das politische stadtwandern geht in die nächste runde: heute start der rundgang „demokratiegeschichte der schweiz“. erzählt werden in gut einem dutzend stationen in der stadt, wie aus der alten republik bern die neue republik schweiz wurde, wie die aristokratie durch die bürger abgelöst wurden, wie die liberale bewegung die demokratie erkämpfte, wie intellektuelle diese radikalisierten, wie der freisinn aus der schweiz eine repräsentative demokratie formte, wie die demokratische bewegung diese zur halbdirekten umfunktionierte, wie der parteien den klassenkampf führten, wie das proporzwahlrecht diesen milderte, gleichzeitig aber auch zur gründung der bgb, heute svp, führte, wie die zauberformel als richtlinie für die zusammensetzung der vierparteienregierung entstand, und was sich seither alles ereignet hat.


die gerechtigkeit beschäftigte alles systeme aller zeiten, doch die antworten, die die demokratie darauf gibt, sind einmalig
quelle: gfs.bern (anclickbar)

geladen ist heute eine gruppe von demokratie-freunden aus ungarn und bulgarien, die sich für die weiterentwicklung ihrer demokratien interessierten. organisiert vom initiative & referendum institute in marburg, unterstützt von präsenz schweiz, sind sie bis am sonntag ausbildungshalber in der schweiz, und werden als erste gruppe in den genuss kommen von den berner stadtwanderungen. diese werden heute bianca rousselot und claude longchamp führen. angemeldet haben sich journalistInnen aus dem ausland, politologieprofessoren verschiedener unis, und auch verschiedene vertreterInnen der bundeskanzlei, der wirtschaftsverbände und der interessengruppen in der schweizer werden erwartet. nicht abgemeldet hat sich alexander tschäppä!

die recherchen zur demokratiegeschichte in bern begannen mit einem paukenschlag. die wikipedia, das mass aller dinge in der internetwelt, erzählt ausführlich die geschichte der stadt und des kantons bern. die entscheidende stelle für den anfang der demokratiegeschichte wird indessen weggelassen; originalton: „Der durch die Französische Revolution erwachte demokratische Geist vertrug sich nicht mehr mit diesen Zuständen. Das nach dem bernischen Staatsschatz lüsterne französische Direktorium bot den unzufriedenen Waadtländern die Hand, und indem Bern trotz heldenmütigen Widerstandes unter Karl Ludwig von Erlach und Niklaus Friedrich von Steiger gegen die Truppen des Generals Balthasar Alexis Henri Antoine von Schauenburg bei Fraubrunnen und in der Schlacht am Grauholz sowie des Sieges unter Johann Rudolf von Graffenried gegen die Truppen des Brigadegenerals Pigeon bei Neuenegg am 5. März 1798 der französischen Übermacht erlag, stürzte die Aristokratie zusammen. Durch die helvetische Verfassung wurden Waadt, Aargau und Oberland als eigenständige Kantone von Bern losgerissen. Nachdem die helvetische Einheitsrepublik 1802 im Stecklikrieg untergegangen war, hielt die Mediationsakte von 1803 die Selbständigkeit der Waadt und des Aargaus aufrecht, vereinte dagegen wieder das Oberland mit Bern und gab dem Kanton, der vor 1798 ein Aggregat der verschiedenartigsten Bestandteile mit mannigfaltigen Lokal- und Partikularrechten gewesen war, seine gegenwärtige Einheit.“


die traditionelle sicht auf die helvetik
(quelle: georg kreis)

virtuell noch gar nicht stattgefunden hat die helvetische republik in bern. es kamen die französischen truppen, man vierteilte den bären und war still, bis die einheitsrepublik untergegangen war. so einfach ist das in der wikipedia.

sicher, die helvetische republik basierte auf krieg, auf besetzung, auf fremden truppen. doch wie steht es mit dem bundesstaat. auch er ging aus eine krieg hervor, auch hier ging es nicht ohne militärische aufgebote und einsätze gegen aufständische reaktionäre. dafür machte die helvetische revolution die schweiz mit den gedanken der französischen revolution vertraut. liberté, égalité und fraternité setzten sich zwar nicht sofort durch in bern, die unverrückbaren massstäbe, die sie heute noch abgeben, wurden damals aufgebaut. menschenrechte, für die sich bundesbern heute mit berner professoren in der ganzen welt einsetzt, kamen nicht von alleine hierher. sie wurden von den revolutionären truppen mitgebracht, sie fanden in den patriotischen propagandisten ihre verkünder, und sie prägten die liberale bewegung, die zur gründung des kantons, der universität, des volksschulwesens und der gemeindeselbstverwaltung führte. und wenn das nicht genug an argumenten sind, dann noch dies: gäbe es zeitungen, pressefreiheit und eine öffentliche streitkultur, ohne die demokratisierung der schweizerischen gesellschaft im 19. jahrhundert, die just in der so verpönten helvetik hatte?


