1848 brach in halb Europa eine Revolution aus. Meist wurde sie vom Bürgertum getragen, teilweise auch von der Arbeiterschaft. Der Schweizer Bundesstaat entstand in diesem Umfeld. Er ist das einzige Projekt aus dieser Zeit, der Bestand hatte.
Der Bundesstaat brachte den Freisinn hervor, ein Zusammenschluss aus Liberalen und Radikalen. Sie übernahmen nach einem Bürgerkrieg die Macht im ganzen Land. Im Oktober 1848 bestätigten die ersten landesweiten Parlamentswahlen die neuen Verhältnisse.


Quelle: Wikipedia

Murten war Trendsetterin. Wie in allen anderen Städte hatten die Bürger 1798 unter Frankreich die wichtigsten Freiheiten gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Natur erhalten. Besonders wirkte hier aber die Kantonszuteilung. Denn 1803 kam das reformiert-liberale Murten ausschließlich zum katholisch-konservativen Kanton Freiburg. Da führten zumindest im Schulwesen erzkonservative Jesuiten das Szepter, protegiert von der patrizisch ausgerichtete Kantonsregierung.
1830 brach im Kanton Tessin, den seinerzeit Napoleon geschafften hatte, die bürgerliche Revolution aus. Rasch vermehrte sie sich auch nördlich der Alpen. Auch in Freiburg wurde die alte Regierung gestürzt.
Murten jubilierte!
Es sollte der Startschuss für den Aufstand der Stadt gegen die Kanton werden.

Das neue Selbstbewusstsein des Städtchens drückte sich am besten im frisch gebauten Schulhaus aus. Geplant wurde es im Auftrag der Stadt von Johann Jakob Weibel, der in München Architektur studiert hatte und die dortigen Bauten gut kannte. Von da übernahm der den biedermeierhaft wirkenden Stil – typisch für erwachende Bürgertum im ländlichen Umfeld.
Auffällig war auch der Ort. Waren die Schulen Murtens bisher bei den Kirchen und an der Schulgasse, verliess man nun die Altstadt. Das Schulhaus kam vor die Tore zu liegen, ein Zeichen der Offenheit und des weiten Blick auf das Land werden. 1839 war der Bau fertig, ab 1840 wurde hier unterrichtet.
Die Schule sollte eine neue Generation Murtner hervorbringen. Und sie setzte dafür auf neue Lehrer. Einer von ihnen war Johann Kaspar Sieber, ein richtiger Radikaler aus dem Kanton Zürich. Politisch warb er für einen Zentralstaat, ganz so, wie es seinerzeit die Franzosen wollten. Selbst die Bezeichnung als «Jakobiner» schreckte ihn nicht.
Lehrer Sieber unterrichtete mit Begeisterung Mädchenklassen. Es waren politische Lektionen. Doch übersah er in seinen engagierten Schulstunden, dass der Wind gekehrt hatte. Die Konservativen erstarkten in den 1840er Jahren zusehends.

Am 9. Juni 1846 ging der Grosse Rat in Freiburg in die Offensive. Er schloss den Kantons dem katholisch-konservativen Sonderbund an. Dieser hatte sich in aller Heimlichkeit in der Innerschweiz gebildet, um den unveränderbaren Bundesvertrag von 1815 zu verteidigen. Dafür hatten man die Unterstützung von Fürst Metternich in Wien erhalten.
Irrtümlicherweise publizierte Freiburg die Entscheidung. Was öffentlich bisher niemand kannte, wurde rasch Allgemeingut. Der schwelende Konflikt zwischen Modernisten und Traditionalisten eskalierte. 1847 kam es zum Sonderbundskrieg, in dem die Liberalen und Radikalen siegreich waren. Ihr Hauptmerkmal: Sie waren antiklerikale Freigeister!
In Murten löste schon der Beitritt zum Sonderbund einen Aufstand aus. Reformierte Bürger und Bauern versammelten sich in der Deutschen Kirche. Da beschloss man eine Resolution, die ans Eingemachte ging: Murten solle sich vom verhassten Kanton trennen!

Nun bliess auch die Murtner Lehrerschaft zum Angriff auf Freiburg. Allerdings waren die Revoluzzer schlecht gerüstet. Bereits im nahen Courtepin endete der Marsch. Hätte man die Hauptstadt erreicht, wäre es wohl zum grossen Gemenge gekommen. Denn aus Bulle und Estavayer hatten die Katholisch-Konservativen Verstärkung erhalten.
Murten wurde als Rädelsfrüher gegen die Obrigkeit verurteilt. Das brach den örtlichen Radikalismus. Als Lehrer Sieber zurückkehrte, war er seine Stelle bereits los.
Neu wandte sich der Ex-Lehrer der Publizistik zu. Er wurde Journalist und leitete die religionskritische Zeitung «Der Wächter». Mit Worten ging er nun auf die Kleriker und ihre Macht los.
1848, nur wenige Tage nach der Gründung des neuen Bundesstaates, wurde Sieber über die Kantonsgrenze spediert.
Just als in Europa die Revolution ausgebrochen war, beendete sie Murten förmlich.

Sieber machten seinen Weg trotzdem: In Uster wirkte er zuerst als Sekundarlehrer. Da machte er sich für den Uebergang von der repräsentativen zur direkten Demokratie stark.
1869 wählte ihn der Zürcher Souverän als Vertreter der Demokraten in den Regierungsrat. Da war er jahrelang Erziehungsdirektor des Kantons Zürich. 1878 verstarb er im Amt.
Die Gedenktafel in Uster ziert der Spruch: „Das Volk ist es wohl wert, dass man ihm die Wahrheit ganz und unverhüllt sage.“


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