Teil 6 meiner Stadtwanderung „Jugend&Politik“

Kein Ort in Bern polarisiert so sehr wie die Reitschule. Für die einen ist sie der Platz der Selbstentfaltung, für andere ist sie der Schandfleck schlechthin.


Bild Keystone

„Kriegskinder, Konsumkinder, Krisenkinder“. Das sind drei Schlagworte zu Charakterisierung von Jugendgeneration nach dem Zweiten Weltkrieg. Die 1980er Jugendbewegung steht sichtbar am Uebergang von den Konsum- und den Krisenkindern – mindestens im Selbstverständnis der Bewegungsaktiven.

Mit Konsumgesellschaft bezeichnet man in aller Regel Gesellschaften, die möglichst viele Bedürfnisse durch Konsum gegen Bezahlung bedienen. Um nur eine Zahl zu nennen: Heute wächst der Konsum doppelt so stark wie die Bevölkerung.
Das führt periodisch zu Widerständen, speziell bei Gruppen, welche sich den Konsum nicht gewohnt sind resp. den entsprechenden Lebensstil nicht leisten können. Ein solcher Widerstand steht am Anfang der 1980er Jugendbewegung!

National ausgelöst wurden die neuerlichen Jugendunruhen im Sommer 1980 durch den Opernhauskrawall in Zürich. Jugendliche wandten sich gegen einen Kredit in der Höhe von 60 Mio. Franken, der den etablierten Kulturinstitutionen zu Gute kommen sollte, während die Forderung nach der Errichtung eines neuen „Autonomen Jugendzentrums (AJZ)“ von der Stadt abgelehnt wurde.
Erprobt wurden nun möglichst selbstbestimmte und selbstverwaltete Lebensformen. Mit der bürgerlichen Gesellschaft wurde abgerechnet: National berühmt wurden «Herr und Frau Müller», zwei bewegte Jugendliche aus Zürich, die in der TV-Sendung «Rundschau» mit den Stadtbehörden ironisierend diskutierten. Sie kamen ordentlich gekleidet daher und forderten ein drakonisches Durchgreifen der Polizei. So vorgeführt wussten die anwesenden Stadträt*innen kaum mehr, was sie beklagen wollten.
Ihren eigenen Sprachwitz entwickelte die Bewegung etwa mit „Macht Gurkensalat aus dem Staat“.

Berns Geschichtsschreibung meint, die Jugendbewegung der 1980er sei nirgends so heftig und andauernd gewesen wie in der Bundesstadt. Wohl holten Berns Jugendliche einen Teil der „verpassten“ Unruhen von 1968 so nach.
Es hat auch mit der spezifischen Ausbreitung in Bern Phasen zu tun: Die erste war von 1979 bis 1982, die zweite ab 1985. Letztlich ist diese unter etwas veränderten Umständen immer noch anhaltend.
In Bern waren zwei Ort und Themen entscheidend: die Schützenmatte mit der „Reitschule“ und die Hüttensiedlung „Zaffaraya“ im Nirgendwo.

In der ersten Phase ging es um ein nicht-kommerzielles und selbstverwaltetes Jugendzentrum. Favorisiert wurde die Reitschule. 1981 wurde sie mit einer behördlichen Bewilligung in Betrieb genommen, 1982 jedoch wieder geschlossen.
Die zweite Phase begann mit dem „Freien Land Zaffaraya“.

Eröffnet wurde auf dem Gaswerkareal ein Zelt- und Wagendorf.
Die Polizei räumte es.
Es kam zu einer grossen Protestaktionen. Schüler*innen traten in den Streik.
„Zaff, Zaff, Zaffaraya“ ertönte es in der Stadt.

Ein Jahr später wurde der Berner Hauptbahnhof durch die Zaffaraya-Leute besetzt. Nun vermittelten die Kirchen. Dies mündeten in der vorübergehenden Nutzung des Campings Eichholz, bevor man 1989 ins Neufeld umzog. Dort musste man 2006 dem Neufeld-Tunnel weichen, bekam aber in der Nähe ein neues Gelände zugesprochen bekam. Da fristet Zaffaraya sein Dasein als Kulturzentrum.

