Niederlande in der Schweiz (Teil 3)
Zurück zu Teil 2: Wie die Reformation die frühe Niederlande begründete.

Wir stehen vor dem Gerechtigkeitsbrunnen aus dem Jahre 1543. Er steht in seiner ganzen Symbolik für die Reformation, versteckt auch für die Republik. Auf dem Postest steht Iustitia mit verbundenen Augen und der Waage in der Hand. Das meint, das Recht soll unabhängig von der Herkunft gelten. Die Frauenfigur überragt auch alle damaligen Herrscher: den Kaiser, den Papst, den Sultan und … ja, bei der vierten Männerfigur gehen die Deutungen auseinander: Die Geschichtsforscher sehen in ihm den deutschen König, die Lokalhistoriker den Berner Schultheiss. Warum?
1576 war ein einschneidendes Jahr für die damalige Staatstheorie. Zuerst veröffentlichte der Franzose Jean Bodin seine «Six livres de la République». Dann doppelte der Josias Simler mit «De Republica Helvetorium» aus der Eidgenossenschaft nach.
Bodins Werk begründete die neue Souveränitätslehre. Demnach war nicht nur der Kaiser souverän. Vielmehr plädierte er für eine wohlgeordnete Monarchie mit Gesetzen, Republik genannt.
Bodin behandelte auch die Eidgenossenschaft, die er als aristokratischen Staatenbund charakterisierte, entstanden aus einer Liga verbündeter Orte im Kaiserreich. Genau das führte der Theologe Simler mit der ältesten Landeskunde der Schweiz aus.
Traditionell geblieben seien Kantone wie Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus, Zug und Appenzell mit ihren Landesgemeinden. Bern, Freiburg, Solothurn und Luzern waren Patriziate mit Grundbesitzern in den Städten lebten. Zürich, Schaffhausen und Basel wiederum kannten Zunftregimes mit einer gewerblich ausgerichteten Führung der Stadt. Für ersteres verwendete er den Begriff der Demokratie, für letzteres den der Republik.
Simlers Landeskunde erschien, wie es sich noch gehörte, in Latein, wurde aber auch ins Deutsche und Französische übersetzt. Und, man staune,1613 auch ins Niederländische!
Denn nur drei Jahre nach Erscheinen des Buches in Zürich hatten die Niederländer ernst gemacht mit der neuen Staatsform. Wilhelm I. von Oranien, den wir bereits kennen gelernt haben, führte den Kampf gegen die herrschenden Habsburger aus Spanien an. Diese waren selbstredend Katholiken. Die niederländische Opposition hingegen war calvinistisch. Schriften eines reformierten Theologen aus der Schweiz interessierten da!
Die Geschichtsschreibung beschäftigt sich seither gerne mit dem Vergleich der Niederlande und der Schweiz. Denn nach den traditionellen Republiken in Venedig und Genua waren sie die ersten, die mit der neuen Staatsform experimentierten. Zu ihrer Zeit begingen sie also einen Sonderweg.
Die gemeinsamen Ursprünge der neuen Republiken von damals liegen im Unabhängigkeitskrieg gegen Habsburg. Die Eidgenossen fochten ihn von 1315 und 1477 in einem 160jährigen Prozess aus. Die Niederlande brauchte von 1568 bis 1648 halb solange 80 Jahren.
In den Niederlanden verliefen Reichstrennung und Reformation gleichzeitig. Das führte zum Bruch. Anders in der Eidgenossenschaft, wo beides nacheinander geschah. Die Reformation verstärkte nur die Entfremdung vom Reich in ihren Orten. Der westfälische Friede war ein Einschnitt, aber kein gänzlicher Bruch.
1648 entstand die Republik der sieben Provinzen als eigener Staat. Die Eidgenossenschaft bezeichnete der Friedenvertrag als „Corpus Helvetiorum“ als „Staatenbund der Helvetier“.
Das hatte auch Gründe im Innern. Die Reformation in den Niederlanden verlief uniformer. Holland war in der Konföderation immer das Machtzentrum. Und die Oranier sahen sich stets in der Rolle eines Quasi-Monarchen. In der Eidgenossenschaft blieben die lokalen Unterschiede, der Regionalismus und die Wachsamkeit, das keine Zürcher oder Bern zu stark werden konnte.
So haben die frühneuzeitliche Niederlande und Eidgenossenschaft durchaus Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede!


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