erdrutsch abarbeiten

der erdrutsch vorletzte nacht ist wieder weg; – diese nacht nur noch bäume, die umgefallen sind, und äste, die gekracht haben. echt, wir befinden uns in einer misslichen lage!


quelle: kanton bern

der politische erdrutsch von vorhergehender nacht ist noch gar nicht weg. das ausmass wird erst recht ersichtlich:

verluste für svp und fdp nicht nur bei den regierungsratswahlen, verluste auch bei den grossratswahlen. der rückgang der wählerInnen-anteile ist erheblich. und er findet sich fast überall im kanton. die partei ist mit ihrer unüberlegten aktion an der dv vom letzten november flächendeckend in bedrängnis geraten. aber auch die sp reibt sich die augen: sitzgewinn in der exekutive, aber wählerInnen-verluste in der legislative.

der strahlende sieger heisst grün. grüne freie liste. grünes bündnis. grüne welle. das verstehen wir, die bergwander, die am hang leben …

adi vatter hat “seine” prognose in meinem tagebuch gesehen. er war im ersten moment etwas überrascht, denn so hat er seine habil noch nie zusammengefasst bekommen. aber er war auch ganz erfreut, was man alles daraus machen kann; und “er” hatte gar nicht so unrecht:

1. umstrittener wahlgang: klaro, da brauch ich nichts mehr zu sagen, ausser: siehe svp.
also gute prognose!

2. tiefer anteil, den die regierungsparteien zusammen vertreten: wenn man das als trend versteht, ja, alle regierungsparteien haben verloren, insgesamt 8 prozent, alles in richtung nicht-regierungsparteien. ohne die erweiterung der grünen hätte das regierungslager gerade nich 68 prozent umfasst.
also gute prognose!

3. hohe zahl an regierungsparteien: ne, das ist in bern echt kein grund gewesen!
also: gar keine gute prognose!

4. hoher anteil deutschsprachiger: jupp, das trifft zu (aber auch sonst, wenns keinen wechsel gibt, also doch nicht so entscheidend).
also: beschränkt brauchbare prognose!

5. hohe elektorale volatilität: ja, die ist wieder klar am wachsen, die genauen daten dazu (pedersenindex) folgen noch.
also: gute prognose!

6. höher anteil im tertiären sektor tätig: jawohl, der kanton bern hat eine starke verlagerung vom primären und sekundären sektor hinzu zum teritären erwerbssektor gemacht. diese menschen wählen mehr, sie entscheiden sich freier, sind gestalten politik individualistischer, und sie haben klar und deutlich rot-grün gewählt (siehe erstanalyse). früher hätten sie vielleicht noch die fdp unterstützt!
also: gute prognose!

7. erhöhung der arbeitslosenrate: die wirtschaftslage ist in bern nicht rosig, wenn auch nicht auffällig schlecht, also eher ein beschränkt gültiger indikator.
also: beschränkt gute prognose!

8. polarisierung des parteiensystems: klaro, die konkordanz leitet unter dem schuldenberg, und die finanzpolitischen vorräte unter den regierungsparteien sind kleiner geworden. das hat die 3 regierungsparteien gespalten, und es hat auch die wählenden in verschiedene richtungen getrieben: gar nicht sparen, viel mehr sparen, nur private investitionen, mehr kompensatorisches verhalten durch den staat, alles konnte man in der letzten zeit haben.
also: gute prognose!

9. fraktionalisierung des parteiensystems: jupps, ist ja grösser geworden. die drei grossen lager, konservative, liberale und soziale passen nur mehr bedingt auf die parteien, und keine partei kann es für sich beanspruchen. grün kommt, aber auch evp, obwohl gar kein politisches gewicht ist in, sogar sd steigt wieder, und selber die cvp erobert verlorene positionen im kanton bern sachte wieder zurück. fraktio-index im detail folgt ebenso noch.
also: gute prognose!

10. geringe offenheit der direktdemokratischen instrumente: ne, das finde ich gar nicht, volksabstimmungen sind in bern zugelassen, breit ausgebaut, jüngste sogar erweitert worden, und sie werden eigentlich von allen seiten her genutzt.
also: gar keine gute prognose!

summa summarum: 6 der 10 gründe für erhöhten wechsel in der regierungszusammensetzung haben zugetroffen und war zum teil im voraus bekannt; da kann man nur einen schluss ziehen: nicht zeitungen sollst du lesen im wahlkampf, denn die berichten über berner wahlen, wie wenn eh schon gelaufen wären. aber: politologische habilitationsschriften sollst du dir zu gemüte führen, im grundsatz sehr nützlich und erhellend, – allenfalls ein wenig mehr als üblich auf lokale-aktuelle situationen sollst du es runter brechen. dem überraschenden wahlergebnis wäre man so ganz gut auf die spur gekommen!

selber hats spass gemacht, wieder mal in der gegenwart politikwanderer zu sein. ein wenig vergangenheit schwang ja bei mir auch mit: 1986, bei der historischen wahl gegen die fdp, für die freie liste, waren meine ersten berner wahlen, die ich analysiert. und sie waren auch ein knaller. nach der ersten runde war ich im regi gast, in der montagabend sendung, gemeinsam mit jean-pierre bonny (altes bern) und leni robert (neues bern). diesmal, niemand wusste es, war ich wieder gast, die fdp wurde gar nicht mehr eingeladen, um öffentlich wunden zu lecken, und die grünen, wie die freien heute heissen, waren neu durch bernhard pulver vertreten!


quelle: kanton bern
legend: trotz den guten prognose von adi vatter glaubten die rotgrünen bis am schluss nicht an ihren erfolg, umso überraschter waren sie bei der resultatverkündung …

merke: männer sind in bern wieder im kommen, und für frauen ist es schwerer geworden! das gilt auch für meine beiden ehemaligen mitarbeitenden: eva desarzens wurde nicht gewählt, andreas rickenbacher ist der joungster in der neuen regierung. hätte ich beide ex in der regierung, wäre ich ja schon die zweistärkste partei im kanton …! das sage ich nur eins: übermut tut selten gut! also bleibe ich ein bescheidener

stadtwanderer

http://www.gfsbern.ch/publikationen/vortraege.php?showid=154

cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

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