Teil 2 meiner Stadtwanderung „Jugend&Politik“

Berns «Innerer Stand» machte Politik. Der «Äußere Stand» tat nur so. Er versammelte die Söhne der Patrizier für Scheinpolitik und übersah glatt, dass die Zukunft des Staatswesens von einer Frau außerhalb verhandelt wurde.

Als Rathaus entstand der «Äussere Stand» 1732. Danach tagte hier das damalige «Jugendparlament» mit gleichem Namen.
Die Institution ist vielleicht älter; ihre Anfänge sind nicht belegt.
In den besten Zeiten versammelten sich so 150 Männer, alle über 18 Jahre alt und aus der Stadt. Sie hatten Titel wie die Grossen, denn sie waren Schultheiss, Ratsherren, Grossräte und Landvögte.
Doch war das alles nur Schein!
Regelmässig führten die Kleinen den sog. Schüsselikrieg durch, um die militärische Verteidigung der Vaterstadt zu üben – ein Scheingefecht. Dazwischen gab es auch etwas Scheinbildung. So referierte der erzkonservative Karl Ludwig von Haller über die dauerhafte göttliche Ordnung im alten Bern.
Jahreshöhepunkt in der Stadt Bern war jeweils der Ostermontag. Da zog das neu gewählte Regiment durch die Gassen. Und der Äussere Stand erwies ihm die Ehre.
Alle hofften auf ein gutes neues Politjahr. Doch galt auch das nur scheinbar.
Real war, dass sich 1794 ein Stück der Decke und direkt über dem vermeintlichen Schultheissen-Thron abstürzte. Das war fast schon symbolisch für das nahende Ende.

Im Frühling 1798 marschierte dann niemand mehr durch Bern.
Ausser den Franzosen. Die marschierten jedoch mit Truppen in die Stadt ein.
Eine Republik im Geiste der Revolution sollte jetzt entstehen. Die Franzosen brachten eine Trikolore, eine Hauptstadt und die Gewaltenteilung.
Alles zusammen war die „Helvetische Republik“.

Aufgehoben wurde dafür der Äussere Stand. Statt Politik zu üben, sollten die Jünglinge nun schwimmen lernen. «Jugend&Sport» für den neuen Staat!
Bis heute hat der Berner Aareschwumm seine Bedeutung. Allerdings ist er nun ein Teil der Freizeitgesellschaft.

An die Frauen im patriarchalen Bern und Paris dachte niemand. Das war ein fataler Fehler!
Julie Bondeli war die überragende Frauengestalt im Bern des 18. Jahrhunderts.
Geboren wurde sie 1732, als der Aeussere Stand aufging. Gestorben ist sie 1778, nur wenige Tage nach dem Aufklärer Rousseau.

Bereits in jungen Jahren interessierte sich Julie für Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften.
Samuel Henzi soll einer ihrer Hauslehrer gewesen sein. Der Berner Schriftsteller lehnte sich zweimal gegen das Berner Regiment auf. Das erste Mal landete er im neuenburgischen Exil, das zweite Mal, nach seine Begnadigung, endete er auf dem Richtstuhl im Berner Galgenfeld.
Davor hatte er das Theaterstück «Guillaume Tell ou l’ambition punie » verfasst. Darin bezichtigte er die herrschenden Patrizier des sexuellen Missbrauchs junger der Töchter der Stadt.
Das Drama wurde in Bern nie aufgeführt.

Julie Bondeli versuchte ein geordnetes Leben zu führen. Sie verliebte sich in Christoph Martin Wieland. Zeitweise lebte der Biberacher Schriftsteller in Bern. Zur Heirat kam es allerdings nie.
Nach dem Tod ihrer Mutter emigrierte Julie ins offenere Neuenburg. Das kannte sie aus ihren Kontakten mit Jean-Jacques Rousseau. Unterstützt von einer Freundin, unterhielt sie da bis zu ihrem frühen Tod einen gelehrten Salon.

Der Philosoph Jürgen Habermas deutet in seinem 1962 veröffentlichten Buch «Strukturwandel der Oeffentlichkeit» Clubs wie den von Julie als relevante Spur zur bürgerlichen Gesellschaft.
Die begann sich im 18. Jahrhundert vom autokratischen Staat abzugrenzen. Man versammelte sich privat, um nicht überwacht zu sein und vorbehaltlos über die Zukunft des Staates debattieren zu können. Was hier entstand, nährte später das bürgerliche Theater und die liberale Presse.
Die Schweizer Geschichtswissenschaft ortet in Clubdebatte. eine der vier Triebfedern zur modernen Demokratie. Die anderen waren die oft zitierten Landsgemeinden, die Petitionen der Untertanen und Gewaltandrohungen der Unzufriedenen. Die Clubs waren die zivilisierte all dieser Foren der Zukunft -entwickelt von aufgeklärten Frauen.

Bis das aristokratische Bern fiel, brauchte es jedoch die Bajonette der Franzosen.
Die Helvetische Republik mit ihrem Zentralismus ging bereits im Kindesalter von sechs Jahren unter. Die nachfolgende Mediationsverfassung mit den heutigen Kantone brachte es mit 12 Jahren ins Jugendalter. Ins Erwachsenenalter kam erst der Bundesvertrag des Wiener Kongress von 1815 erlassen hatte. Aufgehoben wurde er erst mit der Gründung des Bundesstaats 1848.

In Kanton Tessin ging man bereits 1830 nach einer lokalen Revolution zum bürgerlichen Staat mit einer repräsentativen Demokratie über. Das beflügelte das Bürgertum vieler Kantone zur Nachahmung. 1831 folgte auch Bern, als letzter deutschsprachiger Kanton notabene. Hier wirkte der reaktionäre Geist nach, den Karl Ludwig von Haller seinerzeit im «Äussere Stand» eingepflanzt hatte.
Beim Aufkommen der Demokratie verschanzten sich ihre Nachfolger im benachbarten Erlacherhof. Mit Gewehren und Munition versuchten sie die neue Zeit aufzuhalten. Vergebens: Julie Bondelis Vision der Aufklärung siegte über die Tradition des Äußeren Standes.

PS:
Ein Jugendparlament gab es nach der Auflösung des Äußeren Standes übrigens genau 150 Jahre nicht mehr. Davon jedoch später!

Foto: Stadtwanderer (in guten Zeiten)


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