Die Niederlande in Bern (Teil 4)
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Ihre Heimat war das osmanische Reich, heute vereinfacht gesagt die Türkei. 1592 schrieb der niederländische Gelehrte Carolus Clusius ein Buch über sie, das sie über Nacht begehrt machte. Die Rede ist von den Tulpen aus Holland. Sie sollten Wirtschaftsgeschichte schreiben, und das bis nach Bern.
Angefangen hatte alles mit der Eröffnung der Amsterdamer Börse 1612. Gehandelt wurden da unter anderen Tulpeneinkäufe. Eine eigentliche Tulpenmanie entstand. Namentlich in den 1630er Jahren erreichte sie bisher unbekannte Ausmasse. Sie liess die Preise ins Unermessliche steigen. 1637 stürzten sie jedoch ebenso unermesslich ab.
Geplatzt war damals die erste Spekulationsblase der Geschichte. Nun war nur noch vom Tulpenschwindel die Rede. Selbst in Bern zeitigte er Auswirkungen. Denn auch hier hatte man sich fleissig an der neuen Einkommensmöglichkeit in Amsterdam beteiligt. Verdienen ohne zu arbeiten kannte das Berner Patriziat ja bereits bestens.
Oekonomisch wichtiger und politisch umstrittener waren im 17. und 18. Jahrhundert jedoch die fremden Dienste. Da man selber kein stehendes Heer hatte, könnte man reichlich Söldner liefern. Traditionellerweise war das für Frankreich der Fall. Allerdings gab es kein Monopol, nicht zuletzt, weil Frankreich katholisch war. Die calvinistische Niederlande bot da für reformierte Orte wie Bern eine willkommener Ausweg.
Tragischer Held meiner Ortsgeschichte ist Gabriel von May. Seine Familie war Ende des 15. Jahrhunderts als Zitronenhändler aus Norditalien nach Bern gekommen. Da steig sie wegen des unternehmerischen Talents rasch in die führenden Kreise auf. Das von Mayhaus mit dem prunkvollen Erker zeugt bis heute davon.
Gabriel wurde 1661 als Sohn eines Kleinrats und damit Regierungsmitglieds in Bern geboren. 32jährig trat er auf niederländischer Seite in das Berner Regiment von Müllinen ein. Als dessen Eigentümer avancierte er nach mehreren Feldzügen im Span. Erbfolgekrieg 1709 zum Brigadier.
Da führte er im gleichen Jahr in Malplaquet, heute in Belgien gelegen, sein Regiment in die Schlacht zwischen Frankreich und den Niederlanden. Und er traf am 11. September 1709 auf seinen Vetter Hans-Rudolf, ebenfalls Brigadier, aber für Frankreich arbeitend.
8000 Eidgenossen blieben an diesem Tag für das Königreich resp. die Republik auf dem Feld liegen.
Das Ereignis sorgte für beträchtlichen Wirbel in der europäischen wie auch eidgenössischen Oeffentlichkeit. Selbst die Tagsatzung musste sich mit dem ausserordentlichen Fall beschäftigen und erliess eine Weisung. Fast 100 Jahre kämpften danach Eidgenossen in einer Schlacht nicht mehr auf beiden Seiten.
Gabriels Aufstieg im aristokratischen Bern trug das Desaster jedoch keinen Abbruch. Er quittierte den Militärdienst nach der Schlacht, heiratete Juliana Effinger aus gutem Hause und politisierte als Grossrat. 6 Jahre lang war er zudem Landvogt in Moudon. 1735 wurde er, wie sein Vater es gewesen war, Kleinrat.
Eine richtige Katastrophe für das damals überaus reiche Berner Patriziat ereignete sich noch zu seinen Lebzeiten. Wiederum stand 1720 ein Börsencrash am Anfang, diesmal aber nicht in Amsterdam, sondern in Paris und London gleichzeitig. Das florierende Privatbankenwesen Berns wurde dabei arg in Mitleidenschaft gezogen. Es sollte sich nicht mehr wirklich erholen und ist seither keine führende Branche mehr, wenn es um Geschäfte in Bern geht.
Bild: Schlacht von Malplaquet, 11.9.1709 (Sammlung Online-Belvedere)


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