jean-jacques rousseau kam in bern nicht an, begründete aber die naturrechtliche philosophie, die auch hier die demokratischen werte begründete
quelle: wikipedia (anclickbar)

wer das alles unterschlägt, verkennt, dass demokratie stets erkämpft werden musste. genauso wie die schweiz war bern bis zur helvetischen revolution keine demokratie im modernen sinne. nötig war die politische philosophie eine jean-jacques rousseau, der auf die ungleichheit in der gesellschaft hinwies, die dekadenz der aristokratischen gesellschaft anprangerte, und den feudalen charakter der patrizischen politik diskreditierte. all dem stellte er das naturrecht gegenüber. er war es, der postulierte, dass jeder mensch, unabhängig von geschlecht, von alter, von ort, vonstaatszugehörigkeit, also nicht durch konvention, sondern allein von natur aus mit unveräusserlichen rechten ausgestattet sei. er war es, der der gesellschaft den blick auf das recht auf leben, auf körperliche unversertheit und auf persönliche freiheit öffnete.


karl ludwig von haller, ein konservativer von europäischem format prägte die gedenkaen der antidemokraten
quelle: wikipedia (anclickbar)

vorübergehend lebte rousseau in berns nähe, in motier und auf der petersinsel. in bern hatte er jedoch vorerst keinen erfolg. selbst nicht, als die bürgerliche philosophin, julie bondeli, mit ihren gelehrten clubs versuchte, seinen ideen den weg zu bahnen. stark genug waren die konservativen kräfte: die aufgeklärte, alte republik propagierte albrecht von haller, selbst ein verdrängter, aber anhänglicher berner. montesquieu hätte er am liebsten in bern umgesetzt. doch auch dazu kam es nicht. sein enkel, karl ludwig von haller mobilisierte gegen die helvetische republik, mit allen kräften, die ihm zur verfügung standen: mit seinem politischen einfluss, mit seinen verbindungen nach wien, mit seinen seinem intellekt als geschichtsprofessor in bern und mit seiner spitzen feder, die in royalistischen zeitschriften zu schärfen wusste. er, ein berner, hat sogar der epoche nach dem wiener kongress den bis heute gebräuchlichen namen gegeben: restauration. restauration der staatswissenschaften war von hallers lebenswerk, womit die säuberung der politischen lehre von den revolutionären gedanken gemeint war. schliesslich restaurierte er auch seine wesentlichen überzeugungen, wandte sich – der nachfahre des berner reformator berchtold von haller – heimlich auch zum katholizismus zurück. als das publik wurde, entliess man den vorkämpfer der reaktion improtestantischen bern kurzerhand aus allen ämtern.


ludwig snell, politischer flüchtling und politischer schriftsteller, prägte die gedanken der radikaldemokraten in bern
quelle: ortsmuseum küsnacht (anclickbar)

von haller bekam auch einen würdigen gegenspieler in bern: ludwig snell, ebenso politiklehrer, nun an der frisch gegründeten universität. deutscher, theologe, gymansialdirektor, flüchtling vor den demagogengesetze war, als er nach basel, zürich und küsnacht kam, wo er die liberalen manifeste für den ustertag von 1830 verfasste, und an der regenerierten verfassung zürich mitschrieb. das alles trug ihm die erste politikprofessur in bern ein. und hier verfasste er das handbuch des schweizerischen staatsrechts, bildete demokratisch gesinnte juristen wie den späteren bundesrat jakob stämpfli aus, schärfte den sinn zwischen wirtschaftlichem liberalismus und demokratischem radikalismus. 1846 trug er wesentlichen dazu bei, das bern eine radikale regierung und eine radikale verfassung bekam, mit der erstmals in bern auch volksrechte institutionalisiert wurden. mehr noch: die führung der berner radikalen in der sterbenden tagsatzung war es, die den sonderbund der konservativen orte für ungültig erklärt, mit militärischer macht auflöste und so den schweizerischen bundesstaat begründete.

„1798“ ist aus dieser sicht, nur eine episode, aber eine entscheidende!, für das werden des bundesstaates, – der, weltweit früh und einmalig die entwicklung zur direkten demokratie ermöglichte. die schweiz ist hierfür unverändert ein vorbild. doch schmilzt der vorsprung: überall, in städten, in glied- und nationalstaaten, aber auch auf europäischer ebene befasst man sich mit fragen der demokratisierung, der bürgerInnenpartizipation und der lenkung staatlicher willensbildungsprozesse von unten.


claude longchamp, institutsleiter gfs.bern, vor dem neuen christoffel, dem schutzheiligen der (stadt)wanderer in sachen demokratiegeschichte
quelle: gfs.bern (anclikcbar)

genau diesen prozess zu begleiten, ist die aufgabe des instituts initiative & referendum in marburg. und genau dieses insitut ist es, dass der schweiz neue demokratiefreunde bringt. präsenz schweiz fördert das, und gfs.bern betreibt hierfür ein wenig politisches standortmarketing für bern. ab heute abend! am gerechtigkeitsbrunnen, und anderswo …

stadtwanderer

Die Unterlagen zu dieser Stadtwanderung


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