niklaus der kühne

Juni 19, 2008 | 2 Comments

wenn es um den 16. oktober 1475 in der murtener geschichte geht, überbieten sich die berichterstatter mit unüblichem: die neuenburger chronik hält fest: “ le discord fut si grand, qu’on ne savoit connoître de quel parti il en avoit le plus.“ was war geschehen?

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1473 einigten sich der kaiser friedrich iii., ein habsburger, und der burgundische herzog, karl der kühne, nicht auf die wiedergeburt des burgundisches königreichs, das 1378 untergegangen war. ein solcher titel hätte karls position gegenber dem französischen könig gestärkt, jedoch auch gegenüber dem kaiser. friedrich wusste darum und verlangte als preis, dass karl einzige erbin, seine tochter maria, den sohn des kaisers heiraten müsse.

karl entschied sich, den durchbruch auf den schlachtfeldern zu suchen. um ihn zu schwächen, befriedete das haus habsburg, vermittelt durch den französischen könig, den seit 1315 wiederkehrenden zwist mit den eidgenossen.

schultheiss niklaus von diesbach

zentrale figur der eidgenossen war der berner schultheiss niklaus von diesbach. seine familie war als tuchhändler reich geworden und in die berner politik eingestiegen. dabei nutzte man die alten handelsbeziehungen an die europäischen königshöfe, um jetzt diplomatie zu betreiben. niklaus von diesbach war 1465 erstmals berner schultheiss geworden. keiner war so jung wie er in dieses amt aufgestiegen. und das machte ihn bei den alten eliten, den traditionellen junkern wie adrian von bubenberg, von anfang an verhasst.

1474 ist niklaus von diesbach auf der höhe seiner macht. zuerst bindet er bern mit einem bündnis an den französischen königshof, dessen kammerherr er geworden war. dann überzeugt er den habsburgischen herzog für vorderösterreich, mit den eidgenossen einen dauerhaften frieden, die sog. ewige richtung, abzuschliessen. die niedere vereinigung rund um basel schoss zudem dem habsburger geld vor, um ihn aus der burgundischen umklammerung zulösen. schliesslich erklärt der berner schultheiss der herzogin von savoyen und deren stellvertreter, jakob von savoyen, graf von romont, am 14. oktober 1474 den krieg. das sollte nicht ohne folge bleiben, den savoyen war mit burgund verbündet.

die besetzung murtens durch bern und freiburg

noch bevor die tagsatzung das bündnissystem akzeptierten, liess niklaus von diesbach murten besetzen. nur zwei tage nach der kriegserklärung an den savoyischen hof, verlangten berner und freiburger vom savoyischen städtchen unmissverständlich, dass es seine tore öffnen müsse. das löste die unordnung in der stadt aus. die murtener chronik hält fest:

„Gross war die Gährung der Gemüther; tumultuarisch die Berathungen. Selbst die Weiber nahmen Parthey.“

doch die savoyerpartei unterlag: der schultheiss, humbert de lavignies, flüchtete aus der stadt, und der bürgermeister, richard rossel, starb, wie es heisst „aus verdruss“.

der wilde krieg gegen burgund

niklaus von diesbach erhielt für seine aktion vom französischen könig 20’000 livres, was dem staatsetat berns von einem jahr entsprach. die hälfte floss in die familienkasse, die andere hälfte wurde unter den günstlingen von diesbachs verteilt. ein teil der berner kam so zu viel geld, genau das, was den alten junkern fehlte.

mit seinen getreuen unternahm der berner schultheiss 1475 eigenmächtig einen angriff auf die burgundischen truppen, die in pruntrut berner eingekesselt hatten. gleichzeitig griffen die berner und freiburger in diesem sommer plündernd und mordend die waadt an.

die tagsatzung verurteilte das eigentmächtige und brutale vorgehen, und auch adrian von bubenberg opponierte im berner kleinrat. doch gelang es niklaus von diesbach, sich in bern durchzusetzen. adrian von bubenberg wurde auf treiben von diesbachs hin aus dem kleinrat ausgeschlossen und zog sich auf sein landgut in spiez zurück.

nun wollte niklaus von diesbach definitiv zum grossen gegenspieler von herzog karl werden. das war kühn, ja tollkühn. in blamont, in der nähe von pruntrut wurde er nur wenige tag nach seinem sieg in der politik von einem pferd tödlich verletzt.

doch bern befand sich in einem selbstgewollten krieg, ohne vom kriegstreiber geführt zu werden.

à suivre

stadtwanderer

 
   
   
   
   
   
   
   
   
   

Comments

2 Comments so far

  1. Andrea on Juni 19, 2008 13:45

    Uns hat man in der Schule erzählt, die Burgunder hätten angegriffen, sodass die Eidgenossen zusammenstehen mussten.

  2. stadtwanderer on Juni 19, 2008 20:49

    das geht dir wohl so wie den meisten!
    die geschichtsschreibung, die im 19. jahrhundert entsteht, ist stark national(istisch) ausgerichtet. und sie hat unser verständnis der politischen welt erheblich geprägt.
    rudolf von habsburg und karl der kühne sind seither die zwei grossen böfei’s in der schweiz.
    doch vieles davon ist heute im fluss: ist es zufall oder nicht?
    bemerkenswert ist auf jeden fall, dass parallel zur euro 08, die in der schweiz (und in österreich) stattfindet, unser geschichtsbild europäisiert wird.
    vorerst: in königsfelden bei brugg fand jüngst die feier für die „habsburger“ statt. gleichzeitig gedachte man den 900 jahren ihrer ersten erwähnung in brugg und der 700 jahre der ermordung von könig albrecht durch einen verwandten. anwesend waren die letzten habsburger ebenso wie bundesräte. doris leuthard, die untertanin aus den habsburgischen freiämter, die es zur bundesrätin gebracht hatten, unterhielt sich locker mit den nachfahren der kaiser, die schon mal aus österreich verjagd wurden und in der schweiz nicht bleiben wollten.
    sodann: in bern findet die grosse burgunderausstellung statt, welche die burgunderkriege nicht aus der sicht der eidgenossen zeigt, sondern aus jener der grossen valois-herzöge in burgund. es geht nicht mehr nur um ihre niederlagen in murten und grandson. es geht auch um ihre politischen und kulturellen leistungen, die sie heute noch so attraktiv macht, obwohl von ihrem herzogtum 500 jahre später nichts mehr steht.
    es ist auch absicht meiner kleinen serie, die zusammenhänge in der eidgenossenschaft, aber auch in europa aufzuzeigen, die zu den ereignisse führten, deren wie dieser tage gedenken (könnten), wenn auch in verfremdeter und dafür aber realistischeren art!

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