kein 1. april scherz

am 1. april 1992 gründete ich das heutige forschungsinstitut gfs.bern. was schon damals kein scherz war, kann auch heute keiner sein: am 1. april 2006 hielt ich im bundeshaus gleich drei reden: eine offiziell im nationalratssaal, eine inoffiziell im ständeratssaal und eine ebenso unangekündigte im salon du président, gleich hinter dem bundesratssitzungszimmer.

und das kam so.


bern bundeshaus: der chronist am eingang (foto: stadtwanderer)

erstens, am morgen war ich bei den auslandschweizerInnen. ihre delegiertenrat tagte im nationalratssaal, und ich hielt eine ansprache zum stimmverhalten und einfluss der auslandschweizerInnen bei volksabstimmungen in der schweiz. generelle überlegungen über monarchien, republiken und demokratien eröffneten meine gedanken, dann gings zur erweiterten partizipation in der schweiz bis hin zu jener über 100’000 auslandschweizerInnen. sie sind vergleichsweise eine soziale elite, politisch aktiv, moderner, europaoffener, wettbewerbsorientierter und ausländerfreundlicher als die auslandschweizerInnen. bisher in einem fall haben sie die mehrheiten verschoben: die asylinitiative wurde nur wegen oder dank der stimmen der mitbürgerInnen im ausland abgelehnt. das aber war nicht meine these. vielmehr ging es um die expansion von demokratie, neuerdings auch von direkter demokratie auf flächenstaaten und darüber hinaus. da experimentiert die schweiz momentan erfolgreich, wie man bürgerInnen-beteiligung ausdehnen kann. die auslandschweizerInnen sind das weltweite prioniere, denn sie können nicht nur abgeordnete wählen, sondern auch in sachfragen mitentscheiden, selbst wenn sie in neuseeland, neufundland oder neuguinea leben. das sollte die schweiz vermehrt fördern und zu dieser politischen innovation auch vermehrt sorge tragen.
dann hatte ich durst, im nationalratssaal gabs nix zu trinken. also ging ich kaffeetrinken, nette bedienung, im bundeshaus.

zweitens, kommt doch gleich corina casanova, die vizebundeskanzlerin mit ihrer ganzen verwandtschaft daher. hab für sie vor einem jahr eine stadtwanderung organisiert, und sie involvierte mich gleich in ihre bundeshauswanderung. klar, die bären, die drei eidgenossen, die vier sprachregionen und das schweizer kreuz im boden des ehemaligen bundesratshauses fehlten auf der führung nicht. auch nicht, dass die frauen im bundesrat bis vor kurzem kein eigenes klo hatten. doch dann diskussion über den politischen betrieb im ständeratssaal. alle casanovas und zugewandten orte auf den plätzen der ständeherren und -damen, corina vorne. ich studiere das grosse bild im hintergrund, die jahreszahlen, die schweizergeschichte aus förderalistischer sicht repräsentieren sollen, und merke, was dem staat wichtig ist und was nicht: corina erzählt, dass man im ständerat unvermindert nicht übersetzt. das lässt mich aufhorchen. die tagsatzung war stets ein rein deutschsprachiges gremium. zur mehrsprachigkeit bekennt sich die schweiz erst seit der französischen besatzung von 1798. jetzt gibt es drei vollwärtige amtssprachen und raetoromanisch, eben, die meisten im saal können das. und corina ist die oberste garantin das man darauf auch achtet. in meiner kleinen spontan-rede schweife ich dann aber ab: 1291 lasse ich aus, bei 1393 setze ich ein: sempacher-brief oder die eidegenossenschaft als verteidigungsbündnis, dann 1481: stanser verkommnis, krach um die verteilung der burgunderbeute (1. burgunderteppich, teilweise zerstört, 2. kanonen, feldschlangen genannt: erste artillerie der schweizer armee, 3. 3000 waschfrauen oder die grösste blutauffrischung in schweizer landen), garantie der gleichberechtigung kleiner orte; 1803: es sind 19 kantone, die napoleon geschaffen hat, die jetzt gleichberechtigt sind, aber bloss ein loses ganzen bilden; 1815: klar: kaiserschmarren und wienerkongress bringen anerkennung der landesgrenzen; 1848: liberaler bundesstaat, die schweiz als republik und repräsentative demokratie, und schliesslich: 1874: der übergang zur direkten demokratie. so die schweizer geschichte wäre kurz resümiert. aber warum fehlen ganz andere zahlen. 1307 zum beispiel, der rütli-schwur; 1365, die anerkennung der eidgenossenschaften durch kaiser karl IV.; 1415 die eroberung des aargaus im königlichen auftrag, verwaltet durch die tagsatzung; 1436-1450: bürgerkrieg auf schweizer boden, angezettelt durch zürich; 1513-1515 sieg und niederlage der eidgenossen in norditalien; 1648: unabhängigkeit der schweiz vom HRR, vermittelt durch frankreich und schweden; 1712: gleichstellung der konfessionen nach dem tod von louis XIV.; 1798: einmarsch der franzosen, ende der alten eidgenossenschaft; 1830 liberale bewegung in den regenerierten kantonen; 1918: soziale bewegung bringt landesstreik, proporzwahlrecht und ahv; 1971 frauenstimmrecht; 2002 beitritt zur uno. an all das sollte der ständerat doch auch denken!

drittens, nun es ging weiter mit unserer reise durchs bundeshaus: bundesratssitzungszimmer, zu besichtigen nur dank corina casanova. weibel angern macht das super! auch anektodisch: die kleinen dinger rechts an den pulten sind keine aschenbecher, sondern wasserglashalter, sie wurden eingeführt, weil ein bundesrat, heute pensioniert, immer sein mineralwasser verschüttete und so die gesetzessammlung unter dem deckel des pultes im nun zu pape wurde. herzig! schliesslich noch eine diskussion im salon du président, gleich nebenan. ich muss noch einmal sprechen, ausführungen zu integrationsmechanismen im bundesrat machen; also: 1. bundeskanzlei, älter als der bundesrat, von napoléon verordnet, 2. nur freisinnige im bundesrat von 1848, 7 männer, 2 welsche, 2 katholiken, das einigt, 3. sukzessive beteiligung der konservativen, der bauern und bürger und schliesslich auch der arbeiterschaft, 4. zauberformel durchgesetzt von kk (cvp) und sp, gegen fdp und bgb (svp), 5. frauen im bundesrat, das war schon gefährlich und ende mit einem bruch: abwahl von ruth metzler-arnold und wahl von bundesrat christoph blocher, 9. dezember 2003. anschliessend lange diskussion im publikum über konkordanz, sprachenvielfalt, minderheitsbeteiligung, blockierung, stabilität, ärztedemos und neue landesregierung von 2007. mehr davon aber erst in einem jahr …


bern bundeshaus: der historiker am eingang (foto: stadtwanderer)

kein scherz, hat sich alles zugetragen, am 1. april 2006, dem 14. geburtstag meiner firma. spannend, so ein bundeshaus!

bundeshauswanderer

das offizielle referat des tages: botschfterInnen der direkten demokratie

cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

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