die meisten menschen wissen nicht, wo oltigen liegt. dabei war oltigen einmal ein herrschaftliches zentrum europas: grafen, bischöfe, ja sogar ein reichskanzler stammen aus oltigen. jetzt wird wieder alles anders: die nachbargemeinde, wileroltigen, feiert diesen sommer das 1000jährige bestehen. und der stadtwanderer beendet im oltige-träff, der einzigen gastwirtschaft in oltigen, seinen diesjährigen betriebsausflug! doch wo nur liegt oltigen?

der untergang des königreichs (hoch)burgund

im jahre 888 ging das fränkische kaiserreich unter. Auf dessen trümmern entstanden zahlreiche neue königreiche, so auch das königreich hochburgund. rudolf, der abt des klosters st. maurice, wurde von den bischöfen in genf, in lausanne und in sitten zu deren könig erhoben, der bald die ganzen gebiete dies- und jenseits des juras beherrschte.


politische landkarte um 900 nach chr., oltigen befindet sich genau dort, wo aare und saane zusamenfliessen, also bei e von haute-bourgogne

anfänglich war die aare die nordöstliche grenze des königreichs hochburgund zum herzogtum schwaben. 922 verlegte der burgundische könig rudolf II. nach einem eroberungskrieg die grenze an die reuss. bümpliz (pimpinugum), das befestigte, ursprüngliche herrschaftliche zentrum am grenzfluss, verlor dadurch seine bedeutung. da man beidseits der aare zum gleichen herrschaftsverband gehörte, reichte nun auch ein flacher übergang über den fluss. und das bekam man dort am einfachsten, wo aare und saane zusammenfliessen, – in oltigen!

die geschichte des ortes geht mit der strategischen bedeutung des übergangs über die aare auf und ab. die besten jahre waren zwischen 1074 und 1125, als die salischen kaiser in personalunion im reich und in burgund regierten. ihr stellvertreter vor ort war der graf von oltigen.

oltigen als ort im niemandsland

oltigen leitet sich wie üchtland vom althochdeutschen uochta ab. im heutigen sprachgebrauch würde man alles mit ödland übersetzen. oltigen sind die leute, die in diesem ödland leben. deshalb gibt es ja im juragebiet auch weitere oltigen, so in baselland, aber auch im grenznahen elsass. an der aare meinte man damit jenes wenig besiedelte gebiet, das zwischen der romanisierten burgundischen bevölkerung links und der alemannischen rechts der aare frei geblieben war, um streitigkeiten, wie sie im 7. jahrhundert aufgekommen waren, zu vermeiden. geografisch kann man das mit dem spickel zwischen aare und saane eingrenzen, an deren zusammenfluss das ödland aufhörte und oltigen ist.

erstmals erwähnt wird oltigen mit dem niedergang des burgundischen königreiches. 1006 nannte man es in lateinischer sprache ottingin oder oltingin. die namensnennung ist mit der feudalisierung des burgundischen königreiches zu verstehen. die rudolfinische königsfamilie war im 19. jahrhundert bis in neu erstandene kaiserhaus aufgestiegen, während die in burgund an bodenhaftung verlor. rudolf III., der letzte burgundische könig wurde sowohl von den bischöfen arg bedrängt, die hand auf die klöster gelegt hatten, als auch von den grafen von savoyen, eigentlich beamte, welche die alpenübergänge kontrolliert, sich jedoch durch einheirat in die königsfamilie wie die herrscher selber gaben. im mittelland wirkte sich beides nicht aus; von neuenburg aus regierte der könig, doch hatte auch er an den wichtigstens strategischen orte königshöfe, so in bargen, wo ein pfalzgraf die statthalterschaft inne hatte.


politische landkarte um 1000 nach chr., oltigen befindet sich genau dort, wo aare und saane zusamenfliessen

die grafen von oltigen

dieser kono gilt als erster graf von oltigen. er ist bis ins jahr 1019 bezeugt. vielleicht war er der cousin des königs. dieser vermachte schon vor dem tod sein reich dem kaiser. zwar starb er erst 1032, doch begann der krieg um die erbschaft von vorher, was man im grenzgebiet spürte. denn es intervenierten die bischöfe, welche eudes de blois, einen grafen aus der champagne, der ebenfalls mit dem burgundischen königshaus verwandt war, auf ihre seite zogen. dieser belagerte 1032 neuenburg erfolglos und verwüstete anschliessend weite teile des seelandes, so auch die burgundische pfalz in murten. ihm stand der deutsche könig gegenüber, konrad II., aus dem hause der salier, der auf dem weg war, seine geschlecht in die kaiserschaft zu führen. er verstärkte den einfluss des alemannischen lagers rechts der aare.

