus der optik der minderheiten in den kantonen thematisiert werden. insbesondere auch im kanton freiburg, aus dem der provokative und ebenso produktive autor stammt – genauso wie ich.

stadtwanderer


Comments

1 Comment so far

  1. Orianne on August 13, 2014 16:52

    Ich denke, dass die Schweiz sicher kulturell ärmer ohne die Romandie wäre. Da ich in beiden Teilen der Schweiz aufgewachsen bin, und viele Meinungen über die moderne Schweiz kenne, finde ich es doch richtig, wie die Schweiz jetzt zusammengesetzt ist, denn in dieser Hinsicht sind wir doch fast einzigartig auf der Welt. Der Start der modernen Schweiz war für mich 1848, sowie aber auch 1815. Wäre die Schweiz ein Staatenbund geblieben, sie würde sicher schon lange nicht mehr in der Form existieren.

    » Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten«

    August Bebel (1840-1913)

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