77 Stunden hat er die letzte Woche gearbeitet; im Schnitt sind es 55, verteilt auf 6 Tage und Abende. Das ist mehr als das Mittel der Berner. Dafür verdient er auch mehr, und er macht auch etwas mehr Ferien als der Schnitt. Der Berner Justizminister Christoph Neuhaus hat heute Ferien. Im lockeren Outfit spricht er vor einer Gruppe junger Asylsuchenden. Eine Lektion in Berner Staatskunde soll es werden.

neuhaus
Regierungsrat Neuhaus und die Bibel im Regierungszimmer

Der Berner Politiker begrüsst die Interessierten aus vielen Ländern auf der linken Treppe vor dem Berner Rathaus. Eine Stunde lang wird er ihnen zeigen, wo das Gesetz des Kantons und der Stadt entsteht, und wo die Berner Synode tagt. Politik wird er nicht betreiben, aber so gut wie möglich erklären. Der Empfangssaal im Untergeschoss, die Wandelhalle oben, der Tagungssaal des Parlaments resp. der Regierung und die Kapelle sind die Stationen.

Das Parlament
Im grossen Saal des Parlaments geht es um die politischen Parteien.
Die FDP, die liberal ist und wenig Gesetze will.
Die SVP, eine konservative Partei, die wenig Flüchtlinge will.
Die BDP, für die die SVP unanständig ist.
Die religiösen Parteien, christlich und/oder sozial.
Die GLP und die Grünen, beide für die Umwelt.
Und die Sozialisten, für die Gleichheit der Menschen.
Das Wandbild, auf das derweil alle schauen, stammt aus dem letzten Krieg. Links ist das Nationale, sagt der Referent, der Zeit als die Schweiz sich angesichts des Krieges zwischen den Nachbar eingeigelt hat; rechts geht es um die damalige Gesellschaft, noch klar aufgeteilt in arbeitende Männer und fürsorgliche Frauen. Wenig später wird der Politiker erklären, es sei nicht gut, wenn Männer oder Frauen nur unter sich politisieren. Alle sind Menschen, und sie alle haben gute Ideen. Man müsse sie nur zusammenbringen.
Als fast alle aus dem Saal sind, postiert sich eine der Frauen vor dem Rednerpult. Ihre Haarbedeckung verweist auf die Tradition in ihrem Land. Doch Augen funkeln, als sie den Blick in den Rat wirft, als wollte sie zeigen, wie gerne sie Politikerin wäre.

Die Regierung

Die Sitzordnung im Regierungsrat ist hierarchisch: vorne der Präsident, daneben die Stabschefs für das Juristische resp. für die Kommunikation. Dann der Stellvertreter des Präsidenten, und dessen Stellvertreter. Nach einem Jahr wird automatisch gewechselt. Das amtsälteste Mitglied sitzt dem Präsidium nahe, denn es bringt am meisten Erfahrung ein, dann geht es dem Amtsalter nach. Die Novizen haben die hintersten Ränge
Wie lange man regieren könne, will ein Junge wissen. Ein Regierungsrat der SP oder der SVP könne maximal 16 Jahre in der Exekutive bleiben. Das bestimmt seine Partei. Die Vertreter der andern können unbeschränkt bleiben.
Nach 10 bis 12 Jahre habe man anstrengenden Job jedoch meist satt, sagt Neuhaus. Medien und Handy haben die Gangart der Politik beschleunigt, was mehr anstrengt als früher.
Parlamentarierinnen haben vier Möglichkeiten beim Abstimmen: Ja, Nein, weiss nicht. Oder man verlasse noch rechtzeitig der Raum, um ein scheinbar dringendes Telefonat zu machen. Die Gruppe kichert. In der Regierung muss man Farbe bekennen. Da gibt es nur Ja oder Nein. Man kommt, selbst wenn man krank ist. Denn die Mehrheitsverhältnisse sind 4 zu 3 so oder anders herum.
Bevor man abstimmt, wird diskutiert. Untereinander sprechen sich die Regierungsmitglieder mit ihrem Titel an: “Frau Regierungspräsidentin”, “Herr Justizminister”. Das verschafft Respekt – gerade wenn es einmal hitzig zu und her gehen sollte.

Politische Kulturen
Für Sittlichkeit sorgt im karg ausgestatteten Raum auch eine Bibel. Einmal, weiss der Kirchendirektor zu berichten, habe ein Pfarrer etwas gepredigt, das der Regierung nicht gepasst habe. Die Rüge, die man ihm erteilt wollte, quittierte der Gottesmann mit dem Hinweis, er zitiere nur die Bibel. Das habe man nachprüfen wollen, ohne jedoch das geschriebene Wort Gottes im Haus zu finden. Seither gibt es in Bern immer eine Bibel, wenn regiert wird.
Die Begrüssung hatte der Regierungsmann so begonnen: “Gott ist Burger zu Bern”, und wer will schon gegen Gott Krieg führen. Der Stolz der Berner hat lange genützt, bis die moderne Zeit und die französische Besatzung kamen. Die Staatskirche gibt es heute nicht mehr, aber drei Landeskirchen hat der Kanton Bern. Keine kann heute für sich beanspruchen, alleine die Wahrheit zu vertreten. Ein Viertel der Einwohnerinnen ist in keiner Kirche. Es sei es angezeigt, religiöse Neutralität zu wahren. Bald werde man auch in Bern die Kirche und den Staat besser trennen – so wie man es im Schulbuch gelernt habe.
7 Prozent im Kanton Bern sprechen französisch. Die anderen reden in ihre Dialekt, aus dem Seeland, dem Emmital, dem Oberland oder aus der Stadt. Im Grossen Rat wird übersetzt. Die Uebersetzung der Politikersprache für die Bevölkerung machen Zeitungen und Radio. Seit 1831 sind die Verhandlungen der VolksvertreterInnen öffentlich. Das ist Demokratie.

Generationen über Generationen
Am Anfang der Führung hatte Neuhaus einen Sprachtest gemacht. Das Rathaus sei vor 600 Jahren gebaut worden. Wie alt es sei, wollte er bald danach wissen. Die Antworten waren durchwegs richtig. Er müsse zugeben, er könne schlechter arabisch als die Asylsuchenden deutsch, war der ehrliche Kommentar.
Am Schluss lobt der sympathische Justizminister die jungen Leute. Für Menscehn wie sie würde man heute Gesetze machen. Wenn sie sich anstrengen würden, könnten auch sie ins Parlament gewählt werden, und die Gesetze für die nächste Generation beschliessen. Einige sind gerührt. An dieses Politikerwort erinnern sie sich bestimmt lange.
Als alle gegangen sind und wir zu zweit vor der Rathaus stehen, frage ich den Regierungsmann, ob er auch die Symbolik der Fassade kenne. Er verneint, sodass ich nachhelfe. Ueber Treppe geht es um Wahrheit und Lüge, der guten und der schlechten Seite der Politik. Darunter finden sich Samson, der Löwenbändiger, und Diogenes, der Hund. Das sind die guten und schlechten Menschen. Schlecht seien Tugenden wie die Feigheit, die Ungerechtigkeit, der Hochmut und die Verführung. Das zeigt die Treppe rechts. Das Gute aus den Generationen, als das Rathaus gebaut wurde, steht auf der linken Treppenseite: die Unschuld, die Demut, die Keuschheit und die Wohltat.
Letztere Figur befindet sich genau dort. wo der Regierungsrat eine Stunde zuvor seine Schützlinge begrüsst hatte.

Stadtwanderer


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