schliesslich sollte konrad diesen krieg gewinnen und sich in payerne zum burgundischen könig krönen lassen. eudes machte er zu seinem stellvertreter vor ort, ohne dass dadurch ruhe eingekehrt wäre. bis 1048 sind kriegerische auseinanderansetzungen im grenzgebiet bekannt. so war es erst konrads sohn und nachfolger, heinrich III., der freiden an die aare brachte. in solothurn führte er meinen einen reichstag durch, der die verhältnisse neu ordnete. rektor oder königlicher verwalter von (hoch)burgund wurde graf rudolf von rheinfelden, der rechts der aare begütert war.

offensichtlich war der oltiger aareübergang jetzt wieder interessant. links und rechts stehen jetzt burgen, je eine in oltigen und eine in wileroltigen, die von bukko beherrscht werden, der als graf von oltigen amtet. sein nachbar in fenis, dem heutigen vinelz, war ulrich, ursprünglich herr auf der hasenburg, dann auch herr von neuenburg, der sich jetzt graf ulrich I. von fenis nennt.

auf der höhe der macht

die hohe zeit dieser grafen war während den streitigkeiten zwischen dem papst und dem kaiser, die in den 70er jahren des 11. jahrhunderts entbrannten und unter dem namen des investiturstreits in die europäische geschichte eingegangen sind. es ging um die frage, wer die bischöfe einsetzen könnte. papst gregor VII. berief sich auf die laufende kirchenreform, wonach bischöfe kirchliche würden träger seien, die ihr amt nicht erkaufen dürften. deshalb müssten sie vom papst eingesetzt werden. er forderte auch, dass bischöfe nicht heiraten durfen, denn nur so konnte die kirche die verzettelung ihres grossen besitzes verhindern. gegen diese kirchenreform wehrte sich der junge deutsche könig heinrich IV. er liess es sogar auf einen bruch mit dem papst gregor VII. angekommen.

in diesem streit fielen die herzöge von schwaben, von bayern und von kärnten vom deutschen könig ab, und machten gemeinsame sache mit papst greogor VII. dieser belegte den widerspenstigen könig mit dem kirchenbann und zwang ihn, innert jahresfrist sich bei ihm zu entschuldigen, um wieder in die christliche gemeinschaft aufgenommen zu werden. den weg nach italien schnitten ihm aber die alpen-herzöge ab. so bliebt heinrich iv., der mit dem hause savoyen verheiratet war, nicht anders übrig, als durch das ehemalige königreich burgund, über genf und den mont cenis nach süden zu ziehen. den papst traf er, wie man weiss in canossa, wo der könig drei tag im büsserhemd vor verschlossenen türen wartete, bis er um vergebung bitten durfte.

was man in der regel nicht weiss, ist, dass die burgundischen grafen wie urlich von fenis und kuno II. von oltigen mit von der partie waren. sie hatten zwischenzeitlich ihre macht bis nach lausanne (haus oltigen) und nach basel (haus fenis) ausgedehnt und besetzten im entscheidenden moment die beiden bischöfsämter mit verwandten. beide lehnten die päpstliche forderung aus machtgründen ab, nicht zuletzt aber, um den rektor über ihnen, der sich auf die papstseite geschlagen hatte, loszuwerden. von ihren verwandten auf den bischofssitzen wurden sie unterstützt, weil sie verheiratet waren, und nicht gedachten, diese verbindung aufzulösen.

bukko von oltigen, besser bekannt als bischof burkard von lausanne, war sogar an engster stelle auf heinrichs seite tätig. Er wurde nach dem gemeinsamen gang nach canossa mit dem titel „kanzler von italien“ bedient, das heisst er vertrat die königlichen interessen im süden. dies wurde umso bedeutsamer, als der gestärkte heinrich nach dem tod seines gegners, rudolf von rheinfelden, nach italien zog, um papst gregor vii. vom stuhle petri zu stürzen. ein ihm genehmer papst sollte den deutschen könig zum kaiser krönen. burkard stieg ebenfalls einen rang auf; er wurde reichbannerträger und begleitete den kaiser mit dem reichsadler in der hand in seine schlachten. als dieser 1089 gegen die aufständischen sachsen kämpfte, war auch der oltiger dabei, kam dabei aber selber ums leben.

der niedergang von oltigen

in oltigen regierte weiterhin sein bruder kono II., der treu dem kaiser diente. dieser war bestrebt, sich mit der katholischen kirche, insbesondere mit seinem taufpaten, dem abt des burgundischen klosters von cluny, zu versöhnen. so förderte er den cluniazensischen orden nach massen. auch im seeland begann sich der orden, ausgehend von payerne auszudehnen. wichtigester klostergründer im seeland war graf wilhelm III., ein sohn von regina, der tochter von kono II., die mit dem grafenhaus von besançon-macon verheiratet war. wilhelm III., selber deutschsprachig, dürfte nach dem tod seines vaters 1102 im kreuzzug vorwiegend in oltigen gelebt haben, und er war es denn auch, der die klöster bellmund und auf der petersinsel gestiftet hatten.


