Vor der Gesellschaft zum Distelzwang
diselzwang

Die Anfänge der alten Eidgenossenschaft im Wandel der Geschichtsforschung
Die Geschichtsschreibung des späten 19. Jahrhunderts datierte die Gründung der Eidgenossenschaft auf das Jahr 1291, präziser noch auf den 1. August. Der Bundesbrief bezeugte dies.
Wie wirkmächtig die Historie damit war, zeigte die eidg. Volksabstimmung vom Herbst 1993, als die Stimmenden mit über 86% Ja die Volksinitiative der Schweizer Demokraten für einen arbeitsfreien 1. August als Bundesfeiertag in die Bundesverfassung schrieben. Nie hat ein Volksbegehren mehr Zustimmung bekommen.
Und doch zweifelt die Historikerzunft: „1291“ sei eine innerschweizerische Angelegenheit gewesen. Für eine Staatsgründung komme das 13. Jahrhundert gar nicht in Frage; ausser Monarchien gab es damals nichts.
Heutige Historiker wie Bernhard Stettler, Thomas Maissen und André Holenstein sprechen neu von einer Verdichtung des eidgenössischen Bündnisgeflechtes im 15. Jahrhundert, die nach dem Zürichkrieg von 1436 bis 1450 beschleunigt worden sei. Unabhängig davon blieb man stets mit dem europäischen Umfeld verflochten.

Abänderung aller alten Briefe wegen Zürich
Zwischen 1382 und 1388 eroberten die Berner, Luzern und Zürich Teil der kyburgischen resp. habsburgischen Besitzungen im Mittelland. Zürich wäre bereit gewesen, einen Separatfrieden mit Habsburg zu schliessen. Den Sempacherbrief der Eidgenossen von 1393 unterschrieb man nur widerwillig. Immerhin regelte der zum ersten Mal die Truppenordnung unter Eidgenossen.
1415 war das von Belang, als es um den Aargau ging. Die Angriffsrichtungen waren gleich, doch stiess man bis zum Wasserschloss bei Brugg vor. Eigenwillig verhielt sich diesmal Bern, behielt es doch alle Eroberungen für sich, während die Freien Aemter und die Grafschaft Baden zu Untertanen alles Eidgenossen erklärt wurden.
Der Zürichkrieg von 1436 von anderer Qualität. Erstmals bekämpften sich Verbündete. Ursprünglich ging es man um die grosse Strassenkreuzung von Rapperswil. Die Schwyzer wollten einen direkten Zugang zu Konstanz, die Zürich eine nach Chur. Bern schlug sich auf die Seite der Schwyzer und gemeinsam gewann man. Bern wusste: Der erwogene Seitenwechsel der Zürcher zu den Habsburgern hätte Eidgenossen empfindlich treffen können. Denn als deren Statthalter, wäre die Rückeroberung der Stammlande im Aargau leichter gefallen, selbst die Existenz der Aarestadt wäre auf dem Spiel gestanden.
Vier Jahre nach dem Zürichkrieg änderte man alle alten Briefe ab. Die Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft wurde ausschliesslich, und garantierte Machtansprüche des Hauses Habsburg strich man aus allen den Abmachungen.
Das machte man nicht ohne Hintergrund. Denn zwischenzeitlich war der Kaisertitel von den Luxemburgern an die Habsburger übergegangen, was die Position Zürichs stärkte.

Befreiungsgeschichte der Innerschweizer und europäischer Kontext der Eidgenossenschaft

1470 begründete das Weisse Buch von Sarnen die Befreiungsgeschichte. Nun traten Tell und die drei Eidgenossen auf den Plan, sie ermordeten den Tyrannen und befreiten damit Uri, Schwyz und Unterwalden. Die Habsburger spekulierten in ihren Lageberichten weiter damit, die Reichstadt Zürich werde die Innerschweizer Orte noch unterwerfen und die Eidgenossenschaft ganz dem Herrscherhaus anschliessen.
1474 schloss man Frieden zwischen Habsburg und der Eidgenossenschaft. Habsburg plante den Angriff auf den Herzog von Burgund, der zum eigentlichen Herausforderer der Kasierfamilie aufgestiegen war. Dafür wollte man die Eidgenossen auf seiner Seite wissen. Bern übernahm sogar die Führungsrolle im Angriff auf Burgund. Der Eidgenossenschaft brachte der Schlachtensieg bei Grandson und Murten die Städte Solothurn und Freiburg, während Habsburg den Ehevertrag mit der burgundischen Prinzessin und Erbin des verstorbenen Herzogs einlösen konnte und so zur ersten Macht im Kaiserreich aufstieg.
Speziell die Neuordnung der Reichsgerichte durch Kaiseraspirant Maximilian, weckte nach 1495 den Widerspruch der Eidgenossen. 1499 kämpfte man im Schwabenkrieg gegen ihn – und gewann. Im Friede von Basel wurden die Sieger von der Weiterentwicklung des Reichtrechts ausgenommen. Die Städte Basel und Schaffhausen und Appenzell schlossen sich in der Folge der Eidgenossenschaft an, während die reiche Stadt Konstanz auf diesen Schritt verzichtete.
Schlechter erging es den Eidgenossen im Krieg in Oberitalien, in dem sie auf verschiedenen Seiten kämpften, schliesslich aber gegen Frankreich verloren. Das leitete die Neuausrichtung der eidgenössischen Politik an der des französischen Königs ein. 1516 schloss man einen Soldvertrag ab, erhielt dafür Getreide und Salz.

Die Eidgenossenschaft wurde nicht gegründet, sie ist geworden
Die heutigen Historiker haben recht. Die 13örtige Eidgenossenschaft entstand effektiv zwischen 1450 und 1474. Anders als es das Narrativ aus dem 19. Jahrhundert glaubhaft machen wollte, trat man damals jedoch nicht aus dem Kaiserreich aus. Dagegen spricht beispielsweise, dass man bis 1559 von jedem neuen Kaiser die alten Briefe zur Bestätigung vorlegte.
Im ihrem Selbstverständnis waren die Eidgenossen von Gott Auserwählte, und ihr Land lag im Schnittfeld der grossen europäischen Kräfte mit der Rigi im Zentrum. Um 1500 zeichnete der Schweizer Leibarzt des Kaisers erstmals eine brauchbare Karte der Eidgenossenschaft und legt sie seinem Herrn vor. Das war ein klares Zeichen!
Weniger klar blieben die Grenzen, denn selbst die Zeitgenossen wussten nicht sicher, wer den 13 Kleinstaaten assoziiert oder untertänig war. Klar war eigentlich nur, dass Bern und Zürich, die beiden Reichsstädte, in Europa gut vernetzt, stark waren.
Hans Waldmann, der Zürcher Bürgermeister, der gerne ganz alleine der Repräsentant der Eidgenossenschaft gewesen wäre, wurde 1489 von den Eigenen des Verrats angeklagt, gefoltert bis er alle ihm zur Last gelegten Schandtaten gestand, zum Tode verurteilt und mit dem Schwert gerichtet. Adrian von Bubenberg, dem Schultheissen von Bern, erging es 10 Jahre davor nicht viel besser. Zwar starb der legendäre Schlachtensieger von Murten eines natürlichen Todes. Doch galt das Mitglied der vornehmen Gesellschaft zum Distelzwang als Vertreter des europäischen Adels. Wegen seinen Schulden wurde ihm posthum der Prozess gemacht und wurde er exhumiert. Wo seine sterblichen Ueberreste begraben sind, weiss man nicht.
Starke Persönlichkeiten ertrugen die Kleinstaater nie!

Stadtwanderer


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