1987 kam es in der Stadt zu einem «Kulturstreik», für den Jugendliche und etalierte Kulturinstitutionen bis zu 10’000 Teilnehmende mobilisierten. Am 24. Oktober 1987 wurde die Reitschule erneut besetzt, wobei Bands wie „Züri West“ Eröffnungskonzerte gaben. Um den Druck auf die Behörden zu erhöhen, solidarisierten sich in kürzester Zeit auch andere Musiker, unter ihnen Stephan Eicher.
Organisiert wurde die neue Jugendbewegung nun durch die IKuR, die „Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule“. Ende Jahr 1987 stand das Betriebskonzept mitsamt einer teilweisen Finanzierung durch die Stadt.
In der Reitschule etablierte sich von da an ein reichhaltiges Kulturprogramm, etwa mit Konzerten oder Lesungen. Es gibt einen Barbetrieb und ein Frauenzimmer, wo Frauen ganz unter sich sein können.

Die politischen Grundsätze des Betriebs kann man am Eingang lesen: «Kein Rassismus, kein Sexismus, keine Homophobie, keine Selbstbereicherung, kein Konsumzwang». Plakativ werden hier die Vorwürfe gegen die etablierte Gesellschaft vorgebracht, welche diesen Grundsätzen nicht genüge.
Ein Buch das 30 Jahre danach fasste die Selbstsicht so zusammen: «Die Reitschule ist ein Freiraum, der den kritischen Blick auf Selbstverständliches, Normales und Unveränderliches zulässt. Sie ist der Ort, in dem verdrängte Fragen der patriarchal-kapitalistischen Ordnung aufs Tapet gebracht werden. Sie ist Widerstand und Revolte und Kunst und Kultur.»

Die Fremdsicht ist deutlich kritischer, denn die Öffentlichkeit nahm die Reitschule meist nur bei Problemen mit Gewalt oder Drogen wahr. Für viele in Bern gilt die Reitschule bis heute als «Schandfleck», dem man bei der Einfahrt in Bern nicht entgehen kann. Die Leserbriefspalten der Lokalpresse zeugen davon.
Mehrfach wurden alternative Nutzungen vorgeschlagen, doch nie realisiert. Dazu trug bei, dass trotz mehrfach angestrengter Volksentscheidung die Schliessung der Reitschule nie eine Mehrheit fand.
Festgefahren stehen sich Standpunkte zu Gewaltanwendung, Drogensucht und Wohnungsnot gegenüber. Darin spiegelt sich auch ein Teil des heutigen Generationenkonflikts.

War die Bewegung von 1968 durch das Buch als Medium geprägt, bestimmte 1980 das Video die Jugendunruhen. Das neue Medium gab den BewegungsaktivistInnen die Möglichkeit in die Hand, die Sicht der Dinge selber zu bestimmen. Das änderte die Herrschaftsverhältnisse im Moment der Auseinandersetzungen. Legendär wurde das Video «Züri brännt» des Zürcher Videoladens.
Berner Stadthistoriker*innen sehen es so: 1968 war eine politische Bewegung, und die Politik lernte zu reagieren. In den 1980er Jahren war das anders, denn da ging es in erster Linie um Kultur und Selbstentfaltung einer neuen Generation, die sich fortlaufend neu erfand.
Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb die Szene bis heute existiert. Der Tagesanzeiger beschrieb das 2017 so: «Die Reitschule ist für viele zur Heimat geworden, die 1987 noch gar nicht geboren waren.».
Wohl ist die anhaltende Alternativkultur auch eine Ursache für das prekäre Verhältnis zwischen Stadt, Anwohnern und Jugendlichen. Die allerjüngsten Ereignisse um die Platznutzung vor der Reitschule bestätigen das.
Das Maximum, was die Stadt herausholen kann, ist ein Nebeneinander von vorherrschender und der Gegenkultur.

Foto: Keystone


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