politische landkarte um 1100 nach chr., oltigen befindet sich genau dort, wo aare und saane zusamenfliessen

1122 regelten der papst und der kaiser, heinrich V., sohn von heinrich IV., in worms den investiturstreit. dieser hatte rund 50 jahre gedauert und die zwillinge im reich, den papst und kaiser, gründlich entzweit. in deutschland galt die vorherrschaft des kaisers, und in italien und burgund sollte die päpstlich oberherrschaft gelten.

nur drei jahre später starb heinrich V., der stets schirmherr in olitgen gewesen war, kinderlos, und so brachen wieder unsichere zeiten an. im seeland wurde man sich dessen schnell gewahr: wilhelm III., der klostergründer, starb auf der petersinsel eines gewaltsamen todes. es verschwindet auch der graf von oltigen, der nach 1125 nicht mehr bezeugt ist.

der neue kaiser, lothar von supplingenburg, förderte die als papsttreue verschrienen adeligen, die im gefolge von rudolf von rheinfelden in schwaben wirkten: es schlug die stunde der grafen von zähringen, die vorübergehend herzöge von schwaben und kärnten gewesen waren, 1098 aber als kaiserfreindlich all ihre güter rechts des rheins verloren hatten. zwischen emme und aare blieben sie jedoch die herren. da sie auch den titel der der rheinfelder, das rektorat über burgund 1123 erhalten hatten ,dehnten sie sich ihrerseits über die aare hinaus aus, machten freiburg und murten zu ihren stützpunkten, die sie jetzt als städte förderten, welche die strassen nach süden unterhielten.

aus den einst mächtigen oliger grafen wurden jetzt kleine freiherren, und aus ihren burgen an der aare verloren an stragegischer bedeutung. verwaltet wurde der posten nicht selten durch auswertige grafen, gegen die sich die bauern vom frienisberg 1410 erhoben. 1412 kaufte das aufstrebende bern das darniederleigende städtchen oltigen und machte wohlen zum neuen regionalen zentrum. nach den burgunderkriegen von 1475/6 kam das ganze seeland in bernische hand, und wurde gründlich germanisiert.

neues leben in oltigen

dass oltigen heute bedeutungslos ist, hat mit dem aufstreben berns zu tun. zwischen bern und aarberg konnte keine stadt überleben, die nicht eine strategische bedeutung hatte. dennoch ist die erinnerung an die geschichte wach geblieben. (wiler)oltigen feiert im juli ihre 1000jährige geschichte. leider bin ich bei der premiere des theaterstückes zum volksaufstand von 1410 in den ferien und nicht dabei. umso mehr freue ich mich über die neuentwicklung, die das dort mit dem oltiger-treff nimmt. walter und agathe blunier hatten den mut, im untergegangenen herrschaftszentrum ein gartenwirtschaft zu eröffnen. fern ab vom grossen geschehen. nicht einmal die fussballweltmeisterschaft, die am 9. juni beginnt, interessiert hier: – ein idealer ort also, um des stadtwanderers betriebsauflug zum untergegagnenen burgunderreich zu beenden.

stadtwanderer

quellenangabe:
otto arn: oltigen. ein stück seeländer geschichte, biel 1962

oltige-träff

wileroltigen (mein dorf – 1000 jahre)


Comments

2 Comments so far

  1. Marcellin Babey on März 9, 2010 21:06

    bonjour,

    bravo pour ce résumé historique très intéressant. Je dois toutefois préciser que Guillaume l’Allemand a été assassiné en 1125 entre Mâcon et Rournus, où il est enterré, et non sur l’île St-Pierre. C’est son fils, âgé de 17 ans, qui a été assassiné au printemps 1127 dans l’église de Payerne, qui a été enterré à l’île St-Pierre avec ses chevaliers, également assassinés. Personne n’a encore pu élucider véritablement les meurtres de ces grands personnages, c’est une des plus curieuses énigmes du moyen âge. Notez que Guillaume l’Allemand est neveu du pape Calixte II (alias Guy de Bourgogne) et probablement aussi du chanoine Hézelon de Liège, à qui on attribue aujourd’hui le rôle d’architecte de l’abbatiale de Cluny.

  2. stadtwanderer on März 10, 2010 08:30

    grand merci pour les précisions, je vais changer les noms confondus!

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