Befragt von Entertainer Philipp Tingler trat der niederländische Schriftsteller Ces Nooteboom gestern im Berner Stadttheater im Rahmen der «BernerReden» auf. Was als Debatte über europäische Werte angekündigt wurde, endete in einer eher oberflächlichen Unterhaltung mit Trump als Antihelden.

stadttheater
Noch leere Bühne, vor vollem Saal. Leider auch eine gewissen Leere nach Gespräch, gerade weil ich voll von Fragen war.

Das Gute zuerst: Das Berner Stadttheater war bis auf dem letzten Platz gefüllt. Das Schlechte aber auch: Die Technik versagte. Die Mikrophone liessen die Moderatoren-Stimme überschlagen, derweil die des Gastes kaum verstärkt wurden.
Die Veranstaltung zum absolut wichtigen Thema der «europäischen Werte» wurde via Bund gross angekündigt. Die Schlagzeile lautete: «Der Brexit könnte sich schrecklicher Fehler erweisen.» Belege hierfür gab es an diesem Abend keine, obwohl die Frage richtig gestellt ist. Auch zentrale europäische Werte wie Menschenrechte, Friedenssicherung und Solidarität kamen kaum zur Sprache.
Hauptgrund meiner Unzufriedenheit war die offensichtliche Dominanz von Donald Trump in unserem Gegenwartsbewusstsein. Ab der zweiten Antwort war er omnipräsent, obwohl abwesend und auch nicht angekündigt. Klar, die Anlässe zum Lästern sind zahlreich und offensichtlich genug. Ich glaube aber nicht, dass jemand im Haus den gemachten Aussagen ernsthaft widersprochen hätte, wäre es zu einer Diskussion gekommen.
Zu gerne hätte ich mehr zum Modell der liberalen Demokratie mit Volksparteien rechts und links gehört, das angesichts der heutigen Polarisierungen durch Zuwanderung, Wirtschaftskrise und Terrorismus in Bedrängnis geraten ist. Zu gerne hätte ich auch mehr erfahren, ob das Aktuelle in Ungarn oder Polen, aber auch in Frankreich oder den Niederlanden neu ist resp. eine systematische Wende hin zu illiberalen, sprich autoritären Demokratie darstellt, die Rechtsstaat, unabhängige Gerichte und freie Medien nicht mehr dulden will.
Ohne Antwort blieb auch die Frage, ob die aktuell offensichtlichen Entwicklungen durch Ereignisse wie die europäische Flüchtlingskrise 2015 ausgelöst wurden, ob sie eine Folge der vielerorts erschütterten Vertrauens im Gefolge der globalen Finanzmarktkrise sind, oder ob sie sich wie ein roter Faden sein den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts als Kritik an neuen, globalen Eliten entwickelt hat, die zwischen wirtschaftlich neoliberal, gesellschaftlich linksliberal und politisch jenseits von Nationalstaaten agieren.
Mein ganz persönlicher Eindruck von diesem Abend war: Der Gast aus den Niederlande war ganz spannend. In seinen Büchern ist er jedoch konziserer und tiefgründiger als auf der Bühne. Sein Befrager wirkte dagegen uninspiriert, auch zu wenig fordernd, um ein mehr als unterhaltsames Gespräch entstehen zu lassen. Viel über das, was man mit aufmerksamer Zeitungslektüre weiss, erhob mich der Abend nicht.
Schade!

Stadtwanderer


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