Republik Bern

März 14, 2017 | 2 Comments

Auf der Spur meiner letzten Stadtwanderung vor der Weltreise.

larepu

In der allgemeinsten Form wird der Begriff der Republik mit “Staat” gleichgesetzt, allenfalls dem modernen Staat wie ihn die Französische Revolution resp. die Reformation hervorgebracht habe. Anders als im benachbarten Ausland der Schweiz ist der Begriff weitgehend unüblich geworden. Seit 1848 spricht man vom Bundesstaat, nicht von der Bundesrepublik. Unser dieser Staat heisst auch nicht mehr Helvetische Republik, sondern Confoederatio Helvetica. Nur in einigen Kantonen, direkt an Frankreich angrenzend, ist es üblich geblieben “du canton et république” zu sprechen.

Wolf Linder, emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bern, ist meines Wissens der letzte, der versucht hat, die Lage der Schweiz als Zustand der Repubblik zu analysieren. Ausgangspunkte sind die Globalisierung und Europäisierung. Sein zentraler Befund ist, dass internationales Recht immer mehr das schweizerische bestimme. Das führe zu einer Verlagerung der Gewichte in Richtung Exekutive, und es schwäche die Legislative, das Parlament und die Volksrechte. Globalisierung sei zudem gemeinschaftsfeindlich, produziere soziale Gegensätze, verändere die Parteienlandschaft und polarisiere das Konkordanzsystem. Zwischen Globalisierung, Nationalstaat und Demokratie herrsche es ein fragiles Gleichgewicht, alles aufs Mal bekomme man nicht.
Geht es Linder fundamental um den zeitgenössischen schweizerischen Staat, vertritt der Historiker Thomas Maissen einen ganz anderen Begriff der Republik. Den Spezialist für die frühe Neuzeit interessierte seinem Buch über die “Entstehung der Republic” namentlich das Werden des Staatsverständnisses rund um den Souveränitätsbegriff. Er stellt das als Prozess dar, an dessen Anfang Theoretiker der Souveränität ausserhalb des Kaisertums standen. Reichsteile wie die Schweiz hätten den Verband schrittweise verlassen und sich nach 1648 zunehmend unabhängig definiert. Sprache, Titel und Symbole, wie sie im 17. Jahrhundert üblich geworden seien, würden diesen Emanzipation aufzeigen. Denn so haben man sich zunehmend als souveräne Republik verstanden, geschützt durch Staatrecht und Völkerrecht.
Maissens Gegenspieler ist der kürzlich verstorbene Berner Historiker Peter Blickle. Denn für ihn ist Republik kein souveräner Staat, sondern der “Superlativ des Kommunalismus”. Diesen versteht als Gegensatz zum Feudalismus, der von Monarchie und Adel geprägt sei und durch Privilegierung von Ständen und Ländern praktiziert worden sei. Kommunalismus definiert er als bewusste Absetzung hiervon, als Entfeudalisierung, dank dem Gemeindestrukturen in Städten, aber auch auf dem Land entstanden seien. Das sei kein Phänomen der neuesten Zeit, sondern des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Früher Ausdruck dieser Entwicklung sein die Republik Graubünden im 16. Jahrhundert, dem Höhepunkt des Kommunalismus. Es finde aber auch in den reformierten Städte der Neuzeit. Angefangen hat der Prozess mit der Zurückdrängung des Reichsadels, aber auch der Reichskirche, die Inbegriffe feudaler Herrschaft gewesen seien.
Nicht vergessen werden darf, dass das alles auf dem römischen Gedanken der Republik basiert, dem Gemeinwohl von Cicero. Untergegangen ist es im Kaisertum der Antike und des Mittelalters. Wiedergeboren wurde es von Macchiavelli an der Wende zur Neuzeit. In den italienischen Städten hat es noch besten überdauert. Nicht zuletzt deshalb strahlte die repubblica von Venedig über Chur bis in unsere Gegenden.

Ich bin dabei meine wohl letzte Berner Stadtwanderungen vor der Weltreise durch Monarchien und Republiken der Gegenwart zu konzipieren. Lanciert wird sie am 12. April 2017. Der Anlass ist klar: Es ist die Ausrufung der Helvetischen Republik im Jahre 1798 in Aarau, verknüpft mit der Einführung der ersten gesamtschweizerischen Verfassung, die alte Republik Bern stützte und in die neue überleitete.
Noch ist es mein Geheimnis, für welche Neo-Republikaner ich diese Tour mache.
Soviel sei einen Monat im Voraus schon gesagt. Es wird ein Streifzug durch die Teile der Berner Geschichte mit republikanischem Charakter sein. Der Startpunkt wird auf dem 16. Jahrhundert liegen, und das Ende zeichnet sich Mitte des 19. Jahrhunderts ab. Denn das republikanische Bern ist mehr als das mittelalterliche, aber weniger als das demokratische. Es ist geläutert vom katholischen Feudalismus, aber nicht aufgeklärt durch den demokratischen Liberalismus und Sozialismus.
Ich werde berichten.

Stadtwanderer


Comments

2 Comments so far

  1. Mark Balsiger on März 14, 2017 16:42

    Elf Jahre Stadtwanderer-Blog – ein Dino in der Szene und zugleich vital wie zu Beginn. In dieser Zeitspanne habe ich wohl einen Drittel aller Postings gelesen und dabei Neues gelernt und Altes hinterfragt.

    Danke für die vielen Inputs – keep on wandering & blogging. Bis am 12. April!

  2. Stadtwanderer on März 14, 2017 17:36

    Lieber Mark.
    Danke für die Blumen!
    Das Stadtwandern wird über den 12. April hinaus bleiben, wo auch immer.
    UBI BENE IBI PATRIA.

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